Flugverkehr
85 Prozent Passagier-Rückgang: Euro-Airport spürt zweite Welle mit voller Wucht

Auf dem Flughafen geht (wieder) fast gar nichts mehr. Der zweite Lockdown in Frankreich, aber auch die Einschränkungen in Zielländern machen ihm zu schaffen. Unheil droht jetzt auch aus Baselland: Eine Landrätin will zwei Stunden mehr Nachtruhe.

Benjamin Wieland
Merken
Drucken
Teilen
Selbst das Weihnachtsgeschäft fällt höchstwahrscheinlich ins Wasser: Der Euro-Airport rechnet 2020 mit 2,5 Millionen Passagieren. 2019 waren es 9,1 Millionen.

Selbst das Weihnachtsgeschäft fällt höchstwahrscheinlich ins Wasser: Der Euro-Airport rechnet 2020 mit 2,5 Millionen Passagieren. 2019 waren es 9,1 Millionen.

Keystone

Es ist ein trister Anblick, den die Abflug- und Ankunftstafel am Euro-Airport (EAP) derzeit bietet. Für Donnerstag etwa sind je zwölf Starts und Landungen aufgelistet. Jeweils neun davon sind Frachtflüge, einer ist der «Pharma-Express» von Qatar Airways Cargo, der zwischen Basel und Doha verkehrt. Passagierflüge finden sich kaum noch im Flugplan – und wenn, dann steuern die Jets meist die gleichen paar Destinationen an: Pristina, Amsterdam, Istanbul.

Der Flughafen leidet unter der zweiten Welle. Schon beim ersten Lockdown waren die Passagierzahlen stark eingebrochen, um bis zu 99,9 Prozent. So dramatisch wie im Frühling ist die Situation für den EAP zwar nicht. Doch spätestens, seit Frankreich am 30. Oktober den Reconfinement ausgerufen hat, den zweiten nationalen Lockdown, geht es wieder steil abwärts mit den Zahlen.

Im November lag die Zahl der Passagiere bei 15 Prozent im Vergleich zum November 2019.

(Quelle: Claire Freudenberger, Sprecherin Euro-Airport)

Der binationale Airport sagt auf Anfrage, die Zahlen für Oktober und November lägen noch nicht im Detail vor. Im November rechne man jedoch mit lediglich 15 Prozent des Passagiere im Vergleich zum November des Vorjahres. Generell sei es so, schreibt die Medienstelle, dass die Nachfrage mit Beginn der Wintermonate zurückgehe. Dieser Effekt werde jetzt wegen der Massnahmen gegen die Corona-Pandemie noch verstärkt.

Ein Blick in die Statistik zeigt: Im Dezember des vergangenen Jahres zählte der EAP im Schnitt täglich 223 Flugbewegungen, im Vorjahr waren es gar 228 gewesen. Jetzt ist man bei ein paar Dutzend Starts und Landungen pro Tag angelangt – und das traditionell ertragreiche Weihnachtsgeschäft scheint ebenfalls gefährdet. Der EAP schreibt, man erwarte ein beträchtlich tieferes Reiseaufkommen rund um die Festtage. Ein Grund dafür seien sicherlich die strengen Quarantänevorgaben bei Reisen in andere Länder.

Erwartetes Jahrestotal wird wohl knapp erreicht

EAP-Direktor Matthias Suhr sagte bei einer Veranstaltung Ende Oktober, man rechne mit 2,5 Millionen Passagieren im Corona-Jahr 2020. Das sind rund 6,6 Millionen weniger als im Rekordjahr 2019 – aber immerhin eine halbe Million mehr, als Suhr noch im Juni angegeben hatte. Per September lag die Zahl der abgefertigten Fluggäste bei 2,18 Millionen.

Bei der Fracht hingegen erwartete Suhr ein Plus. Dafür verantwortlich sind wohl nicht zuletzt Transporte von medizinischen Gütern, deren Nachfrage im Zuge der Corona-Pandemie gestiegen ist.

Lärmreklamationen nahmen schnell wieder zu

Suhr sagte in einem Interview mit der bz Anfang November, er erwarte, dass der Druck der Fluglärmgegner nach der Krise steigen werde. Die Lärmreklamationen hätten schon im Juni, als man den Flugbetrieb langsam wieder hochgefahren habe, rasch ihr gewohntes vorheriges Niveau erreicht.

Suhr sollte Recht behalten mit seiner Vorahnung. Die Grünen-Landrätin Rahel Bänziger fordert per Motion eine Ausweitung des Nachtflugverbots am Flughafen Basel-Mülhausen um eine (Starts) und zwei Stunden (Landungen). Neu würde sich die Nachtruhe von 23 bis 6 Uhr erstrecken. Aktuell gilt, dass Passagier- und Linienflugzeuge im Linienverkehr generell bis 24 Uhr landen und starten dürfen. Am Morgen sind Landungen ab 5 Uhr und Starts ab 6 Uhr gestattet. Es gelten weitere Einschränkungen, je nach dem, wie lärmig ein Flugzeugtyp ist.

Bänziger beruft sich bei ihrer Forderungen auf die kürzlich publizierte Forschungsstudie des Schweizerischen Tropeninstituts. Sie zeigt, dass Lärm in der Nacht tödlich sein kann (siehe bz vom Dienstag). Das Risiko eines Herz-Kreislauf-Todes steige durch kurzfristigen nächtlichen Fluglärm erheblich an, hält die Autorenschaft fest.

Euro-Airport hat länger geöffnet als die Konkurrenz

Bänziger schreibt in ihrem Vorstoss, den sie an der Landratssitzung am Donnerstag einreichen will, die Zahlen seien alarmierend. Die Studie zeige «in aller Deutlichkeit», dass nicht länger abgewartet werden könne. Die Binningerin lädt die Baselbieter Regierung dazu ein, «sich umgehend und vehement dafür einzusetzen, dass ein Nachtflugverbot von 23 bis 6 Uhr am Euro-Airport durchgesetzt wird.»

Der EAP hatte im September 2019 selber eine Studie lanciert, deren Ziel es sei, den Lärmschutz nach 23 Uhr «weiter proaktiv zu verstärken». Sakrosankt scheint also zumindest die Stunde vor Mitternacht nicht mehr zu sein für den EAP. Obwohl sie ihm einen Wettbewerbsvorteil verschafft – etwa gegenüber dem Flughafen Zürich.