Ohne Rollenklischee

Diese Kinderbücher sind amtlich geprüft

Die Abteilung Gleichstellung des Kantons Basel-Stadt gibt Büchertipps für gendergerechte Erziehung. Dazu hat sie eine Broschüre herausgegeben mit Büchern, die ohne Rollenklischees auskommen.

Jonas Hoskyn
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Ronja Räubertochter hat es auf die Liste der «klischeefreien» Kinderbücher geschafft, Pippi Langstrumpf nicht.

Ronja Räubertochter hat es auf die Liste der «klischeefreien» Kinderbücher geschafft, Pippi Langstrumpf nicht.

Nicole Nars-Zimmer

Paul ist der beste Fussballer im Kindergarten. Aber eigentlich würde er lieber mit Puppen spielen. Gemeinsam mit ein paar Mädchen verkleidet er sich als Prinzessin. Als seine Kumpels das sehen, kommen sie dazu und wollen sich auch verkleiden. Und die Mädchen dürfen künftig mitkicken. Besonders erfolgreich dürfte sich das Buch mit dem sinnigen Titel «Paul und die Puppen» nicht verkauft haben. Im Handel ist das Buch nicht mehr erhältlich.

Dafür kann es sich seit dieser Woche rühmen, von der Abteilung Gleichstellung von Frauen und Männern des Kantons Basel-Stadt mit dem Attribut «Frei von Klischee» ausgezeichnet worden zu sein. Auf 24 Seiten werden in ihrer neusten Broschüre «Himmelblau und rosarot» Kinder- und Jugendbücher aufgelistet, welche ohne Rollenklischees auskommen.

Darunter etwa das Buch «Ich hab eine Freundin, die ist Notärztin». Nicht auf die Liste geschafft, haben es weitere Bücher aus der gleichen Reihe, etwa «Ich habe einen Freund, der ist Feuerwehrmann/Müllmann/Imker/Bauer/Lokführer».

Unbekanntes und Klassiker

Die 55 Buch-Tipps sollen Kindern und Jugendlichen ermöglichen, unterschiedliche Geschlechterbilder zu entdecken und sie in der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit zu stärken, so die Abteilung Gleichstellung, welche direkt der Basler Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann (Grüne) unterstellt ist.

Neben eher unbekannteren Büchern sind auf der Liste auch einige Klassiker zu finden wie etwa die Geschichte der dummen Augustine. Als der Zirkusclown mit Zahnschmerzen ausfällt, springt seine Frau für ihn ein und tut dies derart überzeugend, dass sich das Ehepaar fortan Arbeit, Kindererziehung und Haushalt ab sofort aufteilt.

Ausgedacht hat sich «Die dumme Augustine» der deutsche Kinderbuchautor Otfried Preussler. Ironischerweise tauchen seine Werke ansonsten eher auf der schwarzen Liste auf, wenn es um politische Korrektheit geht. Weil sich in «Die kleine Hexe» Kinder als «Neger, Chinesenmädchen und Türke» verkleiden, hatte der deutsche Thienemann-Verlag kürzlich angekündigt, mehrere von Preusslers Klassikern zu überarbeiten und Formulierungen, die als verletzend empfunden werden könnten, durch neutrale zu ersetzen, was in Deutschland für Empörung und grosse Diskussionen sorgte.

Auch «Ronja Räubertochter» von Astrid Lindgren schafft es auf die Liste der Abteilung Gleichstellung. Nicht aber ihre berühmteste Figur Pippi Langstrumpf. Das mag einerseits mit deren Lebenstraum zusammenhängen. Sie will nämlich «Negerprinzessin» beziehungsweise neuerdings «Südseeprinzessin» werden. Im Gegensatz zur rothaarigen Anarchistin pflegen ihre Spielkameraden Tommy und Annika aber sehr traditionelle Geschlechterrollen.

Der Umstand, dass der Kanton Basel-Stadt neuerdings Literaturkritik zu seinen Aufgaben zählt, stösst auf geteilte Reaktionen. «Wenn das die Aufgabe des Gleichstellungsbüros ist, kann man dieses gleich abschaffen», sagt LDP-Präsidentin Patricia von Falkenstein. «Nichts gegen eine solche Liste, aber das muss nicht der Kanton machen.»

Mütter und Väter, welche Wert auf dieses Thema legen, könnten sich in einem Buchladen oder einer Bibliothek genügend beraten lassen. Zumal von die zweifache Mutter den Nutzen einer gendergeprüften Kinderliteratur bezweifelt: «Meine Tochter hat die Geschichten des Tüftlers Willy Werkel genauso geliebt wie mein Sohn.»

Anderer Meinung ist SP-Präsident Pascal Pfister, der seit sieben Monaten Vater einer Tochter und eines Sohns ist. Für Eltern, denen das Thema Gleichberechtigung wichtig ist, könne eine solche Liste sehr hilfreich sein. «Wir haben auch schon Bücher gekauft mit Geschichten über Frauen, die nicht den gängigen Rollenbildern entsprechen», sagt er.