«50 und sexy»

Basler Burlesque-Tänzerin: «Wenn die Kleider und damit die Hemmungen fallen, ist das grossartig»

Tanja Zwimpfer (50) ist Podologin – und Burlesque-Tänzerin. Die Geschichte einer beharrlichen Baslerin.

Rahel Koerfgen
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Perfekt einstudiert: Tanja Zwimpfer alias Maizie Bloom (50) in ihrem Proberaum in Binningen.

Perfekt einstudiert: Tanja Zwimpfer alias Maizie Bloom (50) in ihrem Proberaum in Binningen.

Juri Junkov

Er geht tief, der Ausschnitt des Kleides. Der rote Stoff mit den weissen Tupfen spannt sich über den Busen. «Schau ruhig hin. Das ist alles echt», sagt Tanja Zwimpfer, lehnt nach vorne und wackelt kokett mit dem Busen. Ihr grau meliertes Haar schimmert in der Sommersonne, die auf dem Balkon in Binningen durch die Blätter der umliegenden Bäume blitzt.

Der unverhohlene Blick auf dieses Décolleté offenbart nicht nur den perfekten Spalt. Da sind diese feinen Falten, mit denen sich viele Frauen jenseits der Blütenjahre abfinden müssen. Zwimpfer ist fünfzig Jahre alt. Während andere in ihrem Alter die Bluse bis zum Hals zuknöpfen und immer längere Jupes tragen, tut Zwimpfer das Gegenteil. Sie zieht sich aus.

Vom Hornhautschaber zu Pfauenfedern

Die Baslerin ist Burlesque-Künstlerin. Der erotische Bühnentanz der 1920er- bis 1950er-Jahre hat es ihr angetan. Da ist viel Haut zu sehen, aber nicht alles. Die Brustwarzen klebt Zwimpfer mit sogenannten Tassels ab. Wenn sie ihre Nummern zum Besten gibt, in glitzernden Kostümen, High Heels und mit opulentem Haarschmuck aus Pfauenfedern, und sie sich nach und nach des Stoffes entledigt, blüht Zwimpfer auf. Ihr Künstlername: Maizie Bloom. «Ich stehe zu meinem Alter, und ich will auf die Bühne», sagt sie. Wenn auch nur in der Freizeit.

Im Arbeitsalltag bewegt sie sich in einer bodenständigen Welt. In einer Podologie-Praxis in Basel, die sie mit der Mutter teilt. Hier gehören nicht Tassels und Federn, sondern Hornhautschaber und Schere zur Ausrüstung. «Ich wollte mehr als Füsse, träumte davon, wieder als Tänzerin aufzutreten.» Sie kannte das schöne Gefühl des Applauses, trat in ihrer Jugend mit einer Step- und Jazztanz-Truppe auf. «Ich habe mich immer gerne inszeniert und keine Probleme damit, meinen Körper zu zeigen. Die Blicke stören mich nicht», sagt Zwimpfer. Als junge Frau habe sie an Dessous-Schauen mitgewirkt.

Am Anfang war das Pausengirl

Auf Burlesque wäre sie von selbst allerdings nie gekommen. «In den 1980ern und 1990ern war diese Kunstform tot», erinnert sie sich. Die Leute hatten alles gesehen – wer wollte da schon zusehen, wie sich eine Frau neckisch eines Handschuhs entledigt?

Die Idee kam von David Schoenauer, dem Chef des mittlerweile eingestellten Broadway Varietés. Da wollte Zwimpfer unbedingt mitwirken und fragte 2006 Schoenauer an, ob er eine Servicekraft brauche. Die 1,72 Meter grosse Frau war ihm an der Fasnacht beim Intrigieren und vor allem an seinen Vorstellungen aufgefallen. Sie kam mit extravaganten Hüten, in weitschwingenden Röcken und hohen, sehr hohen Schuhen. Eine Erscheinung. Schoenauer sagte ihr, er wolle eine Burlesque-Nummer kreieren. «Da war ich kurz sprachlos. Das passiert selten, ich bin wirklich nicht aufs Maul gefallen, wie man so schön sagt», so Zwimpfer. «Mir war Dita Von Teese ein Begriff, damit hatte es sich aber auch schon.» Sie informierte sich über die Kunstform. Und merkte: «Das ist ja total meine Welt. Glitzer, Glamour, mit der Fantasie spielen, das Verkleiden.»

Die Tournee im Jahr 2007 dauerte sieben Monate, Zwimpfer konnte in der Podologiepraxis nach langen Diskussionen mit der Mutter freimachen. Als Pausengirl trat sie erstmals als Maizie Bloom auf. Von diesen Erinnerungen zehrt sie: «Wir waren eine grosse Familie. Ich hatte das Gefühl, angekommen zu sein.» Danach kehrte Zwimpfer zu den Füssen zurück, Maizie war Geschichte – dachte sie zumindest. Wider Erwarten tröpfelten dann aber erste Anfragen für weitere Auftritte, losgelöst vom Broadway Varieté, herein. So wurde Maizie Bloom zum festen Bestandteil in Tanja Zwimpfers Leben.

Kostüme aus den Überresten der Fasnacht

Maizie Bloom nimmt viel Zeit in Anspruch. Aber das sei okay, meint Zwimpfer, sie habe keine Kinder – «das hat sich einfach nicht ergeben». Die Maizie sei jetzt ihr Baby, sagt sie, und fasst sich fröstelnd an die Oberarme. Die Sonne hat sich verzogen, der Himmel über Binningen ergraut. Zwimpfer führt uns ins Haus. Im oberen Stock wohnt sie mit ihrem Mann – «einer meiner grössten Fans» –, unten hat sie sich einen Proberaum mit einem Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reicht, eingerichtet. Überall antike Möbel und Fundstücke aus dem Brockenhaus, ein Telefon mit Wählscheibe, ein Schminktisch aus den 1950er-, eine Stehlampe aus den 1940er-Jahren. Federboas, glitzernde Stoffe, die sie meist in Thailand kauft und daraus mit viel Liebe ihre Kostüme schneidert.

Hier studiert Zwimpfer die Choreografien der Nummern ein. Sie schlüpft in Rollen der Sekretärin, der Diva, der Pfauenlady mit der üppigen Kopfbedeckung, die aus den Überresten eines Fasnachtskostüms stammt. Auch eine Tangonummer ist dabei, ebenso «Christmasblues in the Night» mit im Dunkeln funkelnden Flügeln. Wenn Maizie Bloom damit kokettiert und am Ende mit dem Busen wackelt, leuchten die Handys der Zuschauer und ihre Augen um die Wette. Diese Nummer gibt sie an Geburtstagsfesten zum Besten, manchmal auf der «Baseldytschi Bihni», im Häbsetheater, und kommenden Samstag an einer Galanacht im Badischen Bahnhof.

Auch gibt sie Blues- und Jazzabende mit dem Musiker Pink Pedrazzi, einem langen Wegbegleiter. «Sie ist stets enorm gut organisiert, überlässt nichts dem Zufall. Man merkt: Sie betreibt das mit Herzblut,» berichtet er. So lässt sich Zwimpfer immer einiges einfallen: Für das Jubiläum der Binninger Feuerwehr trat sie als Feuerwehrfrau auf – eine Nummer, die sie extra für diese Männer kreiert hat. Und sogar in einer Kirche ist Maizie schon aufgetreten, «allerdings habe ich da nur wenig Haut gezeigt.»

Sie will andere Frauen inspirieren

Auch Gastauftritte in der Weihnachtsshow von Zoe Scarlett kann Maizie Bloom vorweisen. Ein besonderes Highlight für sie, wie sie sagt. Neidisch sei sie nicht auf ihre grosse Konkurrentin, die international Erfolge feiert: «Das kann man nicht vergleichen. Zoe macht das hauptberuflich. Für mich ist es ein Hobby, ein Ausgleich zu meinem Alltag.»

Allerdings gingen auch schon mehr Anfragen bei ihr ein, wie Zwimpfer feststellt. «Manchmal packt mich die Panik, dann denke ich: Mich will man nicht mehr, ich bin zu alt!» Diese Zweifel schiebt sie schnell zur Seite. Keck sagt sie: «Tempest Storm, die Mutter des Burlesque, ist auch noch in ihren Achtzigern auf der Bühne gestanden.»

Klar, mancher rümpfe die Nase, wenn sie von ihrem Hobby erzähle. Aber Maizie belehrt die Leute eines Besseren. Hat sich in den vergangenen zwölf Jahren beharrlich in die Herzen der Basler getanzt, auch, weil ihre Auftritte gespickt mit gewollt komischen Momenten sind. Die anfängliche Zurückhaltung des Publikums wandelt sich schnell in Begeisterung – bis zu Bewunderung. Pedrazzi sagt dazu: «Ich habe nur positive Reaktionen auf sie erlebt.» Sie werde vor allem für ihr Selbstbewusstsein geschätzt, und dass sie sich gegen die Normen bewege, so Zwimpfer. «Ich bin 50 und fühle mich sexy.»

Tanja Zwimpfer wünscht sich, dass mehr Frauen so denken – und handeln – wie sie. Mit ein Grund, warum sie bei sich zu Hause zu Burlesque-Workshops einlädt. Kleinere Gruppen von Frauen jeglicher Couleur, die älteste Teilnehmerin war 65 Jahre alt. Eine Anwältin machte auch mal mit. Sie wollte sich mal aus dem starren Business-Dresscode ihres Berufs befreien «Wenn die Kleider und damit die Hemmungen fallen, ist das grossartig und auch mein Ziel: das Selbstbewusstsein der Frauen zu stärken. Dass sie ihren Körper lieben. Jede Frau ist auf ihre Art attraktiv.»