Andächtig

Das Castle ist mehr als bloss eine Kulisse fürs Edinburgh Tattoo

Über der Hauptstadt thront dessen Wahrzeichen: das Edinburgh Castle. Es beherbergt wertvollste Schätze aus der schottischen Geschichte und ist die meistbesuchte Sehenswürdigkeit des Landes.

Jasmin Grasser, Edinburgh
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Direkt vor dem Schloss, auf der sogenannten Esplanade, findet seit 1950 das Edinburgh Tattoo statt.
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Edinburgh Castle
Das Scottish National War Memorial befindet sich im Edinburgh Castle.

Direkt vor dem Schloss, auf der sogenannten Esplanade, findet seit 1950 das Edinburgh Tattoo statt.

Jasmin Grasser

Wolken schieben sich über die schottische Hauptstadt, es ist grau und neblig wie meistens im Frühling, der raue Wind weht vom Meer, doch alles geht vergessen beim Anblick des Edinburgh Castle.

Wuchtig thront die Burganlage auf dem Castle Rock, um diesen zu erklimmen gibt es zwei Wege: den Aufstieg durch den in Stein gehauen Weg dem Felsen entlang oder ein Spaziergang durch die Royal Mile, wo sich Whiskey-Läden, Touristenshops, teure Restaurantshops und eine Stofffabrik aneinanderreihen.

1,4 Millionen Besucher

Vor der Burg auf der Esplanade, wo das Royal Edinburgh Military Tattoo stattfindet, stehen Touristengruppen und Einzelpersonen. Sie alle versuchen, das perfekte Foto vor der Fassade des altehrwürdigen Gemäuers zu machen, manche behelfen sich mit Selfiesticks, andere bitten vorbeiziehende Passanten um Hilfe.

Stewards, die meisten in traditionellen Militäruniformen oder Kilts gekleidet, sorgen dafür, dass die Massen sich für den Ticketschalter einreihen. 1,4 Millionen Menschen besuchten die Burg laut offiziellen Angaben 2014.

Dementsprechend lang ist die Schlange vor der Burg. 16 Pfund 50 kostet der Tageseintritt ohne Vergünstigung, die Bedienung ist trotz des Andrangs freundlich und empfiehlt, mindestens zwei Stunden Zeit einzuplanen. Das ist zu wenig, um alles zu sehen, aber genug, um fasziniert zu sein.

Kurz nach Mittag reisst der Himmel auf und die Sonne scheint auf die Burganlage, die mehr einem mittelalterlichem Dorf gleicht. Die erste Erwähnung findet der Castle Rock im 7. Jahrhundert, die ältesten Gebäude stehen seit 1000 Jahren.

Im Lauf der Jahrhunderte wurde die Burg ausgebaut und erweitert, heute finden verschiedene Museen und die Garnison der zweiten Britischen Infanteriedivision darin Platz. Die Lage ist strategisch unvergleichlich - nicht nur sieht man über ganz Edinburgh, sondern auch über das Umland bis zum Meer.

Kronjuwelen und gefallene Soldaten

Der Aufstieg zu den Hauptgebäuden der Burg nimmt noch einmal eine Viertelstunde in Anspruch, vorbei an den befestigten Mauern kommt man in den kleinen Innenhof der Burg.

Rechts befindet sich das Scottish National War Memorial. In den Mauern eingelassene Steinblöcke erzählen von der Geschichte Schottlands, auf steinernen Bänken darunter liegen schwarz und rot eingebundene Lederbücher aufgeschlagen. Darin stehen die Namen derjenigen, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallen sind.

Trotz der vielen Menschen im Raum ist die Stimmung andächtig, die verschiedenen Sprachen werden höchstens geflüstert. Lauter geht es in der Royal Hall zu, in der eine Frau mit Reifrock und Haube zwischen Ritterrüstungen und Schwertern dem versammelten Publikum beibringt, wie man sich vor einem König richtig verbeugt.

Daneben reihen sich die Besucher wiederum in eine lange Zweierreihe ein – der Eingang zum Turm, in dem die schottischen Kronjuwelen aufbewahrt werden, ist eng.

Auch die Türen durch die verschiedenen Räume lassen erahnen, dass die Burg für Menschen gebaut wurde, die wesentlich kleiner gewachsen waren, als es die Menschen heute sind.

Beim gemächlichen Spaziergang durch den Turm hat man Zeit, die Entstehung und Geschichte des Adels und der schottischen Kronjuwelen zu verfolgen, bis man schliesslich im letzten Raum die Artefakte hinter dickem Glas und bewacht von vier Stewards zu Gesicht bekommt: Krone, Zepter und Schwert, glänzend und perfekt ausgeleuchtet, lassen jedes Gespräch verstummen und die Touristen mit andächtigen Gesichtern hinausgehen.

Zum Schluss die One O’ Clock Gun

Wieder im Freien, tun die meisten ihre Erleichterung mit einem tiefen Atemzug kund, die Räume sind nicht nur niedrig, sondern beklemmend eng und muffig. Es wird Zeit, den Rundgang mit der One O’ Clock Gun abzuschliessen, die einst für Seefahrer zur Justierung ihrer Chronometer abgeschossen wurde und heute noch jeden Tag ausser an Sonn- und Feiertagen pünktlich um 13 Uhr abgefeuert wird.

Ein Offizier übernimmt das Prozedere, bei dem mehrfach vor der Kanone salutiert wird, sehr zur Freude der Massen an Menschen, die dem Spektakel beiwohnen. Nach dem Schuss gibt es einen Applaus, die Menschen zerstreuen sich.

Auf der Mauer streiten sich zwei Möwen um ein Abfallpapier, unbeeindruckt vom Trubel. Eine fliegt weg, im Sinkflug den Felsen entlang und landet im Princes Garden, der sich friedlich und ruhig unter der Burg erstreckt.

Die Massen bewegen sich Richtung Ausgang und laufen durch das Tor, unter dem Turm vorbei, auf dem traditionell der Lone Piper am Royal Edinburgh Military Tattoo spielt. Die meisten von ihnen blicken ehrfürchtig zurück und lassen für einmal ihre Kamera in der Tasche.