Treibjagd auf trächtige Tiere? Zentralschweizer Jäger sorgen in Österreich für einen Skandal

Kilian Küttel
Für mehrere Jäger aus den Kantonen Schwyz und Luzern hat ein Ausflug nach Vorarlberg ein Nachspiel: Weil sie trächtige Tiere erlegt haben sollen, fegt ein Sturm der Entrüstung über sie. Gegen die Darstellung wehren sich die Weidmänner vehement.

Treibjagd auf trächtige Tiere? Zentralschweizer Jäger sorgen in Österreich für einen Skandal

Kilian Küttel
Für mehrere Jäger aus den Kantonen Schwyz und Luzern hat ein Ausflug nach Vorarlberg ein Nachspiel: Weil sie trächtige Tiere erlegt haben sollen, fegt ein Sturm der Entrüstung über sie. Gegen die Darstellung wehren sich die Weidmänner vehement.

Treibjagd auf trächtige Tiere? Zentralschweizer Jäger sorgen in Österreich für einen Skandal

Für mehrere Jäger aus den Kantonen Schwyz und Luzern hat ein Ausflug nach Vorarlberg ein Nachspiel: Weil sie trächtige Tiere erlegt haben sollen, fegt ein Sturm der Entrüstung über sie. Gegen die Darstellung wehren sich die Weidmänner vehement.
Kilian Küttel

Zwei Gemsen im Schnee – ganz offensichtlich gerade nicht durch eine Treibjagd bedrängt. Symbolbild: Urs Flüeler/Keystone

Eine Schotterpiste im Sonnenschein, ein Schneefeld am Strassenrand. Dort liegt eine Gemse, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen starren ins Leere. Sie ist leblos, tot, erlegt. So wie vier weitere Gemsen, ein Rehkitz und ein Rothirsch.

Fontanella. Eine 450-Einwohnergemeinde im Bezirk Bludenz, Bundesland Vorarlberg, Österreich. 180 Kilometer von Luzern und knapp 40 Kilometer von der lichtensteinisch-österreichischen Grenze entfernt. Was geschah am 30. März 2019 im dortigen Jagdgebiet? Glaubt man den Schilderungen österreichischer Medien, war es Unerhörtes. So schreibt die «Kleine Zeitung» mit einer Auflage von knapp 280 000 Exemplaren: «Eine Treibjagd im hohen Schnee auf teils trächtige Tiere sorgt derzeit in Vorarlberg für Unmut. Der Pächter eines Jagdreviers soll (...) eine Hatz mit Jagdhunden veranstaltet haben.» Dabei handelt es sich um einen Jäger aus dem Kanton Schwyz, der einen Onlineshop für Jagdzubehör betreibt und Jagdreisen veranstaltet. Zur Jagdgesellschaft gehörten weitere Männer aus den Kantonen Luzern und Schwyz. Das belegen Fotos von Autos mit den entsprechenden Kennzeichen, die an jenem Tag vor Ort aufgenommen wurden und die unserer Zeitung vorliegen. Insgesamt nahmen neun Personen an der Jagd teil, nebst den Zentralschweizern waren mindestens zwei Österreicher darunter, einer davon ein Hundeführer.

Die Schweizer Weidmänner stehen nicht nur im Fokus der Presse, sondern sie zogen auch den Unmut des Vorarlberger Jagdverbandes auf sich. Denn dieser verurteilt die vermeintliche Hatz aufs Schärfste:

«Eine Treibjagd auf hochträchtige Tiere ist moralisch höchst verwerflich und sollte auch rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.»

In einer Pressemitteilung vom 11. April lässt sich der zuständige Landesjägermeister Christof Germann zusätzlich so zitieren: «Das Verhalten der Beteiligten entbehrt jeglicher Jagdethik und zeugt von keinem weidmännischen Verhalten oder Respekt vor Tieren.» Zwei Tierschutzvereine verlangen von der Bludenzer Jagdbehörde Antworten zum Vorfall. Das Schreiben liegt unserer Zeitung vor. Und Carl Sonnthal vom schweizerischen Tierschutzblog «Wild beim Wild» bewertet das Geschehene im Gespräch mit unserer Zeitung als «ethisch nicht vertretbar, schlicht ein Skandal».

Viel Aufhebens in Fontanella. Was geschah am 30. März im dortigen Jagdgebiet? Eine erste Anfrage bei den Beteiligten führt ins Leere. Ein Luzerner will nichts sagen, und lässt durchblicken, dass er eine Berichterstattung in dieser Sache überhaupt nicht schätzt. Ein Schwyzer Jäger willigt zuerst für ein Gespräch ein, überlässt die Kommunikation danach aber dem Jagdpächter persönlich. Glaubt man dessen Schilderungen, geschah nichts Aussergewöhnliches.

Der Schwyzer Pächter, der anonym bleiben will, schreibt in einer Stellungnahme auf unsere Fragen:

«Die Anschuldigungen, ich hätte eine Treibjagd veranstaltet und Tiere durch den Tiefschnee getrieben, sind völlig unzutreffend.»

Am 30. März habe vielmehr eine sogenannte Bewegungsjagd stattgefunden. «Dabei treiben die Hunde das Wild nicht, wie man es vielleicht aus historischen Hetzjagden in England kennt, sondern bewegen es langsam und ohne grossen Druck aus den Einständen.» Für Nicht-Jäger: Als Einstand gelten jene Orte, an denen sich das Wild normalerweise aufhält, wenn keine Jagd stattfindet.

Demgegenüber sagt Tierschützer Carl Sonnthal: «Es ist ein Märchen, dass das Wild bei der Bewegungsjagd nicht unnötig aufgeschreckt und Stress ausgesetzt wird. Eine Bewegungs- oder Drückjagd mit bellenden Hunden ist nichts anderes als eine Form von Treibjagd – einfach nicht hoch zu Pferd wie in England.»

Geteilte Meinung in Fontanella. Was geschah am 30. März im dortigen Jagdgebiet? Glaubt man den Schilderungen des Waldvereins Vorarlberg, ging alles mit rechten Dingen zu. Auch dieses Netzwerk aus Waldbesitzern, Forstleuten und Jägern veröffentlichte eine Pressemitteilung. Darin heisst es: «Die in den Medien verbreitete Behauptung, dass eine Treibjagd durchgeführt wurde und Wild durch tiefen Schnee gehetzt wurde, ist schlichtweg falsch.» Mitunter auch, weil der grösste Teil der «bejagten Fläche» schneefrei gewesen sei.

Grosse Unklarheit in Fontanella. Was am 30. März im dortigen Jagdgebiet genau geschah, bleibt unklar. Aussage steht gegen Aussage. Unbestritten aber sind drei Dinge:

Erstens war es am fraglichen Tag grundsätzlich zulässig zu jagen. Bis zum 31. März war die Schonzeit in diesem Gebiet aufgehoben.

Zweitens haben die Behörden Kenntnis vom Vorfall und prüfen die Geschehnisse, wie die Bezirkshauptmannschaft Bludenz auf Anfrage unserer Zeitung sagt. Weitere Informationen gibt sie mit Verweis auf den Datenschutz nicht Preis.

Drittens wird die Schweizer Jägergruppe so schnell nicht mehr im betroffenen Gebiet auf die Jagd gehen. Die Pacht des Schwyzers ist am 1. April 2019 ausgelaufen. Also zwei Tage nach der umstrittenen Jagd.