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Eklat bei Behindertentransport: Chauffeur verdient weniger als fünf Franken Lohn pro Stunde

Ein Chauffeur des IVB Behindertentransports klagt über schlechte Bezahlung. Die Organisation erklärt sich.
Silvana Schreier
42 Fahrer beschäftigt die IVB Behindertenhilfe beider Basel. Nur drei davon sind festangestellt, 39 arbeiten im Stundenlohn. Bild: zvg (Bild: zvg)

42 Fahrer beschäftigt die IVB Behindertenhilfe beider Basel. Nur drei davon sind festangestellt, 39 arbeiten im Stundenlohn. Bild: zvg (Bild: zvg)

Anton S.* war mehr als ein Jahr lang arbeitslos. Als der Facharbeiter mit Hochschulabschluss im Internet das Stelleninserat der IVB Behindertenhilfe beider Basel sah, meldete er sich umgehend. Chauffeur im Behindertentransport, das kann S. Schliesslich hat er früher die Lastwagen einer Zügelfirma durch die Stadt gefahren. Eine Woche lang führte ihn ein langjähriger Fahrer eines IVB-Busses ein. Anschliessend war S. alleine unterwegs.

Vier bis sechs Fahrten machte er pro Tag. Je 45 Minuten dauerte eine Tour im Schnitt. Den Rest des Tages verbrachte S. zu Hause. Wartend, das Handy immer in der Nähe. Denn: Er musste täglich während zehn Stunden für die IVB erreichbar sein. Der Lohn: 14 Franken pro Stunde. «Bezahlt wird aber nur die Zeit, in der ein Kunde im Auto sitzt», so der über 50-Jährige. Die vielen Stunden auf Abruf sowie die Hin- und Rückfahrt zum Fahrtermin leistete er gratis.

«Demotivierend und erniedrigend»

S. schrieb seine Arbeitszeit auf: In einem Monat waren es rund 120 Stunden. Mit der Lohnabrechnung kam das böse Erwachen: 500 Franken verdiente er.

«Das macht einen Stundenlohn unter fünf Franken.»

S. bricht den Job nach zwei Monaten ab: «Es kann nicht sein, dass Menschen, die auf diese Arbeit angewiesen sind, von der IVB als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden.» Gerade da es sich um eine verantwortungsvolle Arbeit mit Beeinträchtigten handle, sollten die IVB-Fahrer «einen anständigen Lohn» erhalten, sagt S.: «Obwohl ich den Job an sich gerne gemacht habe, waren die Bedingungen demotivierend und erniedrigend.»

S. war einer von 42 Fahrern, die für die IVB unterwegs sind. 39 davon arbeiten im Stundenlohn, so Geschäftsführer Markus Schneiter. Der Betrieb beginnt für alle um 6 Uhr und endet um 19 Uhr. Die IVB sucht laut Schneiter permanent neue Chauffeure, die Fluktuation ist hoch. Der Geschäftsführer sagt: «Die Hälfte der Fahrer erhält eine IV-Rente. Daneben beschäftigen wir Pensionierte, Arbeitslose, Sozialhilfebezüger, Lebenskünstler oder Zwischenverdiener.»

Den Job auf eigene Faust gesucht

Anton S. gehörte zu Letzteren. Er wurde nicht etwa vom RAV vermittelt, sondern suchte den Job auf eigene Faust. Ein schriftlicher Vertrag zwischen ihm und der IVB existierte nicht. Die Konditionen seien mündlich besprochen worden, sagt S. Die IVB stellt die Fahrer nach geltendem Obligationenrecht an. Alle Mitarbeitenden müssen laut Schneiter ein Informationsblatt unterschreiben: «Die Fahrer wissen, worauf sie sich einlassen.» Tatsächlich schreibt der Arbeitgeber sogar im Stelleninserat auf der eigenen Website vom «sehr bescheidenen Stundenlohn», der «als einziges Einkommen nicht zum Leben reicht».

Den Stundenlohn von 14 Franken legte die IVB vor 25 Jahren fest. Schneiter erklärt: «Bei uns herrscht das Gleichheitsprinzip. Wir haben diesen Betrag gewählt, damit die IV-Bezüger durch den Lohn nicht in ein Dilemma kommen.» Fällt der Zusatzverdienst etwa zu hoch aus, könnte ihnen die Rente um die Hälfte gekürzt werden. IV-Rentner dürfen bei der IVB denn auch selbst entscheiden, wie viel sie behinderungsbedingt arbeiten können. Das gilt aber nicht für Zwischenverdiener: Anton S. berichtet, er habe nicht ablehnen können, wenn er einen Fahrauftrag erhielt. Schneiter bestätigt: «Wenn wir sie fragen, ob sie einen Transport übernehmen können, akzeptieren wir nicht einfach so ein Nein.»

IVB braucht eine Million Franken für Betrieb

SP-Grossrätin und VPOD-Gewerkschafterin Toya Krummenacher kritisiert die Arbeitsbedingungen bei der IVB: «Es ist mehr als stossend, dass die Mitarbeitenden rund um die Uhr verfügbar sein müssen, ihnen jedoch nur ein Teilpensum von rund 40 Prozent garantiert ist.» So verwehre die IVB ihnen die Chance, in der übrigen Zeit einen anderen Job auszuüben. «Ausserdem sind 14 Franken kein fairer Stundenlohn, sofern es sich nicht um ein ehrenamtliches Engagement handelt. Davon kann man schlicht nicht leben.» Krummenacher verweist auf die Forderung nach einem kantonalen Mindestlohn von 23 Franken pro Stunde.

Der Verein kantonaler Basler Mindestlohn reichte dazu im Februar seine Initiative ein.
«Wir würden gerne mehr zahlen», sagt Schneiter. Doch der Behindertentransport sei stark defizitär. In den vergangenen Jahren sei der Bereich stark gewachsen – und mit ihm das Defizit. «Wir müssen jährlich eine Million Franken sammeln, um den Betrieb aufrechterhalten zu können.»

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