Berufung
In zweiter Instanz verurteilt: Das Appellationsgericht spricht Alice F. des Mordes schuldig

Einen Tag lang dauerte die zweite Verhandlung: Alice F.*, die 2019 den damals siebenjährigen Ilias auf dem Heimweg erstach, hat Berufung gegen das Urteil des Strafgerichts eingelegt. Das Appellationsgericht wies die Anträge der Rentnerin ab.

Silvana Schreier
Drucken
Gedenkstelle für den getöteten Schulbub Ilias nahe des Gotthelfsschulhauses.

Gedenkstelle für den getöteten Schulbub Ilias nahe des Gotthelfsschulhauses.

Nicole Nars-Zimmer

Es war ein Donnerstag im März 2019, als die heute 78-jährige Alice F.* den siebenjährigen Ilias auf offener Strasse erstach. Die Rentnerin war den Basler Behörden bekannt, hielt sie die Mitarbeitenden doch als Querulantin auf Trab. Im August 2020 urteilte das Strafgericht: Die Frau ist aufgrund einer psychischen Störung schuldunfähig.

Heute Dienstag befasst sich das Appellationsgericht als zweite Instanz mit dem Fall. Die Beschuldigte Alice F. legte Berufung gegen das Urteil ein. Sie gibt an, keinen Mord begangen zu haben. Das Appellationsgericht weist die Berufung klar ab.

Der Prozessbeginn

Eine Polizistin und ein Polizist begleiten Alice F., als sie den Gerichtssaal betritt. Sie legt ihre beige Jacke über den Stuhl. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein Päckchen Taschentücher, darunter ein braunes Couvert. Ihr neuer Verteidiger Christoph Balmer nimmt neben ihr Platz, rechts davon Opferanwalt Artan Sadiku, links der Staatsanwalt. Die Eltern des ermordeten Ilias sowie Verwandte und Bekannte sitzen in den Reihen dahinter.

Alice F. will die meisten Fragen der Gerichtspräsidentin Eva Christ nicht beantworten. «Dazu äussere ich mich nicht», wiederholt sie mehrmals. Sie habe alles bereits zu Protokoll gegeben. Derweil verlangt der Verteidiger in ihrem Auftrag, dass das Urteil des Strafgerichts aufgehoben werde. Alice F. bestreitet, planmässig vorgegangen zu sein. Die Richterin fragt, warum sie sich nicht habe einweisen lassen oder warum sie keine Hilfe gesucht habe. «Ich habe mich fast 40 Jahre gemeldet, dass man mir hilft. Haben sie das Gefühl, dass nach 40 Jahren, in denen mir niemand half, ich noch glaubte, dass mir jemand hilft?», sagt Alice F.

Das Plädoyer der Verteidigung

In der Verhandlung vor dem Strafgericht vor eineinhalb Jahren spielte das psychiatrische Gutachten eine zentrale Rolle. Christoph Balmer, der Verteidiger von Alice F., nimmt in seinem Plädoyer das 93 Seiten lange Dokument auseinander. «Das Gutachten ist primär ein Aktengutachten, weil meine Mandantin ihre Mitwirkung verweigerte», so Balmer.

Obwohl der Gutachter von der Staatsanwaltschaft darauf hingewiesen worden sei, habe dieser die Dokumente in den neun Bananenkisten von Alice F. nicht gesichtet. Balmer: «Dabei hätten die Akten aus den vergangenen 40 Jahren einen Einblick ins Innenleben meiner Mandantin geben können.» Weiter beziehe sich das Gutachten auf zwei weitere Untersuchungen von 2006 und 2016, die beide von Alice F. bestritten und bemängelt werden.

Auch geht der Gutachter laut Verteidiger nicht auf die Eigenschaften ein, die für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung gelten würden. «Zusammengefasst wird die Diagnose Wahn von meiner Mandantin weiterhin bestritten», so Balmer. Alice F. macht eine Affekthandlung geltend und widerspricht dem Vorwurf, planmässig gehandelt zu haben. Darum sei sie im Zweifel des Totschlags und nicht des Mordes schuldig zu sprechen, sagt der Verteidiger.

Das Plädoyer des Opferanwalts

Auch die Familie des getöteten Ilias hat Beschwerde eingereicht. Opferanwalt Artan Sadiku sagt, es sei ein Hohn, dass der Familie weder Schadenersatz noch Genugtuung zugesprochen worden seien. Er fordert vor dem Appellationsgericht einen Schadenersatz von rund 18'000 Franken sowie eine Genugtuung über 185'000 Franken.

«Die Familie hat nicht nur ein Bedürfnis nach finanzieller Entschädigung, sondern nach Anerkennung der Tat durch die Beschuldigte», so Sadiku vor Gericht. Der enorme Verlust des damals siebenjährigen Sohns könne nicht mit Geld wiedergutgemacht werden, aber es würde den Eltern eine Entschädigung für das erlebte Leid und die Auswirkungen auf ihr heutiges Leben geben.

Das Plädoyer des Staatsanwalts

«Ich beantrage, dass die Berufung vollumfänglich abgewiesen wird», so der Staatsanwalt Sasha Stauffer. Alice F. erfülle den Straftatbestand des Mordes, sei aber schuldunfähig und damit nicht straffähig. Weiterhin soll eine Verwahrung angeordnet und die Sicherheitshaft bis zur Rechtskräftigkeit des Urteils verlängert werden.

Alice F. lebe in einer «psychotischen Eigenwelt», schlussfolgert Stauffer. Zudem habe sie auch in dieser Verhandlung wiederholt bestätigt, dass sie keine therapeutische Behandlung oder Medikamente brauche. Darum sei klar eine Verwahrung anzuordnen.

Die letzten Worte von Alice F.

Wie bereits in der Verhandlung vor dem Strafgericht 2020 nutzt Alice F. die Gelegenheit des letzten Wortes, um ihre Sicht der Dinge zu erklären. Sie erzählt in Kurzfassung ihre Geschichte, die mit einem behördlichen Entscheid 1981 begonnen haben soll. Es geht um Anzeigen, Wohnungsräumungen, Urteile und Entscheide. Alice F. fühlt sich weiterhin missverstanden.

«Ich werde nie verstehen, wie ein Rechtsstaat einen Bürger an die Wand drücken kann, bis eine Gewalttat passiert. Das war für die Behörden absehbar», sagt Alice F. und weist damit wiederholt jegliche Verantwortung für das Tötungsdelikt von sich.

Das Urteil

Das Appellationsgericht hat ein Urteil gefällt. Als zweite Instanz bestätigt sie das Verdikt des Strafgerichts von 2020. Alice F. ist des Mordes schuldig, aufgrund ihrer Schuldunfähigkeit bleibt es bei der Verwahrung. Zudem spricht das Appellationsgericht Schadenersatz und Genugtuung für die Opferfamilie.

* Name der Redaktion bekannt.