Interview

Basler Denkmalpfleger Daniel Schneller: «Auch Denkmalschutz ist Umweltschutz»

Daniel Schneller, Denkmalpfleger des Kantons Basel-Stadt, über den raschen Wandel der Stadt, den Druck auf seine Behörde und die historischen Roche-Bauten.

Patrick Marcolli
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Daniel Schneller, Kantonaler Denkmalpfleger BS

Daniel Schneller, Kantonaler Denkmalpfleger BS

Kenneth Nars

Herr Schneller, Themen des Denkmalschutzes haben in Basel in jüngster Zeit wieder stark an Bedeutung gewonnen. Warum ist das so?

Daniel Schneller: Der Grund liegt vor allem in der Entwicklung der Aussenquartiere. Es besteht ein gewisser Druck auf der bestehenden Bausubstanz als Folge der guten wirtschaftlichen Situation. Gerade Fondsgesellschaften legen ihr Kapital vermehrt in Immobilien an. Allerdings ist noch keine eindeutige Stossrichtung erkennbar. Ich stelle jedoch fest, dass durchaus ein Sinneswandel stattgefunden hat und man nicht einfach nur noch abreisst und neu baut.

Sie erkennen also keine Abriss- und Erneuerungsspirale wie zu Zeiten der Hochkonjunktur in den sechziger oder siebziger Jahren?

Nein. Ich erkläre mir das Umdenken vor allem mit der Umweltbewegung. Man sieht ein, dass Denkmalschutz auch Umweltschutz ist. Früher ist man wegen der Ressourcenknappheit und der Tatsache, dass nicht alle Materialien verfügbar waren, sorgfältiger und bewusster umgegangen mit bestehenden Bauten.

Daniel Schneller, Basler Denkmalpfleger

Es gab früher keine Wegwerf-Mentalität wie heute.

Nehmen Sie als Beispiel das Münster: Nach dem grossen Erdbeben von 1356 ist es nicht einfach abgebrochen worden, sondern es wurde weitergebaut. Die alten Häuser in der Stadt, das zeigt unsere Forschung, sind jeweils organisch weiterentwickelt worden. Der Wert des Kapitals und dessen, was wir heute graue Energie nennen, wurde erkannt. Es gab keine Wegwerf-Mentalität wie heute.

Denken Sie also, dass auf den grossen Transformationsarealen der Stadt auf das bauliche Erbe der Industrie Rücksicht genommen wird?

Das lässt sich, zum Beispiel auf dem Klybeckplus-Areal, noch nicht klar absehen. Aber wir von der Denkmalpflege beziehen diese Überlegungen in unsere Arbeit längst mit ein. Nehmen Sie die beiden Gebäude am Blumenrain aus den 40er-Jahren, für die ein Unterschutzstellungsverfahren läuft. Da finden sich genau diese Ressourcen, von denen ich gesprochen habe.

Aber gerade dieses Beispiel zeigt doch, wie schwierig Ihre Arbeit in Bezug auf die öffentliche Meinung ist: Die zwei Gebäude scheinen grau und unscheinbar.

Ja, die Vermittlung ist ein wichtiger Teil unserer Aufgabe. Der Blumenrain wurde damals im Sinn einer Stadterweiterung der Moderne umgestaltet, was man an diesen Gebäuden gut ablesen kann. In diesem Fall und generell müssen wir der Öffentlichkeit die Bedeutung von Gebäuden vermitteln, die noch nicht als schützenswert betrachtet werden. Das ist nicht immer leicht.

Wäre es Ihnen lieber, die Stadt würde sich etwas langsamer entwickeln?

Tatsächlich habe ich ganz am Anfang meiner Tätigkeit die Befürchtung geäussert, es gehe zu rasch. Zumindest müssten wir bei diesem Tempo über genügend Ressourcen verfügen, um die öffentlichen Interessen einbringen zu können. Kantonsbaumeister Beat Aeberhard hat einen entsprechenden Antrag gestellt, um bei der Begleitung der Areal-Entwicklung in der Planung und auch der Denkmalpflege besser aufgestellt zu sein. Uns wird eine temporäre Teilzeitstelle dafür in Aussicht gestellt, was immerhin eine Entlastung bringen könnte, aber natürlich nicht ganz genügt aus unserer Sicht. Zudem muss diese Stelle in der Budget-Beratung des Grossen Rats im Januar erst noch bewilligt werden.

Gerade politisch ist Ihre Arbeit durchaus umstritten. Die vom Parlament beschlossene Teil-Entmachtung der Stadtbildkommission zeigt, dass linke wie rechte Kreise sich gegen Interventionen, die städtebauliche Erneuerung behindern könnten, stark wehren. Spüren Sie bei der Denkmalpflege diesen Gegenwind?

Was ich vor allem bemerke, ist die Unterstützung für unsere Anliegen in der Bevölkerung. In jüngster Vergangenheit wurden beispielsweise vier Petitionen zum Erhalt von historischen Bauten eingereicht: zwei für die Elsässerstrasse, eine für die Mattenstrasse und eine für das «La Torre» auf dem Bruderholz.

Ihre Unterstützer beklagen auch, dass die Denkmalpflege, gerade was die Inventarisierung von Gebäuden angeht, personell nicht gut dotiert ist. Will man Ihre Dienststelle etwa zu Tode sparen?

Diesen Eindruck habe ich nicht. Die Kantonale Denkmalpflege hat seit Jahrzehnten in etwa die gleichen Ressourcen zur Verfügung. Dass wir uns damit an die jeweiligen Anforderungen der Zeit anpassen und verändern müssen, hat die Regierung erkannt. So unterstützt sie das Projekt der partizipativen Inventarisierung. Das heisst: die Quartierbevölkerung kann dort, wo unsere Arbeit nicht abgeschlossen ist, mitsprechen und Vorschläge machen. Das ist im Sinn der verstärkten kulturellen Teilhabe ein innovativer und neuer Ansatz. Auch hier steht noch die Zustimmung des Parlaments aus.

Im Fokus steht derzeit auch der Kampf um den Erhalt von historischen Gebäuden des Pharmakonzerns Roche. Zahlreiche Ihrer Amtskollegen aus anderen Kantonen beteiligen sich öffentlich an der Diskussion und sprechen sich für den Erhalt aus – Ihnen jedoch sind die Hände gebunden. Ist das schwierig auszuhalten?

Uns sind die Hände nicht gebunden. Wir verhandeln ja mit der Roche und können die öffentlichen Interessen des Denkmalschutzes frei, ungehindert und unzensiert einbringen. Es geht dabei neben der Schutzwürdigkeit auch um die Schutzfähigkeit, das sind komplexe Fragestellungen. Da wir nach wie vor im Verhandlungsstatus sind, kann und darf ich keine Details preisgeben.

Ein Argument für den Erhalt der Roche-Gebäude betrifft ja auch die von Ihnen erwähnte Frage des Umweltschutzes und der Grauen Energie. Ist das bei Roche überhaupt ein Thema?

Ja, auch das ist Teil der Verhandlungen. Ich stelle bei der Roche auch diesbezüglich eine grosse Ernsthaftigkeit fest.

Aber gegen den Willen des Pharmariesen lässt sich sowieso nichts beschliessen in dieser Stadt.

Letztlich muss die Regierung die öffentlichen und privaten Interessen gegeneinander abwägen und entscheiden.