Lehrabschluss
Auch nach Lehrabschluss ist es für Jugendliche mit Lernschwäche schwierig

Für Jugendliche mit psychischer Beeinträchtigung ist der Weg ins Berufsleben auch mit Abschluss steinig. ADHS, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Angst- und Essstörungen gehören zu den häufigsten Krankheitsbildern.

Pascale Hofmeier
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Neben zusätzlicher Zeit braucht Larissa* (Name geändert) im Alltag auch viel Durchhaltevermögen.

Neben zusätzlicher Zeit braucht Larissa* (Name geändert) im Alltag auch viel Durchhaltevermögen.

Martin Töngi

Nach den Osterferien gilt es ernst für Larissa* und 2320 andere: Im Kanton Basel-Stadt beginnen die Lehrabschlussprüfungen. Der Druck ist gross, die Nervosität ebenso. Viele füllen mit Intensivbüffeln ihre Lernlücken. Oder sie versuchen es zumindest. Larissa hätte mit dieser Strategie keine Chance: «Mir gehen Dinge nicht mit nur einmal lesen in den Kopf.» Sie hat eine Lernschwäche.

Während der ganzen Schulzeit hatte sie von der IV finanzierten Stützunterricht. Ihre zweijährige Berufsausbildung zur Büroassistentin bei den Basler Werkstätten CO13 wird ebenfalls von der IV mitfinanziert. «Zeit ist für mich das grosse Thema. Ich scheitere, wenn ich unter Druck stehe.» Dann verliert sie die Übersicht und die Nerven. In einem regulären Lehrbetrieb wäre sie wahrscheinlich gescheitert.

Oberstes Ziel: IV-Rente vermeiden

Ähnlich wie Larissa geht es laut Schätzungen etwa jedem fünften Jugendlichen: Sie leiden unter psychischen Beeinträchtigungen ganz unterschiedlicher Ausprägung. ADHS, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Angst- und Essstörungen gehören zu den häufigsten Krankheitsbildern. Auf dem Weg ins Berufsleben sind sie auf Hilfe angewiesen. Besser gesagt: wären. Weil eine psychische Beeinträchtigung, anders als eine Körperliche, nicht sichtbar ist, nehmen viele die Hilfe nicht in Anspruch.

CO13 – 25 Jahre Bildung für Schwächere

Die Werkstätten CO13 werden dieses Jahr 25 Jahre alt. Die Werkstätten unterstützen die Integration von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen auf dem Weg in die Arbeitswelt.

Es stehen in Büro, Bistro, dem Textilatelier und im Veloladen 40 Ausbildungsplätze zur Verfügung. Dort betreuen 22 Angestellte Menschen, die entweder eine Lehre machen, ein Coaching absolvieren oder zur Abklärung bei CO13 sind.

Zusätzlich bieten die Werkstätten 18 geschützte Arbeitsplätze an. Als privater Verein organisiert finanziert sich CO13 zu zwei Dritteln aus Beiträgen der IV und des Kantons. Ein Drittel wird durch die Produktion und den Verkauf erwirtschaftet. (hpa)

«Das Stigma ist gross. Und wer keine Einsicht hat in die eigene Krankheit, wird sich nicht helfen lassen», sagt Urs Hagenbuch, seit 10 Jahren Geschäftsleiter von CO13. Die Folgen sind gravierend: Wenn Betroffene den Einstieg ins Berufsleben verpassen, werden sie im schlimmsten Fall IV-Frührentner und damit automatisch zu gesellschaftlichen Aussenseitern.

Um das zu verhindern, nicht zuletzt aus Kostengründen, hat die IV in den letzten Jahren stark in die berufliche Erstausbildung investiert. 2003 lagen die Ausgaben bei knapp 8,3 Millionen Franken, 2013 bereits knapp 12,4 Millionen – die Tendenz weiter steigend mit dem Ziel, die Zahl der neuen Frührenten für 18 bis 24-Jährige möglichst tief zu halten. Im Kanton Basel-Stadt gelingt das relativ gut. Längerfristig betrachtet ist die Zahl der Neurenten seit 2003 zwar leicht angestiegen.

Der Effekt hat auch damit zu tun, dass die Statistik jährliche Schwankungen enthält, die je nach gewähltem Vergleichsjahr stärkere oder schwächere Zunahmen bedeuten (zum Beispiel 2003: 49; 2005: 65; 2009: 34; 2013: 60).

Der 1. Arbeitsmarkt wartet nicht

«Es ist enorm wichtig zu schauen, was die Leute brauchen, damit sie nicht mit einer Rente zu funktionieren beginnen», sagt Hagenbuch. In der Ausbildung erhalten die Lehrlinge von CO13 und ähnlichen Werkstätten, in Basel sind das unter anderen auch das Bürgerspital und die Gesellschaft für Arbeit und Wohnen, individuelle Unterstützung.

Hat jemand ADHS, helfen die Lehrmeister beim Strukturieren, ist ein Jugendlicher depressiv, wird auf der motivationalen Ebene gearbeitet. Larissa beispielsweise hatte mehr Zeit zum Lernen.

Zusätzlich zur normalen Berufsschule erhielt sie auch Stützunterricht. Und auch in der Freizeit hat sie sich regelmässig hinter die Bücher gesetzt: «Ich habe auch an den Wochenenden immer gelernt», sagt 18-Jährige. Während des Erzählens blickt sie ihrem Gegenüber direkt in die Augen, wirkt selbstbewusst und heiter. Das war aber nicht immer so. «Es gab auch Krisen», sagt Hagenbuch. «Vor einem Jahr war es alles andere als sicher, ob sie die Lehre fertig machen würde.» Umso stolzer ist die junge Frau, dass sie durchgehalten hat.

Sie wird eine von zehn Auszubildenden, die die Werkstätten dieses Jahr zur Abschlussprüfung schicken. «Bisher haben immer alle bestanden», sagt Hagenbuch.

Was nachher kommt, ist beinahe die grössere Hürde für die Absolventinnen und Absolventen: die Integration in den ersten Arbeitsmarkt. «Diese gelingt etwa 80 Prozent», sagt Hagenbuch. Mit Coaching, über Praktika und über viele Bewerbungen unterstützt CO13 den Eintritt in einen regulären Job. Und einmal mehr betont Hagenbuch, wie wichtig Zeit und Begleitung sind. «Gerade bei jungen Menschen ist es ganz wichtig, einen genug langen Atem zu haben. Bei der beruflichen Integration wurde in der Vergangenheit noch zu wenig Wert darauf gelegt.»

Denn über die Jahre würden die Personen stabiler und damit steige die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich im Arbeitsmarkt zu bestehen. Larissa hat längst damit begonnen, sich zu bewerben. Und Sie hat einen Traum, wo sie arbeiten möchte: «Am liebsten im Apple Store!», bricht es aus ihr heraus. Doch sie hat auch einen realistischen Plan B: «Ich kann mir auch vorstellen, im Büro zu bleiben oder an einem anderen Ort im Verkauf zu arbeiten.

*Name geändert