Kleinhüningen

Ältestes Dorforiginal kämpft für das «Gottsäckerli»

In Kleinhüningen regt sich Widerstand gegen das geplante Gemeindehaus im Garten der reformierten Kirche

Martina Rutschmann
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Auf dieser Grünfläche vor der Kirche soll demnächst ein Pavillon für die Kleinhüninger stehen – dagegen wehrt sich Einwohner Kurt Eisele.Fotos: Kenneth Nars

Auf dieser Grünfläche vor der Kirche soll demnächst ein Pavillon für die Kleinhüninger stehen – dagegen wehrt sich Einwohner Kurt Eisele.Fotos: Kenneth Nars

«KE, 1925». Sein «Auto» bräuchte eigentlich keine Nummer, der pensionierte Fahrlehrer Kurt Eisele hat sich trotzdem eine machen lassen. Initialen und Jahrgang zieren den Elektro-Scooter, mit dem der 89-Jährige täglich in seinem «Dorf», dem Stadtteil Kleinhüningen, nach dem Rechten sieht. Eine Station fehlt nie auf seiner Route: der Garten der reformierten Kirche, die, so erzählt er, die älteste reformierte Kirche diesseits des Jura sei. Im Jahr 1710 wurde sie als solche gebaut. Seinerzeit gehörte ein Friedhof dazu, inzwischen ist das «Gottsäckerli» mit Efeu überwachsen. Für Kurt Eisele aber ist klar: «Das ‹Gottsäckerli› bleibt das ‹Gottsäckerli›».

Umso dramatischer sei es, dass dieser Fleck Grün bebaut werden soll. Es ist nicht irgendein Gebäude, das da entstehen soll, sondern der neue Gemeindepavillon. Er soll als Ersatz für das Kirchgemeindehaus am Wiesendamm dienen, das einem Mehrfamilienhaus weichen muss. Und genau da fängt es für Werner Loosli vom Dorfverein Pro Kleinhüningen an: «Man hätte diesen Treffpunkt doch im Neubau einrichten können», sagt er. «Aber doch nicht direkt vor der Kirche in diesem schönen Garten. Das stört das Stadtbild.»

Loosli kämpft mit seinem Verein und dem Fast-Dorfältesten, Herrn Eisele, gegen diesen Neubau. Bisher allerdings erst in Gedanken, denn noch wurde das Projekt nicht publiziert. Es hängt allerdings als Plan in der Kirche, ein Saal für 50 Personen ist demnach geplant, eine Küche, WCs; einstöckig das Ganze. Beim Abschiedsfest für Pfarrer Felix Christ jetzt im Herbst bekamen diesen Plan eine Menge Leute zu Gesicht.

Hochzeits-Abstecher ins Münster

«Es gibt einen, der ist älter als ich – aber nur ein Jahr, er wurde kürzlich 90», sagt Eisele. Und lässt offen, ob der andere Alte gleich viel über das «Dorf» weiss wie er. Über die Umgebung der Kirche jedenfalls weiss kaum einer mehr: Eisele wuchs wenige Meter neben der Kirche auf, wurde in der Kirche getauft und konfirmiert, lebte auch als Ehemann zeit seines Lebens in unmittelbarer Nähe. Die Hochzeit selber aber, die fand im Münster statt. Ein kleiner Abstecher ins Grossbasel sei bei so viel Kleinhüningen-Treue erlaubt.

Und dennoch: Über das Grossbasel gibt es wenig zu sagen, nicht mal die Aussicht, die er so vermisst, führte dahin. «Von hier aus sah man auf den Rhein und ins Elsass.» Hier, das ist das «Bänkli» bei der Kirche, vor dem jetzt das Rhenus-Logistics-Silo steht. «Früher stand genau da das Haus, indem ich geboren wurde.» Das Backstein-Silo neben dem Betonklotz aber störte ihn nie, denn es gehörte stets zum Bild: Es wurde im selben Jahr gebaut, wie Eisele zur Welt kam: 1925. Verändert hat sich seither eine Menge. «Würden meine Eltern Kleinhüningen heute sehen – sie würden es nicht wiedererkennen.»

Dorfverein erhebt Einsprache

Wenn sich der alte Mann auf sein Gefährt setzt und losbraust, fährt ein Stück Geschichte durch das Dorf, das keines mehr ist, wo es keine Fischhändler mehr gibt, wie Eiseles Vater einer war. Wo aber mehr Kleinhüninger Geist spürbar ist, als dies gemeinhin für möglich gehalten wird. Diesen will die Kirche vereinen, im Pavillon, mit religionsübergreifenden Veranstaltungen.

Doch die Argumentation zieht nicht bei den Gegnern, die den Ort verschandelt sehen. Sie sind überzeugt, dass sich eine andere Lösung finden liesse. «Sobald die Baueingabe gemacht wurde, erheben wir Einsprache», kündigt Werner Loosli im Namen des Dorfvereins an. Nebst den 200 Vereinsmitgliedern hat er einen weiteren Kleinhüninger sicher auf seiner Seite: KE, 1925.