Herzstück
Mach mich nicht saharastaubig

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft beider Basel.

Martin Dürr
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Saharastaub tauchte die Schweiz am Wochenende in oranges Licht.

Saharastaub tauchte die Schweiz am Wochenende in oranges Licht.

Gerold Guggenbühl

Saharastaub war am Wochenende in aller Munde. Und in Nasen. Und in Augen. Wenn man manchen Berichten glauben darf. Der rote Staub begegnete mir erstmals als Kind. Das Auto war nach einem heftigen Regen nicht gewaschen, sondern richtig dreckig. Schlecht fürs Auto, gut fürs Taschengeld.

Ich durfte den Ford Taunus auf gar keinen Fall schrubben, erst musste alles ausführlich mit dem Schlauch abgespritzt werden. Was viel lustiger und bequemer ist, als mit Eimer und Schwamm ums Auto herumzugehen.

Dass aus einer Wüste, die für ein Kind unendlich weit entfernt ist, sackgeldfördernder Dreck in die Schweiz transponiert wird, war für mich das achte Weltwunder. Da war sicher Aladdins Wunderlampe mit im Spiel. Später lernte ich dann, dass der Wüstenstaub viele Mineralien enthält, die für die iberische Halbinsel und sogar den Amazonas in Südamerika wichtig sind, weil sie den Boden fruchtbar machen.

Eindrücklicher als jeder Instagram-Filter

Dass der Staub auch die Alpen überquert, geschieht nicht ganz so häufig, aber aussergewöhnlich ist es nicht. Eher selten ist es, dass so viel Staubkörnchen unterwegs sind, und wir dieses spezielle Licht sehen. Das ist eindrücklicher als jeder Instagram-Filter. Nun, wenn der Staub vom Wind so hochgeschleudert und über Tausende Kilometer transportiert wird, was fliegt dann sonst noch herum?

Ich habe vor langem gelesen, keine Ahnung mehr wo (wer als Erste*r die Quelle findet, erhält eine Postkarte von meiner nächsten Wüstenreise): Der erste römische Kaiser Gaius Julius Caesar wurde an den «Iden des März» 44 vor Christi Geburt ermordet.

Weil der Leichnam Caesars öffentlich verbrannt worden ist, wurde seine Asche in alle Winde verweht. Nach über 2000 Jahren sei es wahrscheinlich, dass kleinste Partikel von Caesar, vielleicht Atome und Moleküle, sich gleichmässig um die ganze Erde verteilt haben. Es ist wahrscheinlicher, dass ich schon mal ein Mikroteilchen von Caesar eingeatmet oder gegessen habe, als dass ich völlig caesarfrei lebe.

Spuren von Abraham und Buddha in der Luft

Diese Aussage hat mich fasziniert. Dann trage ich also wahrscheinlich kleinste Elemente von vergangenen Helden und Richterinnen, von Sklaven und Ärztinnen in mir. Natürlich auch von Verbrechern und ganz gewöhnlichen Menschen, jungen und alten. Es kann sein, dass ich an einem ganz gewöhnlichen Tag Luft einatme, in der Spuren von Abraham und Buddha, von Heiligen und sogar Jesus zu finden sind.

Jeder und jede ist eine lebendige Reliquie. Wir alle sind wertvoll. Wir sind alle miteinander verbunden, über Wege, die wir uns nicht vorstellen können. Wem das zu weit hergeholter Staub ist: Wir kommen noch von viel weiter her. Ohne Meteoriteneinschläge, ohne den Teilchenstrom der Sonne gäbe es gar kein Leben auf der Erde. 100 Tonnen ausserirdisches Material erreichen täglich den Erdboden. Wir Menschen sind nicht nur Sandkörner im Wind der Zeit, wir sind Sternenstaub. Selbst im Homeoffice. Wir sind miteinander verbunden, auch wenn wir das physische Miteinander schmerzlich vermissen. So, und jetzt verdiene ich mir ein Taschengeld und gehe das Auto waschen.