Gruusig!

Die Abfalljäger aus dem Gundeli: Litterer bedrohen sie sogar mit dem Tod

Zwei Pensionierte gehen in Basel Müll einsammeln. Freiwillig. Sie finden viel Unappetitliches und werden sogar beschimpft – doch sie machen weiter, einfach immer weiter.

Benjamin Wieland
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Heinzelmännchen in orange: Beat Inäbnit und Astrid Sommerhalder gehen seit Anfang Jahr fast täglich Saubermachen.
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Damit sie keine eigenen Bebbi-Säcke verschwenden müssen: Die orangen Abfallsäcke haben die beiden Pensionäre vom Tiefbauamt erhalten...
... ebenso die Wägeli (ohne die Aufdrucke, die haben Inäbnit und Sommerhalder selber gebastelt).
Die Greifzangen und die Handschuhe stammen auch vom Tiefbauamt.
Häufig laufen andere Freiwillige mit. Einer davon: Marco Agostini, Grünen-Landrat aus Aesch. Als Waldputzer hat er sich im Birstal einen Namen gemacht.
Was man entsorgen kann, werfen die zwei Abfallsammler in die entsprechenden Boxen.
Beat Inäbnit (70) sagt, er sei manchmal so stark auf den Abfall fokussiert, dass er die Trottoirränder nicht mehr sehe. Schon zweimal sei er hingefallen.
Bislang rund 32 000 LIter Kehrricht haben die zwei gesammelt, Pet, Alu, Glas, Batterien und so weiter nicht mitgezählt.
Inäbnit und Sommerhalder haben vom Basler Präsidial-Departement «Schappo»-Pins erhalten. Damit anerkennt Basel-Stadt freiwilliges Engagement. Die Pins prangen jetzt an den Hüten der Abfallsammler.
Astrid Sommerhalder (64) ist pensionierte Krankenpflegerin. Das Abfallsammeln mache Spass, sagt sie: Sie sei an der frischen Luft und mache erst noch etwas Sinnvolles.
Bis zu sieben Stunden sind die Abfallsammler «on Tour».
Beat Inäbnit will nach einem Herzinfarkt vor drei Jahren 10 000 Schritte pro Tag erreichen. Das schaffe er mit den Touren locker, sagt er.
Die Abfalljäger sind meist im Gundeli unterwegs, wo sie auch wohnen. Doch die Touren führen sie häufig auch in andere Quartier und in die Agglomeration.
Die Ausbeute nach dem Besuch der bz. Auffällig sind die vielen Masken.
Die leuchtorangen Westen haben die Abfallsammler selber besorgt.

Heinzelmännchen in orange: Beat Inäbnit und Astrid Sommerhalder gehen seit Anfang Jahr fast täglich Saubermachen.

Kenneth Nars

Wenn Beat Inäbnit, 70, Schnauz, stämmige Statur, durch Vorgärten und Rabatten streift, hat das für ihn etwas Meditatives. Dann kriegt der Rentner den Röhrenblick. Nur noch etwas ist wichtig: Was er als nächstes in die Zange kriegt. Papierschnipsel, Plastikfolien, Büchsen, Zigarettenstummel.

«Schon zweimal bin ich hingefallen, weil ich nur noch den Abfall sah», sagt der gebürtige Stadtberner. «Einmal habe ich mir dabei die Rippen geprellt. Das hat weh getan, wie-ne More!»

Bevor nicht mindestens ein Sack voll ist, gehen wir nicht heim.

(Quelle: Beat Inäbnit, Abfallsammler)

Seit Januar geht Inäbnit auf die Abfallpirsch. So auch jetzt, am Dienstagvormittag. Wie fast immer dabei: seine Partnerin Astrid Sommerhalder, 64, Krankenpflegerin, seit Kurzem ebenfalls pensioniert. Sie trägt eine auffällig berandete Brille und Lippenstift. Die beiden durchkämmen die Reinacherstrasse, wortlos, fokussiert. Startpunkt war beim MParc im Dreispitz. Das Paar ist jeden Tag unterwegs. Nur wenn es in Strömen regnet, bleiben sie zu Hause. Und am Sonntag, Ruhetag.

Ihr Rekord liege bei sieben Stunden sammeln, erzählt Inäbnit. «Bevor nicht mindestens ein Sack voll ist, gehen wir nicht heim.»

Die Idee sei ihnen in der letzten Adventszeit gekommen, erzählt Inäbnit. Schon immer habe sie der viele Abfall gestört, der auf der Strasse rumliege. Irgendwann liefen sie zum ersten Mal los. Später schrieben die Abfallsammler das Tiefbauamt an. Es stellte Greifzangen, Wägeli, Handschuhe zur Verfügung, aber auch Säcke der Kehrichtabfuhr. Damit die beiden Sammler nicht ihre eigenen Bebbi-Säcke füllen müssen. Die leuchtorangen Jacken samt Aufdruck jedoch, die berappten sie selber.

Eigene Facebook-Gruppe hat viel Zulauf

Ihre Touren führen meist durchs Gundeli, wo die zwei wohnen. Manchmal geht’s in andere Quartiere. Oder ins Baselbiet. Auf der Strecke Muttenz–Pratteln haben sie auch schon aufgeräumt.

Weil immer wieder Sympathisanten mitlaufen wollten, gründeten Inäbnit und Sommerhalder eine Facebook-Gruppe. Unter «Abfallsammlergruppe Region Basel» kündigen sie ihre Einsätze an. Einer, der schon mehrmals mitanpackte, ist Marco Agostini, Grünen-Landrat aus Aesch und Gründer des Vereins «Suuberewald».

Zulauf hatte die Gruppe vor den Wahlen vom 25. Oktober. Kandidierende wollten sich ein paar Extrastimmen holen. Inäbnit und Sommerhalder störte das nicht. «Solange sie fleissig sind», sagt Sommerhalder, «ist uns das egal.»

Der Kanton Basel-Stadt sagt: Schappo!

Dominik Egli, Leiter der Basler Stadtreinigung, schreibt, man unterstütze die Sammelgruppen gerne mit Material. Bekannt seien dem Amt derzeit sechs Einzelpersonen und Gruppen von privat organisierten Abfallsammlern. Im August hatten Inäbnit und Sommerhalder Post vom Präsidialdepartement: zwei Pins mit dem «Schappo»-Logo. Mit dem «Prix Schappo» anerkennt und ehrt Basel-Stadt freiwilliges Engagement. Die Pins haben sich die zwei Sammler an ihre Hüte gesteckt.

Aufgeschmissen sind die Abfallsammler aus dem Gundeli, wenn sie auf gröberes Material stossen, Stühle, Schränke, Betten, Matratzen. «Das können wir nicht wegtragen», sagt Inäbnit. «Wir rufen dann dem Tiefbauamt an.» Der Kanton erfasst alle illegalen Deponien auf einer Karte. Aufgeführt sind die üblichen Verdächtigen: Die Quartiere Klybeck, Matthäus, St. Johann, Gundeli und Kleinhüningen.

Aber nicht nur. Matthias Nabholz, Leiter des kantonalen Amts für Umwelt und Energie, schreibt, es würde in allen Wohnvierteln illegal Abfall entsorgt. «Hotspots von Littering sind dort, wo sich Menschen länger aufhalten sowie die Innenstadt an den Wochenenden.»

Litterer verhalten sich wie «Kühe auf der Weide»

Astrid Sommerhalder lebt seit den 1970er-Jahren im Gundeli. Für sie ist klar: Die Stadt ist dreckiger geworden, vor allem ab 1993, dem Jahr, als Basel die Kehrichtsack-Gebühr einführte. Nicht selten fänden sie Säcklein mit Hausmüll, sorgfältig platziert. «Da wollen gewisse Leute ein paar Franken sparen.» Matthias Nabholz entgegnet, das Geldsparen möge ein Grund sein für illegales Entsorgen. «Allerdings kostet es 200 Franken, wenn man dabei erwischt wird.»

Interessant sei, ergänzt Nabholz, dass auch Abfälle deponiert würden, die eigentlich kostenlos im Laden abgegeben werden könnten, etwa Elektrogeräte. «Geld allein kann somit nicht der Hauptgrund sein: Es spielen auch Gründe wie Desinteresse, Unwissenheit oder bewusstes Missachten der Regeln eine Rolle.»

Manchmal beobachte sie die Passanten, sagt Sommerhalder. Wie sie ihren Abfall einfach liegen lassen, gedankenlos. «Das erinnert mich an Kühe auf der Weide: Die lassen auch einfach ihren Dung fallen.» Sie habe schon Ohrenstäbchen gefunden, volle Windeln, eine blutige Binde. Und seit Corona: immer mehr Masken.

Hörten schon Drohungen wie «Morgen bist du tot!»

Basel-Stadt beschäftigt vier vollamtliche Abfallkontrolleure. Sie durchsuchen Abfallsäcke auf Spuren der «Besitzer». Die Zahl der Meldungen über illegal entsorgten Abfall bewegt sich in den vergangenen Jahren stabil zwischen 4300 und 5300. Im Schnitt ein Dutzend pro Tag. Dass Abfall auf die Strasse geworfen wird, ist kein neues Phänomen. Im alten Rom warfen Hausbesitzer ihren Unrat nachts aus dem Fenster. Es sollen sogar Passanten erschlagen worden sein. Noch heute kann man in Rom den Monte Testaccio sehen. 50 Meter hoch ist der Hügel. Er besteht aus Scherben von Einweg-Amphoren.

Jetzt streifen Inäbnit und Sommerhalder durch die Thiersteinerallee. Manchmal sprechen sie Abfallsünder an. Das werde nicht immer geschätzt, sagt Inäbnit: «Einmal raunte mich einer an: ‹Morgen seid ihr tot!›.» Inäbnit schrammte tatsächlich am Tod vorbei, vor drei Jahren: Er, der drei Jahrzehnte lang Naturprodukte verkaufte, erlitt einen Herzinfarkt. «Der Professor sagte, wenn Du nicht auf täglich 10'000 Schritte kommst, kannst Du abschliessen.»

Inäbnit und Sommerhalder sind bei der Heiliggeistkirche angekommen. PET, Glas und Aluminium haben sie bereits eingeworfen. «Genug für heute», sagt Inäbnit. «Ab ins Café!» Zuvor aber wird die Beute präsentiert. 32'000 Liter Müll haben sie seit Januar eingesammelt, das entspricht über 530 60-Liter-Säcken. Jetzt ist es wieder ein wenig mehr.

«Die Arbeit geht uns nicht aus», sagt Sommerhalder. «Wenn wir in ein paar Tagen diese Strecke nochmals ablaufen, ist wieder alles voll.»