Funktioniert ein E-Auto bei -30 Grad? Unser Autor macht den Härtetest

Immer mehr elektrische Autos erobern die Strassen – auch in Ländern mit besonders kalten Wintern. Dank ihrer speziellen Bauweise bieten die Stromer bei tiefen Temperaturen einige Vorteile.

Philipp Aeberli
Hören
Drucken
Teilen
Probieren geht über studieren: Porsche setzte den Taycan den extremen Bedingungen Lapplands aus.

Probieren geht über studieren: Porsche setzte den Taycan den extremen Bedingungen Lapplands aus. 

Bild: zvg

Bei minus 22 Grad Celsius gefriert Diesel zu Gel; Benzin gefriert bei minus 45 Grad. Temperaturen, die wir hierzulande nur noch selten und wenn, dann im hohen Gebirge antreffen.

In Lappland, im Norden Finnlands, sind solche Messwerte keine Ausnahme. Autos, die über Nacht im Freien stehen, werden mit einer elektrischen Motorheizung ausgestattet, die über eine Steckdose betrieben wird – ansonsten ist die Chance, dass das Auto morgens nicht anspringt, zu hoch. Das zeigt, dass unter solchen Extrembedingungen auch moderne und ausgereifte Autos mit Verbrennungsmotor an ihre Grenzen stossen.

Der ideale Ort also, um die Win­tertauglichkeit eines E-Autos der ­neuesten Generation auf die Probe zu stellen. Denn auch wenn der E-Antrieb viele Vorteile bietet, stösst er ­vielenorts auf Skepsis. Vor allem, wenn kalte Tempe­raturen ins Spiel gebracht ­werden.

Das Thermometer zeigt minus 33 Grad. Etwas weiter draussen auf einem zugefrorenen See habe das Thermometer sogar minus 39 Grad angezeigt. Doch der Porsche Taycan Turbo S kann, wie alle neuen E-Autos, bequem vorgeheizt werden. So steht er mit fast vollem Akku und gemütlichen 22 Grad Innenraumtemperatur zur Abfahrt bereit. Eine 175 Kilometer lange Tour zum «Porsche Experience Center» in Levi, 1000 Kilometer nördlich von Helsinki, ist ins Navi programmiert.

Wenn man sich vor ­Augen führt, dass die Klimaanlage die Temperatur im Auto 55 Grad über der Aussen­temperatur halten muss, erhält man einen ersten Eindruck davon, wie stark das Auto bei solchen Temperaturen gefordert wird. Am eigenen Leib erfährt man es, wenn man im Freien steht – oder warmes Wasser in die Luft steigen lässt; es rieselt als Pulverschnee zu ­Boden.

Eigener Modus für hohe Reichweite

«Bei extremer Kälte verliert der Akku an Leistungsfähigkeit», erklärt Roberto Sasso, Produktmanager bei der Porsche Schweiz AG. Der Grund dafür liegt im Innern des Akkus; hier stellt das Elektrolyt-Gel sicher, dass die Ionen von der Kathode zur Anode fliessen können; bei Kälte wird dieses Gel ­fester, der Strom fliesst träger. Die Energie im Akku geht also auch bei ­tiefen Temperaturen nicht verloren, sie kann aber immer schlechter ab­gerufen werden. «Darum verfügt der Taycan über ein intelligentes Thermomanagement», erklärt Sasso. Das heisst: Die Batterie wird, wenn immer möglich, im optimalen Tempera­turfenster gehalten. Um die volle ­Leistung abgeben zu können, muss die Batterie zwischen 25 und 30 Grad warm sein.

Um eine möglichst hohe Reichweite zu erzielen, kann der Taycan im «Range-Modus» gefahren werden. Das verändert nicht nur die Höhe des Luftfahrwerks und die Kraftverteilung des Allradantriebs, sondern regelt auch das Temperieren der Batterie; bei extremer Kälte wird sie nur bis knapp über den Gefrierpunkt beheizt. So erreicht das Auto zwar nicht seine maximale Beschleunigung, fährt aber so weit wie möglich.

Die Wärme für Innenraum und ­Batterie erzeugt der Taycan über elektrische Heizer und über eine Wärmepumpe, welche die Abwärme der elektrischen Komponenten nutzt. Dadurch geht weniger Strom für die Heizung verloren.

Wird die Batterie tiefenentladen, kann sie unwiderruflich beschädigt werden. Gerade wenn sie bei Kälte komplett geleert wird, kann das schnell passieren. Deswegen haben E-Auto-Batterien einen Tiefenentladungsschutz. Das heisst: Wenn das Auto mit leerem Akku stehen bleibt, ist der Akku noch nicht ganz leer.

«Beim Taycan sind 6 Prozent Akkukapazität als Reserve eingerechnet»

, erklärt ­Sasso. Mit ihr kann der Stromer noch ein paar Meter im Schritttempo zurücklegen – hilfreich, wenn man beispielsweise mitten auf einer Autobahnausfahrt stehen bliebe. Vor allem aber wird die Reserve gebraucht, um den Akku am Leben zu halten, bis er wieder geladen werden kann.

Gerade im Winter ist es also durchaus sinnvoll, das E-Auto über Nacht an eine Ladestation anzuschliessen. Denn so kann nicht nur der Innenraum, sondern auch die Batterie mit Strom aus dem Netz auf Temperatur gebracht werden, ohne dass dadurch Reichweite verloren geht.

Schliesslich wird die 175 Kilometer lange Fahrt faktisch zur Punktlandung; 15 Kilometer Restreichweite zeigt der Bordcomputer an. Mit voll geladenem Akku wären also 200 Kilometer ­möglich – bei Temperaturen von ­weniger als minus 30 Grad, Eis und schneebedeckter Strasse und auf Spikes, die einen hohen Rollwiderstand aufweisen und damit die Reichweite weiter verringern. Das ist natürlich deutlich weniger als der von Porsche angegebene Langstreckenwert von 370 Kilometern (WLTP), doch zeigt es, dass Reisen mit dem E-Auto auch im Winter möglich sind; selbst unter extrems­ten Bedingungen lassen sich vernünftige Strecken zwischen den Lade­stopps fahren.

Neue Allrad-Welt, perfekt ausbalanciert

Nach erfüllter Pflicht auf der Strasse und einer knapp 30 minütigen Pause an der Schnellladestation zeigt der Taycan auf dem eisigen Untergrund des Porsche-Trainingsgelände schliesslich in der Kür, dass die E-Mobilität abseits von Reichweite und Ladezeiten in Sachen Fahrdynamit komplett neue Welten eröffnet.

Natürlich ist die Sportlimousine mit 2,3 Tonnen Leergewicht kein leichtes Auto. Doch das Gewicht sitzt in der Fahrzeugmitte und weit unten im Auto, wodurch der Wagen perfekt ausbalanciert ist und sich präzis kontrollieren lässt. Vor allem ist bei ausge­schalteter Stabilitätskontrolle deutlich zu spüren, dass der Allradantrieb mit je einer E-Maschine an Vorder- und Hinter­achse einem konventionellen System mit Differenzialen zweifellos überlegen ist. Denn der elektrische Allrad verteilt die Kraft unglaublich feinfühlig, direkt.

So lässt sich der E-Sportler auf Eis unge­mein flink bewegen und präzis kontrollieren – sobald man sich an die neuen Möglichkeiten des E-Antriebs gewöhnt hat.

Genauso ist es letztlich auf der Strasse: Wer sich an das Planen von Ladestopps und die Annehmlichkeiten wie das ferngesteuerte Vorheizen gewöhnt hat, wird die neue Welt der E-Mobilität auch im Winter nicht mehr missen wollen.

Weitere Artikel unserer Mobil-Redaktion finden Sie hier: