Goldener Schuss

«Do kame nüt me mache, dä isch hi» – doch die Täter hätten das nicht gewollt

In der Nacht vom 8. auf den 9. Dezember 2013 verstarb der 38-jährige Atan. Vor seinem Tod hielten ihn die Drogenabhängigen tagelang gefangen. Grund: Er soll angeblich Stoff geklaut haben.

Patrick Rudin
Drucken
Teilen
Experten bestätigten, dass bereits nach einem kurzem Entzug schon kleinste Mengen tödlich wirken. (Symbolbild)

Experten bestätigten, dass bereits nach einem kurzem Entzug schon kleinste Mengen tödlich wirken. (Symbolbild)

KEYSTONE

«Do kame nüt me mache, dä isch hi», sagte die Frau in der tragischen Nacht vom 8. auf den 9. Dezember 2013. Die heute 59-jährige Frau rief nicht die Sanität, ebenso wenig ihr heute 31-jähriger Sohn. Gemeinsam mit einem weiteren, heute 33-jährigen Mann hatten sie in ihrer Drogen-WG am St. Johanns-Ring tagelang den 38-jährigen Atan gefangen gehalten – er verstarb in jener Nacht.

Die Umstände waren rasch klar: Atan soll angeblich Stoff geklaut haben, und der 31-Jährige wollte ihn spüren lassen, wie sich ein kalter Entzug von Heroin anfühlt – zumindest solange, bis Atan den Diebstahl gestehe.

Tödliche Injektion

Dazu kam es allerdings nicht: Als es Atan sichtlich schlecht ging, injizierte ihm der 31-Jährige Diaphin, pharmazeutisch reines Heroin, zuvor geklaut bei der Abgabestelle für Schwerstsüchtige. Experten bestätigten, dass bereits nach einem kurzem Entzug schon kleinste Mengen tödlich wirken.

Er habe bloss helfen wollen, verteidigte sich der Mann vor Gericht. Mit seinem von Toxikologen eindeutig widerlegten Märchen, wonach er 0.2 Gramm Gassenheroin gespritzt habe, machte er sich allerdings wenig glaubwürdig: Das Basler Strafgericht verurteilte beide Männer im Mai 2016 wegen eventualvorsätzlicher Tötung, die Mutter wegen Gehilfenschaft dazu.

Das Basler Appellationsgericht hat nun am Mittwoch die Geschichte anders gewürdigt: «Er wollte ein Geständnis. Das geht nicht, wenn der Andere tot ist», sagte Gerichtspräsidentin Liselotte Henz. Der 31-Jährige habe Mitleid gehabt, als er sah, dass es Atan schlecht ging.

«Er wollte ihm helfen. Wertet man diese Aussage als glaubwürdig, dann kann man ihm keinen eventualvorsätzlichen Tötungswillen unterstellen», so Henz. Die fünf Richter verurteilten den Mann am Mittwoch deshalb nebst der Freiheitsberaubung nicht wegen vorsätzlicher, sondern wegen fahrlässiger Tötung. Statt zehn Jahre muss er insgesamt 8,5 Jahre hinter Gitter.

Mutter ist schwer krank

Eine Verurteilung der Mutter sowie des 33-Jährigen wegen Mittäterschaft bei Fahrlässigkeit war aus rechtlichen Gründen nicht möglich. Das Gericht ging von Unterlassen der Nothilfe aus, dazu kam die qualifizierten Freiheitsberaubung. Die 59-jährige Mutter des Haupttäters wurde als Gehilfin der Freiheitsberaubung eingestuft.

Damit ging der Strafrahmen auch hier noch etwas runter: Der 33-jährige Mitläufer muss nun sechs statt acht Jahre ins Gefängnis – auch verzichtete das Appellationsgericht mangels klarer Diagnose bei ihm auf eine stationäre Massnahme.

Vor allem diesen letzten Punkt nahm er mit sichtbarer Erleichterung auf: Seine Entlassung aus dem Strafvollzug liegt nun in Sichtweite.

Die schwerkranke Mutter kommt nun statt mit fünf Jahren Gefängnis mit 24 Monaten bedingt davon. Sie lebt in einem Heim und hätte vermutlich aus gesundheitlichen Gründen sowieso nicht dem Strafvollzug überstellt werden können. Wie schon vor dem Strafgericht erschien sie auch in der zweiten Instanz mit dem Rollator.

Hakenkreuz eingebrannt

Die Urteile können noch an das Bundesgericht weitergezogen werden, allerdings ist dort die Überprüfungsbefugnis auf reine Rechtsfragen beschränkt.

Der Fall sorgte für Aufsehen, weil der Haupttäter die Leiche aus Wut oder auf der Suche nach Drogen regelrecht aufgeschlitzt hatte und danach wochenlang in einer Kiste auf dem Balkon lagerte. Juristisch handelt es sich dabei «nur» um eine «Störung des Totenfriedens». Vor dem Tod jedoch hatte er sein Opfer regelrecht gefoltert und den Gefangenen unter anderem mit einem Hakenkreuz gebrandmarkt.