Würenlingen
Swissair-Absturz: «Dieser Terrorakt dürfte nie verjähren»

Die Bundesanwaltschaft schliesst die «Akte Swissair 330» mit der Begründung, dass der Fall verjährt sei. Für viele ist dieser Entscheid nur schwer nachvollziehbar.

Pirmin Kramer
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Am 21. Februar 1970 explodierte - kurz nach dem Start - im Frachtraum eine Bombe. Sie war von palästinensischen Terroristen gelegt worden.
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Nach der Bombenexplosion im Frachtraum stürzte die Coronado der Swissair ab.
Trümmerteile liegen nach dem Absturz verstreut im Wald von Würenlingen, ganz in der Nàhe des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) und des AKW Beznau.
Den ersten Helfern zeigt sich ein Bild des Grauens: Trümmer- und Leichenteile liegen verstreut im Wald.
Die Unglücksmaschine: Die Convair-990 Coronado HB-ICD der Swissair.
Passanten sehen sich die Trümmer des Flugzeuges an.
Der Swissair-Captain versuchte nach der Detonation zum Flughafen Kloten zurückzufliegen. Doch Rauch im Cockpit verunmöglichte die Sicht.
Die 38 Passagiere und die 9 Besatzungsmitglieder kamen bei dem Absturz ums Leben.
Pressekonferenz der Eidgenössischen Flugunfall-Kommission: Dr. Jakob Meier vom Wissenschaftlichen Dienst der Zürcher Stadtpolizei zeigt das grösste Trümmerteil. Dr. Jakob Meier vom Wissenschaftlichen Dienst der Zürcher Stadtpolizei zeigt das grösste Trümmerteil.
Die Trümmer der Maschine.
Ehrenzermonie nach der Ankunft der Körper der israelischen Opfer auf dem Flughafen Lod inahe Tel Aviv am 6. März 1970.
Die Trümmer der Maschine.
Links ein neuer, rechts der in den Trümmern gefundene, zerstörrte Höhenmesser, der die Explosion im Frachtraum auslöste.
Ein Wegweiser führt in Würenlingen zum Denkmal bei der Absturzstelle im Wald.
In der Tonhalle in Zürich fand am 26. Februar 1970 eine Trauerfeier statt.
Die Bundesräte Roger Bonvin (links) und Ernst Brugger (rechts) bei der Trauerfeier in der Tonhalle in Zürich.
Bei Würenlingen wird am 7. März 1971 an der Absturzstelle eine Gedenkstätte eingeweiht.
Die Gedenkfeier am 18. Februar 1990 beim Denkmal auf der Absturzstelle.

Am 21. Februar 1970 explodierte - kurz nach dem Start - im Frachtraum eine Bombe. Sie war von palästinensischen Terroristen gelegt worden.

Keystone

Das Strafverfahren im Zusammenhang mit dem Flugzeugabsturz am 21. Februar 1970 in Würenlingen, bei dem alle 47 Insassen ums Leben kamen, wird wegen Verjährung nicht wieder aufgenommen. Dies gab die Bundesanwaltschaft vor gut einem Monat bekannt. Der ehemalige Würenlinger Gemeindeammann Arthur Schneider stellte ein Wiederaufnahmegesuch, nachdem die «NZZ» und der «Beobachter» ein Dokument der amerikanischen Bundespolizei veröffentlicht hatten, das eine neue Täterschaft ins Spiel brachte. Zum Absturz des Swissair-Flugs 330 nach Tel Aviv führte eine Bombe, die im Frachtraum der Coronado explodierte; zwei Terroristen der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO gelten als mutmassliche Täter.

Geteilte Meinungen

Zur Nichtwiederaufnahmeverfügung gehen die Meinungen auseinander. Der schweizweit bekannte und mehrfach ausgezeichnete Historiker Pirmin Meier (71), der in Würenlingen aufgewachsen ist, hat den Knall des Absturzes der Swissair noch immer in den Ohren. «Verbrechen gegen die Menschlichkeit dürfen nicht verjähren», sagt er, angesprochen auf den Entscheid der Bundesanwaltschaft. «Und ohne Zweifel muss der Terroranschlag auf die Coronado als solches Verbrechen taxiert werden.» Es handle sich um das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf helvetischem Boden seit dem Bluttag von Greifensee 1444, an dem über 50 Besatzer einer Festung enthauptet wurden. Meier sagt weiter: «Der juristische Umgang mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit muss auch dem internationalen Vergleich standhalten. Kleine Helfershelfer von Auschwitz werden auch heute noch zu Recht vor Gericht gestellt, ihre Taten verjähren nicht. Und auch der Terrorakt von Würenlingen dürfte nicht verjähren», sagt Meier.

Luzi Stamm (SVP), Nationalrat und ehemaliger Bezirksrichter aus Baden, argumentiert ähnlich: «Ich kann nur schwer nachvollziehen, warum der Flugzeugabsturz verjährt sein soll. In der Rechtsprechung gibt es eine zunehmende Tendenz zur Unverjährbarkeit; doch ausgerechnet ein Terrorakt, der auf Schweizer Boden geschah, wird nun für immer ad acta gelegt. Das passt wie die Faust aufs Auge.»

Aargauer Nationalräte hatten sich für eine Wiederaufnahme der Ermittlungen starkgemacht. Thierry Burkart (FDP) aus Baden: «Ich habe die Nachricht mit Bedauern zur Kenntnis genommen, zumal das Verbrechen damit ungesühnt und den Angehörigen der Opfer die schmerzhafte Ungewissheit bleibt.» Er habe aber den Eindruck, dass die Bundesanwaltschaft sich noch einmal seriös mit der Angelegenheit befasst habe. «Es bleibt wohl nichts anderes übrig, als das Kapitel abzuschliessen.»

Keine neue Erkenntnisse

Nationalrat Maximilian Reimann (SVP) war 1969 Delegierter des Internationalen Roten Kreuzes in Gaza. «Weil es sich bei den Attentätern mutmasslich um zwei Terroristen der PLO handelte und das Flugzeug ausgerechnet in meinem Heimatkanton abstürzte, hat mich der Fall persönlich sehr beschäftigt», sagt Reimann.

Wegen des neu aufgetauchten Berichts des FBI wurde er letztes Jahr beim Bundesrat vorstellig mit der Bitte, das Verfahren solle neu aufgerollt werden. «Danach hatte ich drei Mal Kontakt mit Bundesanwalt Michael Lauber. Er versicherte mir, dass die Akte nochmals in aller Seriosität geprüft werde, auch anhand der neu aufgetauchten Dokumente. Meiner Meinung nach hat die Bundesanwaltschaft ihr Möglichstes getan und das Wiederaufnahmegesuch korrekt und seriös geprüft. Zu relevanten neuen Erkenntnissen ist sie aber nicht gekommen und deshalb bin ich der Ansicht, dass es nun an der Zeit ist, einen Schlussstrich zu ziehen.» Ihm sei aber gleichzeitig bewusst, dass die Angehörigen der Opfer noch immer auf Klarheit warten, und dass der Entscheid der Bundesanwaltschaft aus ihrer Sicht enttäuschend sei, sagt Reimann.