Ausstellung

Das Kunstmuseum Basel untersucht das Christusbild

Die meisten Exponate der Ausstellung kommen aus dem Bestand des Kunstmuseums. Neben den bekannten Werken werden auch kaum gesehene zu bestaunen sein.

Isabel Zürcher
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Aus dem Bestand des Kunstmuseums: «Die Geisselung Christi» von Hans Herbst und Hans Holbein d. J.

Aus dem Bestand des Kunstmuseums: «Die Geisselung Christi» von Hans Herbst und Hans Holbein d. J.

Wer, wenn nicht das Basler Kunstmuseum, wäre berufen, ein Kapitel zur Geschichte des Christusbilds aufzuschlagen? Hier ruht seit den Anfängen der öffentlichen Kunstsammlung Hans Holbeins «Toter Christus im Grab». Hier hebt in Matthias Grünewalds «Kreuzigung» von 1515 ein römischer Söldner die Hand und anerkennt vor dem geschundenen Leichnam, dass kein anderer der wahre Sohn Gottes sei.

Beide Bilder sind singulär. In ihrer künstlerischen Radikalität rühren sie bis heute an den grundlegenden Fragen des Lebens und sind Ausdruck einer Frömmigkeit, die geradezu erbarmungslos jede Naivität von sich weist.

Zwischen diesen beiden Ikonen illustriert nun ein facettenreicher Bilderbogen ein Thema, das die Reformatoren beschäftigte und das der Kunstgeschichte noch immer manche Frage stellt: das Christusbild.

Schätze aus der Frömmigkeit

Das Kunstmuseum kann zur Hauptsache auf Exponate aus dem eigenen Bestand zurückgreifen. Schon das ist eindrücklich und wäre nicht möglich, wenn nicht über mehrere Jahre das gesamte Eigentum gesichtet und im Hinblick auf die Online-Publikation neu evaluiert worden wäre.

Und wo jetzt nicht nur die künstlerische Bedeutung, sondern theologische und anekdotische Facetten des Christusbilds leitend sind, kommen neben den anerkannten Highlights auch kaum gesehene Werke aus dem Depot. Sie stehen stilistisch hinter den Grössten ihrer Zeit zurück, belegen aber einfallsreich, wie bildliche Darstellungen theologische Konflikte auszuhebeln suchten.

Archäologie des Heils. Das Christusbild im 15. und 16. Jahrhundert

Kunstmuseum Basel, St. Alban-Graben 16, Basel. Bis 8. Januar 2017. Zur Ausstellung erscheint ein wissenschaftlich fundierter Katalog.

www.kunstmuseumbasel.ch

Während sich die Muttergottes in Rauch und Nebel auflöst, darf das Christuskind bei Hans Bock dem Älteren weiterhin segnend sein Ärmchen ausstrecken. Der Blond gelockte Bub ist ein Zitat aus der vorreformatorischen «Solothurner Madonna» von Hans Holbein dem Jüngeren. Er thront nun nicht mehr auf dem blauen Mantel seiner Mutter, sondern auf der Schlange, deren Bosheit er überwinden wird.

In diesem und zahlreichen weiteren Beispielen erweist sich die «Archäologie des Heils» als eine philologische
Tiefenbohrung. Ursprünglich war sie angeregt durch das fünfhundertjährige Jubiläum, das Basel dieses Jahr mit mehreren Ausstellungen in Erinnerung ruft: 1516 hat Erasmus von Rotterdam hier seine neue Übersetzung der Evangelien vorgelegt. Und damit auch die Kunst herausgefordert. Denn wenn der Reformator selbst das beste Bild Christi in der schriftlichen Überlieferung ausmachte: Seiner Zeit fehlt es nicht an Darstellungen, die das Leben und Sterben, die Auferstehung und das visionäre Nachleben des Erlösers anschaulich machen.

Private Stifter lassen sich in Andacht porträtieren und treffen im Diptychon hautnah zusammen mit dem Schmerzensmann. Jesu «Passbild» zirkuliert im kirchlichen wie im privaten Gebrauch, mehrteilige Passionen fordern auf zu Demut und Frömmigkeit.

Wissen und Schauen

Der Kurator Bodo Brinkmann, der die Ausstellung zusammen mit Katharina Georgi verantwortet, empfahl bei der Medienkonferenz, Kapitel für Kapitel den bebilderten Glaubensfragen nachzugehen. Schriftliche Einführungen folgen dem Lebenslauf und der Nachwirkung von Christi Leben und Sterben, kommentieren die dicht gehängten Erzählungen — so knapp, wie es dem Besucher entgegenkäme und doch so dicht, wie es die wissenschaftliche Ambition verlangt, erläutert Brinkmann.

Auch wer das grosse Wissen um die Wirksamkeit des Christusbilds beiseitelässt, wird auf seine Rechnung kommen: Für so viele Erzählungen, wie sie diese Bilder in sich tragen, gäbe es in Texten gar keinen Platz.