Konservative Alternative

Abgesehen vom Antrieb unterscheidet sich der Opel Corsa e kaum von seinen Geschwistern mit Verbrennungsmotor. Fluch oder Segen?

Philipp Aeberli
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Optisch ist der Opel Corsa e kaum von den Varianten mit Verbrennungsmotor zu unterscheiden.

Optisch ist der Opel Corsa e kaum von den Varianten mit Verbrennungsmotor zu unterscheiden.

Bild: HO

Die Botschaft, welche Opel mit dem neuen Corsa e aussenden will ist klar: Der Corsa e soll ein ganz normaler Kleinwagen sein, nur halt mit E-Antrieb. Kein futuristisches Raumschiff mit Hightech-Schnickschnack, sondern ein Auto für den Alltag.

Optische Experimente bleiben folgerichtig gänzlich aus – sowohl aussen, wie auch innen. Der Corsa e sieht genauso aus, wie seine Geschwister mit Verbrennungsmotor, selbst der Kühlergrill bleibt komplett unangetastet. Nur das Fehlende Auspuffendrohr am Heck deutet auf die Stromversion hin. Auch im Innenraum gibt sich der Strom-Corsa konservativ. Einige Grafiken auf dem Touchscreen und dem Tacho-Display sind angepasst, ansonsten herrscht hier die schlichte Sachlichkeit, wie man sie im Kleinwagen erwartet. Und das ist zunächst auch gut so.

Einsteigen, Startknopf drücken, am Automatik-Wählhebel auf Fahrstufe «D» stellen und lautlos losrollen. Genauso normal, wie bei jedem Kleinwagen mit Automatikgetriebe – nur leiser und geschmeidiger.

Angenehm unauffällig

Diese Unauffälligkeit setzt sich in angenehmster Form auch während der Fahrt fort. Der E-Antrieb ist durchzugsstark und spontan, was den Corsa leichtfüssig durch die Stadt stromern lässt. Für die Autobahn sind die 136 PS ausreichend, zumal der Corsa hier mit gutem Federungskomfort punktet.

Allerdings muss man hier spürbare Nickbewegungen in Kauf nehmen, insbesondere beim stärkeren Bremsen, wo das durch die Akkus recht hohe Gewicht spürbar wird. Ansonsten lässt sich der Kleinwagen aber nicht viel zu Schulden kommen. Das Platzangebot ist ausreichend, die Sitzposition passt, auch wenn sich Grossgewachsene etwas mehr Verstellmöglichkeiten wünschen. Insgesamt ist der Opel für Stadtfahrten aber ein fast perfektes Auto: wendig, komfortabel und effizient. Gerade auf Kurzstrecken, wo ein Benziner oder Diesel gar nicht erst auf Betriebstemperatur kommt. Doch wie sieht es aus, wenn man gelegentlich eine Langstrecke unter die Räder nehmen will?

Ausdauernd, aber wenig hilfsbereit

Opel gibt für den Corsa e eine Reichweite von 330 Kilometern nach WLTP an. Ein guter Wert, den der Stromer vor allem dank seinem 50-kW/h-Akku, der rund 345 kg wiegt, und seinem geringen Verbrauch erreicht. Im Test waren es schliesslich 14,5 kWh/100 km, wobei der Stromer gemischt auf Autobahnen und im Stadtverkehr bewegt wurde. So sind knapp 300 Kilometer problemlos möglich; bei reiner Autobahnfahrt sind es dann eher 250 Kilometer, über Land und in der Stadt kann man die Werksangabe auch übertreffen. Das ist durchaus alltagstauglich – und überwindet die berüchtigte «Reichweitenangst». Wenn das nicht reicht, ist der Akku an einer Gleichstrom-Schnellladesäule mit 100 kW Leistung in 30 Minuten wieder zu 80 Prozent geladen. Das macht den Corsa e durchaus reisetauglich – mit einem kleinen «Aber».

Denn auch in Sachen Navigation ist der Corsa e kaum von seinen Verbrenner-Brüdern unterscheidbar. Wer eine passende Ladestation finden will, muss sich dafür durch die Untermenüs klicken – oder die Ladestation per Smartphone-App lokalisieren. Das muss in einem modernen E-Auto einfacher gehen. Schliesslich soll der Corsa e kein Auto für Fans und Techniktüftler sein, sondern ein Stromer für Jedermann. Ist das Auto erst mal an die Ladestation angeschlossen, will man als Fahrer natürlich wissen, wann die Batterie voll ist. Das wird aber leider nur klein im Tachodisplay angezeigt; ist die Fahrertür geöffnet, wird die Ladezeit von entsprechenden Hinweis überdeckt. Zudem braucht der Corsa e eine Weile, bis er aufgrund des zur Verfügung stehenden Ladestroms die korrekte Restladezeit berechnet hat.

Auch in der Bedienung gibt es kaum Unterschiede. Das ist Fluch und Segen zugleich.

Auch in der Bedienung gibt es kaum Unterschiede. Das ist Fluch und Segen zugleich.

Bild: HO

Während diese essenzielle Information bei anderen E-Autos sofort gross auf dem zentralen Bildschirm gezeigt wird, muss man also beim Opel explizit danach suchen – oder die Smartphone-App konsultieren. Das macht es zwar nicht unmöglich, mit dem kleinen Stromer gut durch den Alltag zu kommen, es sind aber kleine, unnötige Stolpersteine; hier hätte sich etwas mehr Eigenständigkeit für das E-Modell gelohnt. Etwas mehr wäre auch beim Bordladegerät wünschenswert. Dieses kommt zum Einsatz, wenn nicht an einer Schnellladesäule, die mit Gleichstrom direkt in die Batterie laden kann, sondern an einer Wallbox geladen wird, sei es zu Hause oder an einer öffentlichen Station. Eine häufig anzutreffende Ladesäule mit 22 kW Leistung könnte dem Corsa in einer Stunde 100 bis 150 Kilometer Reichweite einbringen. Doch das Ladegerät im Auto lädt nicht über drei Phasen, sondern nur über eine. So kommen pro Stunde nur rund 50 Kilometer ins Auto. Wer zu Hause oder am Arbeitsplatz laden kann, wird sich solche Sorgen allerdings kaum machen müssen – und fährt mit dem Stromer mindestens so entspannt, wie mit einem Verbrennungsantrieb.

Opel Corsa e

Motor: Synchron-E-Motor

Leistung: 136 PS/260 Nm

Antrieb: Front, 1-Gang-Aut.

L×B×H: 4060×1765×1435 mm

Kofferraumvolumen: 267–1042 l

Gewicht: 1530 kg

0–100 km/h: 8,1 Sek.

Vmax: 150 km/h

Reichweite Werk/Test: 330/310 km

Preis: ab 34 990 Franken