Basis- oder High-End-Equipment?

So wie ein Rennfahrer ein massgeschneidertes Cockpit benötigt, ist auch im Sim-Racing eine passende Hardware erforderlich, um sich auf höchstem Niveau messen zu können. Ein Check mit Rennfahrern und Sim-Racern zeigt: Die teuerste Ausrüstung garantiert nicht zwingend die schnellste Rundenzeit.

pd / pae
Drucken
Teilen
Ein "Widescreen-MOnitor" mit hoher Übertragungsrate sorgt für gutes Bild.

Ein "Widescreen-MOnitor" mit hoher Übertragungsrate sorgt für gutes Bild.

zvg

Sim Rig, Force Feedback, Direct Drive oder Widescreen: Mit solchen Begriffen kann jeder, der sich etwas intensiver mit Sim-Racing beschäftigt, etwas anfangen. Sie stehen für einige der Hardware-Komponenten, mit denen virtuelle Rennen auf höchstem Niveau bestritten werden können. Im wesentlichen besteht eine gehobene Ausrüstung aus einem massiven und stabilen Metallgestell, in das ein Rennsitz integriert ist – das so genannte Sim Rig. Zu solch einem Rig gehört in der Regel auch ein Bildschirm, am besten ein hochauflösender. Ein Lenkrad mit entspechendem Motor sowie eine Pedalerie sind ebenfalls obligatorisch.

Virtuelle Herausforderung

So ausgestattet geht aktuell unter anderem BMW Werksfahrer Philipp Eng regelmässig in virtuellen BMW Rennfahrzeugen wie dem BMW M8 GTE in der IMSA iRacing Pro Series oder dem BMW Z4 GT3 in der Digitalen Nürburgring Langstrecken-Serie an den Start. Und das mit Erfolg: Vor wenigen Wochen hat er die "iRacing 24h Nürburgring" gewonnen und damit den bisher grössten Erfolg seiner Sim-Racing-Karriere gefeiert.

Diese begann mit 17 Jahren, als er zu Hause seinen Schreibtisch in einen Rennsimulator umgebaut hat. "Ich habe die Schulhefte zur Seite geschoben, mein Lenkrad am Schreibtisch festgeklemmt, die Pedale am Boden fixiert – und los ging’s", erinnert sich Eng. Heute sind seine Ansprüche gestiegen. "Wichtig ist aus meiner Sicht ein stabiles Rig, das nicht wackelt. Ich lege zudem Wert darauf, dass die Sitzposition der Realität im Rennfahrzeug so nah wie möglich kommt", sagt Eng. "Das Wichtigste ist für mich aber ein guter Lenkradmotor. Denn das Lenkrad ist für mich in einem statischen Simulator die einzige Verbindung zur Fahrbahn. Nur über diese Rückmeldung fühle ich, wie sich das Auto bewegt, und eben nicht wie in der Realität am ganzen Körper. Dabei hilft mir das so genannte Direct Drive, bei dem die virtuelle Lenksäule direkt in den Lenkungs-Motor führt, genauso wie im echten Rennfahrzeug auch. Das resultiert in einer deutlich direkteren Reaktion des Lenkrads."

Rig und Pedale sind entscheidend

Echte Experten im virtuellen Rennsport sind die Top-Sim-Racer Laurin Heinrich und Alexander Voß, die gemeinsam mit Eng das virtuelle 24-Stunden-Rennen auf der Nordschleife gewonnen haben. Voß sagt zum Thema Hardware: "Ein gutes Rig und gute Pedale machen aus meiner Sicht schon mehr als die halbe Miete eines Top-Equipments aus." Sein Direct-Drive-Lenkrad ist noch Marke Eigenbau, denn als er es vor sechs, sieben Jahren begann, gab es diese Technologie noch nicht zu kaufen. In diesem Punkt ist Heinrich einen etwas anderen Weg gegangen. "Ich habe kein selbst gebautes Lenkrad sondern mir vor kurzem ein neues Direct-Drive-Modell gekauft. Ich nutze ein Lenkrad im DTM-Stil, weil ich damit am besten zurechtkomme."

Beide Sim-Racer haben genauso wie Eng als Bildschirm einen 49-Zoll-Widescreen-Monitor mit 144 Hertz. "Ein Monitor mit schneller Reaktionszeit macht extrem viel aus, denn er vermittelt ein sehr reales Geschwindigkeitsgefühl und schont die Augen", erklärt Heinrich. Eng ergänzt: "Diese hohe Bildübertragungsrate ist enorm wichtig, damit ich Bewegungen, die ich am Lenkrad spüre, auch ohne Verzögerung am Bildschirm sehe." Das ebenfalls in der Szene oft genutzte System mit drei Bildschirmen, die vor allem seitlich ein noch größeres Blickfeld bieten, hält Eng wir nicht unbedingt nötig, denn: "Im echten Rennfahrzeug schaue ich ja auch nicht durch das Seitenfenster."

Welches Equipment ist nötig, um mit den Besten mitzuhalten?

Generell stellt sich bei der Hardware für das Sim-Racing eine Frage: Welches Equipment ist nötig, um mit den Besten mithalten zu können? Und: Muss der Rennsimulator mit allem Zubehör unbedingt einen fünfstelligen Betrag kosten?

Professionelles "Rig" mit Rennsport-Sitz.

Professionelles "Rig" mit Rennsport-Sitz.

zvg

Ein Mann, der zeigt, dass es auch anders geht, ist Walkenhorst Motorsport Fahrer Christian Krognes. Er betreibt das Sim-Racing erst seit einigen Wochen intensiv und tritt im BMW Z4 GT3 in der DNLS (Digitale Nürburgring Langstrecken-Serie) an. Obwohl seine Ausrüstung eher an das erinnert, was Eng in seinen Anfängen mit 17 Jahren verwendet hat, fährt Krognes auf der virtuellen Nordschleife beeindruckende Rundenzeiten und kämpft um Spitzenplätze. "Ich sitze im Prinzip an einem normalen Tisch auf einem normalen Stuhl. Tagsüber mache ich an dem Tisch mein normales berufliches Homeoffice, abends klemme ich dann mein Lenkrad fest und fahre ein paar Stunden", erklärt Krognes. Seine Pedale sind auf einer Box unter dem Tisch befestigt, ein Sim Rig aus Metall, das die gesamte Konstruktion fixiert, gibt es nicht. Das führt ab und zu zu Problemen. "Wenn ich zu hart bremse, kann es schon manchmal passieren, dass ich mit dem Stuhl etwas nach hinten rutsche", sagt Krognes. Er denkt nun darüber nach, sich ein einfaches Rig selbst zu bauen.

Ab wann macht eine High-End-Ausrüstung Sinn?

Wie kann es sein, dass Krognes trotz relativ einfacher Ausrüstung in einer so stark besetzten Rennserie wie der DNLS mithalten kann? "Teurer ist nicht gleich schneller", sagt Eng. "Es gibt auch viele Pro-Sim-Racer, die kein ganz so hochwertiges Equipment haben und mir trotzdem um die Ohren fahren." Das bestätigt auch Voß: "Du bist nicht automatisch eine halbe Sekunde schneller, nur weil du mehrere tausend Euro in einen guten Simulator investierst. Man gewöhnt sich an alles – auch an sehr einfaches Equipment. Gewohnheit spielt eine sehr grosse Rolle. Erst, wenn es darum geht, die letzten paar Zehntelsekunden herauszuholen, denke ich schon, dass man sich mit gutem Equipment leichter tut. Vor allem kann man aus meiner Sicht aber mit guten Pedalen und einem guten Lenkrad konstanter seine Leistung abrufen. Es ist intuitiver." Diesen Eindruck bestätigt auch Krognes: "Ich denke nicht, dass ich mit einem hochwertigen Equipment deutlich schneller wäre, aber wahrscheinlich konstanter. Ein Langstreckenrennen kann auf einem normalen Stuhl schon etwas ungemütlich werden."

Die gute Nachricht für Hobby-Racer lautet also, dass man auch mit überschaubarem Budget eine Hardware bekommt, mit der man im Sim-Racing konkurrenzfähig ist. Erst, wenn man viele Stunden am Tag am Lenkrad verbringt oder in der absoluten Spitze die letzten Zehntelsekunden finden will, macht es Sinn, in eine High-End-Ausrüstung zu investieren.

Mehr zum Thema

Schweizer Formel-E-Profis überzeugen virtuell

Die Schweizer Formel-E-Fahrer hinterlassen im zweiten Rennen der virtuellen Meisterschaft einen starken Eindruck. Der Bernern Oberländer Nico Müller schafft es als Dritter sogar auf das Podest.