Kaiserstuhl

Wegen US-Steuergesetz: Heute Abend geht die Ära des renommierten Laxdal-Theaters zu Ende

Am Silvesterabend fällt im Laxdahl-Theater der letzte Vorhang. «Viele, die ihr Interesse für eine Übernahme bei uns angemeldet haben, sind reine Träumer», sagte Tyko Strassen, der Leiter des Laxdal-Theaters.

Andreas Fretz
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«Es ist mir wichtig, dass das Laxdal-Theater in guter Erinnerung bleibt», sagt Leiterin Katerina Laxdal an der Seite ihres Ehemannes Tyko Strassen. Das renommierte Theater in Kaiserstuhl schliesst am heutigen Silvesterabend.

«Es ist mir wichtig, dass das Laxdal-Theater in guter Erinnerung bleibt», sagt Leiterin Katerina Laxdal an der Seite ihres Ehemannes Tyko Strassen. Das renommierte Theater in Kaiserstuhl schliesst am heutigen Silvesterabend.

20 Jahre bestimmte das Laxdal-Theater das Leben der zierlichen Frau mit dem blonden Haar. Heute, zwei Stunden vor dem Jahreswechsel, fällt der letzte Vorhang. «Ich kann es noch gar nicht fassen», sagt Katerina Laxdal mit leiser Stimme. Die Witwe von Theater-Gründer Jón Laxdal (1933–2005) kämpft gegen die Tränen – vergebens.

Neben ihr sitzt Tyko Strassen, ihr Partner und neuer Ehemann. Gemeinsam haben sie in den letzten Jahren das Theater geleitet. «Für Katerina ist es noch schwieriger als für mich. Ich war ja nur acht Jahre dabei», sagt er. Dann nimmt er demonstrativ einen Schluck aus der Bierflasche, wie um zu zeigen, dass auch er mit der Situation zu kämpfen hat, und fügt an: «Das mache ich sonst nie um diese Zeit.»

Es ist 14 Uhr. Passend dazu heisst das letzte Stück, das im Kaiserstuhler Amtshauskeller aufgeführt wird, «der Trinker». Als das Stück angesetzt wurde, wusste noch niemand, dass das Laxdal-Theater Ende Jahr schliessen wird. «Die Symbolik ist fast unheimlich», sagt Katerina Laxdal. «Der Trinker» sei kein Gute-Laune-Stück, keine Komödie.

Kontosperrung als Auslöser

Als im Oktober bekannt wurde, dass das renommierte Theater trotz ausverkaufter Vorstellungen und zuverlässig fliessender Subventionsgelder an Silvester 2016 schliesst, ging die Meldung weit über die Kantonsgrenzen hinaus.

Die Umstände, die zur Schliessung führen, sind bizarr und haben rein gar nichts mit Kultur zu tun. Der Grund liegt im langen Arm der US-Steuerbehörden. Auslöser ist der nach wie vor unklare Steuerstatus des in den USA geborenen Schweizers Tyko Strassen.

Wegen dieser Unklarheit hat die Postfinance das gemeinsame Privatkonto des Ehepaars aufgelöst und die elektronischen Finanzdienstleistungen gesperrt. «Wir sind inzwischen am Postschalter sehr beliebt», sagt Strassen mit einem Lachen.

Das Erledigen von finanziellen Angelegenheiten ist extrem kompliziert geworden. So kompliziert, dass dieser Zusatzaufwand das Führen des Theaters neben der Berufstätigkeit unmöglich macht. Strassen ist Mathematiker, seine Frau Fachärztin.

Das Ende hinterlässt beim Ehepaar Wehmut und Trauer. Aber auch Frust, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Die beiden geben auch zu, dass die letzten Monate für ihre Beziehung eine Belastungsprobe waren.

Vor 30 Jahren hatte Jón Laxdal das Theater gegründet, seit 1991 ist es im Keller des alten Amtshauses. Nach dem Tod Jón Laxdals 2005 nahm Katerina das Heft in die Hand. «Ich bin stolz und zufrieden, dass das Theater nach Jóns Tod elf Jahre erfolgreich weiterexistieren konnte», sagt sie. «Es ist mir wichtig, dass das Laxdal-Theater in guter Erinnerung bleibt.»

In diesen letzten Tagen und Stunden müsse sie noch funktionieren. «Die ungefilterte Ladung an Emotionen kommt wohl erst, wenn der letzte Vorhang gefallen ist.» Seit 20 Jahren verbringt Katerina Laxdal jeden Silvester im Theater.

Wie immer finden auch heuer am letzten Tag des Jahres zwei Vorstellungen statt. «Wir haben bewusst die Direktive herausgegeben, dass wir eine ganz normale Vorstellung wollen», sagt Tyko Strassen.

Keine Verabschiedung, keine rührseligen Szenen auf der Bühne. Nur die Schauspieler erhalten in ihrer Garderobe von Katerina Laxdal einen Blumenstrauss. Danach geht die Theatergesellschaft wie alle Kaiserstuhler auf die nahe gelegene Zollbrücke und feiert den Übergang ins neue Jahr.

Weil nach einer früheren Grossbestellung noch eine Halbjahres-Ration Champagner auf Lager ist, dürfte es ein feuchter und trotz allem vielleicht auch fröhlicher Abschied vom alten Jahr und vom Theaterdasein werden.

Der Name Laxdal ist Tabu

Danach gelte es, wieder etwas Normalität ins Leben zu bringen. «Wir waren in den letzten Monaten überfordert», sagt Tyko Strassen. Doch Sorgen machen müsse man sich nicht um die Zukunft des Paares aus Bülach, versichert er.

Wie es im Theater-Keller weitergeht, das überlassen die beiden anderen. Etwa der Genossenschaft Amtshaus, die die Räumlichkeiten vermietet, oder dem Aargauer Kuratorium, welches das Laxdal-Theater 2016 mit 75 000 Franken unterstützt hat.

Dass eine neue Lösung mit Schauspieler und Regisseur Peter Niklaus Steiner gefunden wird, halten sie für möglich, einmischen wollen sie sich aber nicht. Ihr Mietvertrag läuft per Ende März aus. Bereits Ende Januar wollen sie für sich das Kapitel abgeschlossen und das alte Amtshaus geräumt haben.

Klar ist, dass auf Wunsch des Paares der Name Laxdal von allfälligen Nachfolgern nicht verwendet werden darf. Unklar ist, was mit dem Equipment und dem Theater-Fundus geschieht.

«Falls es eine seriöse Nachfolgeregelung gibt, würden wir eine grosszügige Lösung anbieten», sagt Strassen. Auf 50 000 Franken schätzt er den Neuwert der Ausrüstung.

Die beiden geben zu bedenken, dass die Leitung eines Theaters eine Menge Herzblut erfordert. «Viele, die ihr Interesse bei uns angemeldet haben, sind reine Träumer», sagt Tyko Strassen. Nüchtern betrachtet brauche es viel Geld und eine grosse Portion Verrücktheit, um ein solches Projekt langfristig am Laufen zu halten.

«Wir haben jedes Jahr mehrere Tausend Franken aus unserem Privatvermögen reingesteckt», sagt er. Nun freuen sie sich darauf, Silvester in Zukunft auch mal zu Hause zu feiern oder als ganz normale Zuschauer ein Theater zu besuchen. «Doch den Kontakt zu den Zuschauern, zum Stammpublikum, den werde ich schmerzlich vermissen», sagt Katerina Laxdal.