Verkehr

Auto boomt, Tram wird gemieden: Droht Basel der Verkehrsinfarkt nach Corona?

Der motorisierte Verkehr nimmt rasant zu, der öffentliche Verkehr wird gemieden – jetzt warnt der Basler TCS-Präsident vor einem Infarkt.

Andreas Schwald
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Und plötzlich wieder überall Autos: Aufnahme der Basler Nauenstrasse zur Feierabendzeit.

Und plötzlich wieder überall Autos: Aufnahme der Basler Nauenstrasse zur Feierabendzeit.

Juri Junkov

Die Basler Nauenstrasse ist zweifellos eine Hauptschlagader des Verkehrs in und um die Stadt. Schliesslich ist sie für viele Autofahrer die wichtigste Strecke, um von der Autobahn in die Innenstadt und in viele Quartiere zu gelangen. Entsprechend gibt die dortige Zählstation des Kantons zuverlässig Auskunft über den motorisierten Individualverkehr und damit die Autos. Vergangenen Freitag – also fünf Tage nach der Wiedereröffnung von Beizen und Läden in der Schweiz – zählte die Station praktisch wieder gleich viele Fahrzeuge wie am Freitag vor dem Lockdown.

Konkret fuhren am Freitag, 15. Mai, 36008 Fahrzeuge an der Zählstation Nauenstrasse 73 vorbei. Das sind nur 699 Fahrzeuge weniger als am Freitag, 13. März: Am Tag vor dem Inkrafttreten des Lockdowns zählte die Station 36707 Fahrzeuge. Freitag ist jener Wochentag, an dem im Schnitt am meisten Fahrzeuge durch die Nauenstrasse fahren. Zum Vergleich: Am Freitag, 27. März, fuhren noch 24563 Autos an besagter Stelle vorbei. Anfang Jahr passierten freitags jeweils zwischen 38000 und 39000 Fahrzeuge die Station.

Homeoffice ist immer noch deutlich spürbar

Damit ist das Auto das sich am schnellsten von der Krise erholende Transportmittel. Zwar wurde auch bei den Velos eine Rückkehr in Richtung Normalität festgestellt, allerdings nicht auf ähnlich hohem Niveau, zumindest gemessen am Zustand vor Corona. Die Zahlen finden sich allesamt auf der Website des Statistischen Amtes Basel-Stadt, das extra für Statistiken zu Corona einen eigenen Bereich angelegt hat. Am schlechtesten erholt sich bislang der Fussgängerverkehr, der in Basel bei der Elisabethenanlage gemessen wird. Das ist aber kaum erstaunlich, da die meisten Arbeitgeber nach wie vor auf Homeoffice für ihre Mitarbeitenden setzen und von Pendeln im öffentlichen Verkehr, insbesondere mit dem Zug, aus epidemiologischen Gründen abgeraten wird.

Das schlägt zurzeit auch bei den Basler Verkehrs-Betrieben (BVB) zu Buche. Seit der Rückkehr zum Normalfahrplan sind die Nutzerzahlen zwar ebenfalls wieder spürbar angestiegen, sie befinden sich aber bei Weitem noch nicht auf dem Niveau von vor dem Lockdown. Allein vergangene Woche wurden im Schnitt 145000 Fahrgäste pro Tag gezählt, sagt Mediensprecherin Sonja Körkel. Das seien rund 50 Prozent weniger als an Werktagen unter normalen Umständen. Immerhin: Im Gegensatz zur akuten Phase des Lockdowns sei eine Zunahme um rund 30 Prozent festzustellen. Als die Stadt ganz leer war und auch deutlich weniger Trams unterwegs waren, brach die Frequenz auf 20 Prozent der Normallast zusammen.

Kollaps durchaus möglich

Die Situation beobachten auch die Verkehrsverbände. Insbesondere der TCS beider Basel wirft einen genauen Blick auf die sich entwickelnden Zahlen bei verschiedenen Fortbewegungsmitteln. «Allein die Weisung, auf den öffentlichen Verkehr zu verzichten, hat zu einer wesentlichen Änderung des Mobilitätsverhaltens geführt», sagt dessen Präsident und Basler FDP-Grossrat Christophe Haller. Die Frage sei vor allem, wie lange die Angst vor Ansteckungen mit dem Coronavirus anhalte: «Man muss durchaus damit rechnen, dass es bei einer längerfristigen Zunahme beim motorisierten Individualverkehr zum Kollaps kommen kann.»

Sollte sich das Mobilitätsverhalten nicht ändern, müssten je nach Lage drastischere Massnahmen ins Auge gefasst werden, wie etwa die vorübergehende Öffnung von privaten Parkings. Doch davon hätte der Verkehrsträger Strasse noch nicht profitiert. Das sieht auch Haller so: «Eine Lösung ist schwierig, wenn sich der Mix nicht wieder einpendelt.» Vor allem für den Nahverkehr sei das Velo daher eine der besten Alternativen, wenn die Bedenken vor den öffentlichen Verkehrsmitteln anhalten sollten.