Baurecht
Der Club «Annex», das kuriose Provisorium: Im Nachtigallenwäldeli herrscht die Lex Lutz

Seit 2004 sollte der Club «Annex» energetisch saniert werden. Nun soll weiterer Aufschub gewährt werden. Währenddessen wird im «Annex» munter weitergefeiert.

Christian Mensch
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Das auch als «Garage» bekannte und beliebte Musiklokal «Annex» in Basel.

Das auch als «Garage» bekannte und beliebte Musiklokal «Annex» in Basel.

Kenneth Nars

Es entstand ein neues Kraftzentrum in Basels Nachleben, als der Gastronom Simon Lutz vor fünfzehn Jahren im Nachtigallenwäldeli das Industrie-Chic-Lokal «Acqua» und gleich daneben den Club «Annex» eröffnete. Am 22. November 2004 hatte das Basler Bauinspektorat für den Club eine Bewilligung erteilt, wenn auch nur unter Auflagen. Denn die alte IWB-Garage entsprach nicht den energetischen Mindestanforderungen. Daran hat sich bis heute, fünfzehn Jahre später, nichts geändert, wie folgende Geschichte zeigt.

«Unwiderruflich auf drei Jahre beschränkt» lautete der Bauentscheid 2004 für die «Zwischennutzung». Als die Frist Ende 2007 auslief, hatte die Energiefachstelle des Amts für Umwelt und Energie (AUE) allerdings ein erstes Erbarmen mit dem Clubbetreiber. Aufgrund einer nicht näher beschriebenen «Neu-Beurteilung» durch das AUE erteilte das Bauinspektorat «ausnahmsweise» eine Verlängerung bis «längstens» zum 22. November 2008. Danach sei «das Lokal definitiv zu schliessen und die Benutzungs-Freigabe gilt als erloschen.» Bei einem entsprechenden Wärmeschutz-Nachweis könne alternativ allerdings ein neues Baugesuch eingereicht werde.

Ende 2008 lag tatsächlich ein neuer Bauentscheid vor. Dieser enthielt zwar keinen Wärmeschutz-Nachweis, immerhin aber eine Absichtserklärung, dass die Sanierung an die Hand genommen werde. Das Amt begnügte sich damit und bewilligte das Baubegehren, wenn auch nur «provisorisch bis auf Widerruf». Hätte das Amt festgestellt, dass die Sanierung nicht umgesetzt wird, hätte es verfügen können, «bis in drei Monaten, diese Bauten und Anlage definitiv zu entfernen, resp. zu schliessen und die Grünanlage gemäss den Auflagen der Stadtgärtnerei wieder herzustellen».

Im Sommer 2017 hätte erneut Schluss sein sollen

Auch ohne den nie erfolgten Widerruf galt die neue Bewilligung bis «spätestens zur Neugestaltung des Grünraums ‹Nachtigallenwäldeli›». Bis dahin gingen Jahre ins Land. Erst am 9. Januar 2015 erhielt der Park-Umbau grünes Licht, doch am 15. Juni 2017 waren die Arbeiten amtlich vollendet und in dessen Verlauf auch die alte «Kuppel» entsorgt. Spätestens im Sommer vor zwei Jahren hätte der Club-Betrieb eingestellt werden müssen.
Im Januar dieses Jahres ist dies auch dem Bauinspektorat aufgefallen. In einem höflichen Schreiben erinnerte es den Betreiber daran und formulierte eine zeitliche Auflage: «Wir möchten Sie darüber informieren, dass die Baute und Anlage bis spätestens in drei Monaten, sprich bis zum 30. April 2019 zu schliessen oder ein Baubegehren einzureichen ist.»

Simon Lutz meldete sich per Mail beim Amt mit den Worten «herzlichen dank für ihr schreiben». Es sei ihm bewusst, dass die «Annex»-Bewilligung an die Neugestaltung des Nachtigallenwäldeli gekoppelt gewesen sei. Doch gleichzeitig hätte ja auch die neue «Kuppel» gebaut werden sollen, meint Lutz. Er schreibt: «da nun der kuppelneubau gegenüber der parkneugestaltung eine rund zweijährige verzögerung erdulden muss, würden wir gerne zeitnah ein baubegehren für die bewilligungsverlängerung einreichen.»

Im März kam es zu einer Aussprache mit dem AUE. Die «Annex»-Architektin rapportierte daraufhin dem Bauinspektorat. Im vorliegenden Schriftwechsel räumt sie ein, dass die zuletzt 2007 formulierten Auflagen noch immer nicht realisiert worden sind. Es habe sich nun aber «im Gespräch gezeigt, dass sich energetische Massnahmen am jetzigen Gebäude nicht lohnen». Viel wichtiger sei es, «das Areal als Ganzes neu zu beurteilen». Der Leiter Energietechnik im AUE pflichtet der Einschätzung mittels einkopiertem Mail zu: «Ich kann das bestätigen. Aus Sicht der Abteilung Energie ist eine ‹energetische Neubeurteilung› frühestens zum Zeitpunkt Baueingabe des Kuppel-Neubaus sinnvoll.»

Die gemeinsame Heizung, die es nicht gibt

Seit vergangener Woche liegt nun ein neues Baubegehren auf, das «eine Verlängerung des Provisoriums ‹Musiklokal Annex› bis zur Fertigstellung des Kuppel-Neubaus› verlangt. Dem Gesuch beigelegt sind die bisherigen Bauentscheide sowie der E-Mail-Wechsel zwischen der Bauherrschaft und dem Amt, aus dem zuvor zitiert ist. Im Mail der Architektin an den Baukontrolleur macht sie die zeitliche Abstimmung mit dem Kuppel-Neubau plausibel; schliesslich gehe es auch um ein «gemeinsames neues Heizsystem». Der Präsidenten der Stiftung Kuppel, Tobit Schäfer, sagt dazu auf Anfrage: «Ein ‹gemeinsames neues Heizsystem› für das Annex und die Neue Kuppel Basel ist weder gemäss Wettbewerbsprogramm noch gemäss Siegerprojekt Volume 2 geplant.»

Währenddessen wird im «Annex» munter weitergefeiert. Am kommenden Freitag heizt der britische DJ East End Dubs ein. Gemäss Werbebotschaft verspricht er «einen ansteckenden Swing, ein perfekt ausbalanciertes, straffes und klares Schlagzeug und eine durchgeknallte Struktur mit offenem Ende».

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