Zeitenwende 1918/19

Als jeder sechste Schweizer unter der Armutsgrenze lebte

Jeder sechste Schweizer lebte nach dem Ersten Weltkrieg unter der Armutsgrenze, weil beim Militärdienst der Lohnausfall nicht erstattet wurde. Eine Ausstellung im Lörracher Dreiländermuseum zeigt die Umwälzungen nach dem Krieg am Oberrhein.

Peter Schenk
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120 000 Deutsche mussten nach dem 1. Weltkrieg das Elsass verlassen. Die Ausgewiesenen durften nur 2000 Reichsmark und 30 Kilo Gepäck mitnehmen. Die Zeichnung stammt vom elsässischen Zeichner Hansi, ein profranzösischer Patriot.
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Reichskriegsflagge aus Basel. In Basel gab es noch 1922 vier rechte, deutsche Kriegervereine. Die Flagge dürfte von ihnen stammen. Die linken Deutschen aber wurden ausgewiesen.
Nach dem Ersten Weltkrieg gab es viele Umwälzungen
Kampagne gegen schwarze, französische Soldaten. 1923 besetzte Frankreich das Ruhrgebiet. Rassistisches Plakat eines farbigen Soldaten.
Aufforderung zur Nationalspende, 1918. Die Schweizer Soldaten mussten im Ersten Weltkrieg durchschnittlich 500 Tage Dienst an der Grenze leisten. Weil sie keine Entlohnung erhielten, drohte nach dem Krieg das Elend.
Ewiges Motiv Tell. Plakatentwurf von 1920 gegen den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund, der knapp gelingt.

120 000 Deutsche mussten nach dem 1. Weltkrieg das Elsass verlassen. Die Ausgewiesenen durften nur 2000 Reichsmark und 30 Kilo Gepäck mitnehmen. Die Zeichnung stammt vom elsässischen Zeichner Hansi, ein profranzösischer Patriot.

Sammlung Dreiländermuseum

Obwohl die Schweiz von den Kriegshandlungen verschont blieb und die Basler Chemie vom Ersten Weltkrieg profitierte, brachte er für viele Schweizer das Elend. Durchschnittlich 500 Tage mussten die Männer im Ersten Weltkrieg an der Grenze Wehrdienst leisten. Eine Entschädigung für den Verdienstausfall erhielten sie nicht. Sozialhilfe wie sie in Deutschland schon unter Bismarck eingeführt worden war, gab es nicht.

Als Folge lebte nach dem Krieg jeder sechste Schweizer unter der Armutsgrenze. Der auf das Elend zurückzuführende Landesstreik brachte die Schweiz an den Rand eines Bürgerkriegs, wie es in der Lörracher Ausstellung Zeitenwende 1918/19 eindrücklich dargestellt wird.

Weil der Streik aus Sicht der Linken nicht den gewünschten sozialpolitischen Durchbruch brachte, setzte sie 1922 auf eine Initiative, die eine einmalige Abgabe auf Vermögen ab 80 000 Franken vorsah. Mit dem Geld sollten soziale Aufgaben finanziert werden. Der Widerstand von Bundesrat und bürgerlichen Parteien und die Kampagne dagegen war massiv. Mit 87 Prozent Nein-Stimmen wurde sie abgelehnt. Die höchste Zustimmung gab es mit 28 Prozent in Basel.

Fundierter Überblick in Lörrach

Das Lörracher Dreiländermuseum informiert über die tiefgreifenden Veränderungen nach dem Weltkrieg und vergleicht systematisch die Situation am Oberrhein in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. 30 Museen haben sich an einer Ausstellungsreihe zur Zeitenwende beteiligt Lörrach bietet den Überblick.

30 Ausstellungen zur Zeitenwende 1918/19

Insgesamt 30 Museen aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich nehmen an der Ausstellungsreihe Zeitenwende 1918/19 teil. Die meisten Ausstellungen sind zwischen Sommer 2018 und Februar 2019 geöffnet. In Biel gibt es eine Sonderausstellung zum Landesstreik. In Rheinfelden (AG) stehen Erinnerungen von Menschen in der Zeitenwende 1918 im Mittelpunkt. Das Dichter- und Stadtmuseum Liestal widmet sich Carl Spitteler und dem Nobelpreis für Literatur 1919.

Es ist mit seiner umfassenden Sammlung dafür prädestiniert. Auf 400 Quadratmetern sind 300 Exponate zu sehen, die mit einer Ausnahme und einigen Ausschnitten aus historischen Filmen alle schon vorhanden waren.

Eine Trouvaille ist eine Reichskriegsflagge aus Basel. Die deutsche Kriegsflagge war von 1903 bis 1921 offiziell im Gebrauch. Sie wurde auch danach von vielen rechtsextremen Gruppierungen gezeigt. In Basel existierten noch 1922 vier deutsche Kriegervereine. Von ihnen könnte die Flagge stammen, auf die sorgfältig das Wort Basel gestickt ist.

Vor dem Krieg kam bis zu 40 Prozent der Basler Bevölkerung aus Deutschland. Während die Rechten nach dem Krieg nicht behelligt wurden, wurden viele Linke ausgewiesen. Zu ihnen gehörte der Gewerkschafter Max Bock, der in Lörrach später kommunistischer Landtagsabgeordneter wurde.

Neben den Linken nahm die südbadische Nachbarstadt Basels deutsche Soldaten auf, die nach dem Waffenstillstand zurück nach Deutschland strömten und Reichsdeutsche, die aus dem erneut französischen Elsass ausgewiesen wurden. 120 000 mussten ihre Wahlheimat mit maximal 30 Kilo Gepäck und 2000 Reichsmark verlassen.

Harte deutsche Kriegsherrschaft im Elsass

Das Elsass gehörte von 1871 bis 1918 zum Deutschen Reich. Es ging ihm in dieser Zeit nicht schlecht. Anders im Krieg. Museumsdirektor Markus Moehring sagt: «Vier Jahre deutsche Kriegsherrschaft haben viel kaputt gemacht. Berlin hat den Elsässern nicht getraut.» Das mag erklären, weshalb ein Grossteil der Elsässer den französischen Truppen beim Einmarsch zujubelten. Eine Volksabstimmung über den Wechsel zu Frankreich aber fand nicht statt.

Nach der anfänglichen Zustimmung gab es heftige Konflikte, die sich vor allem an der Französierung der auch vor 1871 deutschsprachigen Region entzündeten. Als die Rechte der Kirche bedroht werden, gewinnt eine regionalistische und autonomistische Bewegung zunehmend an Bedeutung.

Eindrücklich ist die Geschichte der Warenhauskette Knopf. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Knopf im Elsass als Deutscher enteignet. Nach der Machtergreifung der Nazis ereilte ihn in Deutschland das gleiche Schicksal als Jude. In der Schweiz war Knopf noch bis in die 70er Jahre präsent.

Dreiländermuseum Lörrach, Basler Strasse 143, Di–So 11 –18 Uhr.