Jubiläum
Die Bewohner des Männerwohnheims Basel werden immer jünger

Ein Amerikaner gründete das Männerwohnheim der Heilsarmee, um Arbeitern und Obdachlosen Unterschlupf zu bieten. 110 Jahre später helfen Fachleute den Bewohnern auf dem Weg in ein selbstständiges Leben.

Martina Rutschmann
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Leiter Thomas Baumgartner vor dem Eingang des Heims auf der Rheinseite.
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Im Aufenthaltsraum schauen die Männer auch mal zusammen einen FCB-Match.
Wer einen Drucker oder einen PC hat, teilt die Geräte mit den Mitbewohnern.
Männerwohnheim

Leiter Thomas Baumgartner vor dem Eingang des Heims auf der Rheinseite.

Kenneth Nars

Er heisst nicht Brian*. Doch er will nicht, dass sein richtiger Name hier steht. Er will nicht, dass sein Gesicht abgebildet ist. Denn er schämt sich, dass er mit seinen 29 Jahren an der Rheingasse 80 im Kleinbasel wohnt. Es kam sogar schon vor, dass er einen Kollegen belog und sagte, er wohne in einer WG. Warum Brian das tut? Ganz einfach:

«Das ist das Männerwohnheim!», sagt er. Und sagt damit viel mehr als das. Das Männerwohnheim, ein Ort, an dem gestrandete ältere Männer leben, Männer, die viel trinken und kaum zum Coiffeur gehen, Männer, die weg sind von der Gesellschaft, die ganz unten gelandet sind.

Es ist einige Jahre her, als Urs Marti Mittagsmenüs verkündete. «Hasenburg: Schwartemage!», hallte es frühmorgens schon durch die Grossbasler Gassen. Und wenn die anderen Leute beim Mittagessen waren, regelte Urs mit seiner Trillerpfeife den Tramverkehr – ungefragt, wie er dies auch mit den Menüs tat. Urs lebte im Männerwohnheim. Seine Mitbewohner waren der Mann mit dem verbrannten Gesicht und der Uniform und ein Maler, der Viktor hiess, sich aber «Sigmund Freud» nannte. Es war die Zeit, als Originale dieser Stadt an der Rheingasse 80 wohnten, weil Originale oft auch arm waren. Diese Zeit, so scheint es, ist vorbei. Originale gibt es kaum mehr. Und im Männerwohnheim leben längst nicht mehr nur alte Männer.

Wenn dieser Absender nicht wäre

Brian ist einer von drei Männern unter 30 Jahren hier. Er gehört zu einer Minderheit, die Frage ist nur: Wie lange noch? Heimleiter Thomas Baumgartner stellt fest, dass vermehrt junge Erwachsene im Männerwohnheim Unterschlupf suchen. Ein Mitarbeiter des Heims untersucht das Phänomen zurzeit für seine Masterarbeit in Sozialer Arbeit. Was hat es mit den jungen Männern auf sich? Junge Männer, die nicht zwingend obdachlos und auch nicht süchtig sein müssen. Es können auch Männer wie Brian sein.

Vor einem Jahr kam Brian ins Männerwohnheim. Seither lebt er in einem Zweierzimmer mit Sicht auf die Rheingasse. «Ich brauche zum Schlafen keinen Rheinblick», sagt er. Tagsüber schreibt er Bewerbungen, geht an die Luft, hilft in der Küche. Und sobald der Pöstler da war, schaut er, ob auf der Liste am Empfang sein Name steht. Heute steht sein Name da. Ist es eine Antwort auf eine Bewerbung? Vielleicht mal eine positive?

«Es ist nur eine Rechnung», sagt Brian. Wegen einer psychischen Erkrankung, auf die er nicht näher eingehen möchte, landete er vor ungefähr 14 Monaten in der psychiatrischen Klinik. Nach zwei Monaten stationärer Behandlung wurde er entlassen. Die Mutter war in der Zwischenzeit mit ihrem Freund in ihre Heimat Kenia ausgewandert. Bei Kollegen fand Brian keinen Platz, an dem er hätte länger bleiben können. Die einzige Schwester zog die Zweisamkeit mit dem Freund einem Leben zu dritt vor. Das Geld von der Sozialhilfe reichte nicht für eine eigene Wohnung (siehe Text rechts).

Und einen Job? Einen Job sucht Brian seit einem Jahr vergeblich. Er möchte seine abgebrochene Ausbildung als Fitnesstrainer beenden, schreibt sich die Finger wund mit Bewerbungen. Wenn da bloss nicht der Absender wäre: Rheingasse 80. Jeder weiss, was dort ist. Und nicht jeder Arbeitgeber ist begeistert.

Grosser Traum vom eigenen Heim

Der älteste Bewohner lebt seit 25 Jahren hier. «Das ist ein Auslaufmodell», sagt Leiter Baumgartner. Seit das Heim Wohncoaching anbiete, blieben die Männer teils nur zur Überbrückung. Das heisst dann «Stabilisierungsphase».

Bei Brian dauert diese Phase schon lange. Dabei will er nichts sehnlicher, als weg. «Ich würde gern in eine WG ziehen oder in eine eigene Wohnung. Ich möchte auf eigenen Beinen stehen.» Seine Krankheit sei inzwischen geheilt, Probleme mit Drogen oder Alkohol hatte er nie. «Ich bin schliesslich Sportler», sagt er.

Anderen Bewohnern geht es schlechter. Sie brauchen die Unterstützung der Sozialpädagogen, die von der der Heilsarmee, der das Heim gehört, angestellt wurden. Der Spardruck im Gesundheitswesen führt dazu, dass psychotherapeutische Dienstleistungen auch an Orten wie diesem vollbracht werden müssen. «Wir müssen auch Leute ablehnen, etwa, wenn sie psychisch zu wenig stabil sind», sagt Thomas Baumgartner. Das könnten Männer mit Wahnvorstellungen sein oder solche, die schnell ausflippen.

Von den 54 Betten sind meistens ein paar leer. Das Männerwohnheim ist nicht gratis und auch nicht so billig wie die Notschlafstelle. Ein Bewohner zahlt monatlich 2812 Franken für Kost, Logis und Betreuung. Fast immer kommt das Geld von der Sozialhilfe, der IV oder der AHV. Das Essen stellt die Schweizer Tafel zur Verfügung. Es ist etwas vom wenigen hier, das Brian richtig toll findet. Aber kein Grund, länger als nötig zu bleiben.

Bald muss das Haus saniert werden. Brian wünscht sich, dass er das Heim verlassen kann, solange es noch alt ist. Vielleicht kommt ja bald wieder Post. Vielleicht für einmal eine gute Nachricht.

*Name der Redaktion bekannt

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