Klassik
«Ich erzähle vom tragischen Schicksal der Chinesen»

Die Basel Sinfonietta widmet ihr Culturescapes-Konzert von morgen dem 74-jährigen chinesischen Komponisten Wang Xilin.

Christian Fluri
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Wang Xilin, schreiben Sie als chinesischer Komponist europäische oder chinesische Musik, oder spielen solche Kategorien keine Rolle?

Wang Xilin: Solche Kategorien bedeuten mir wenig. Wichtig ist mir, dass ich eine individuelle Musiksprache schreibe, eine Musik, die vom Schicksal der Menschen erzählt.

Ihre vierte Sinfonie von 1999/2000, die morgen in Basel erklingt, beginnt mit einer Trauermelodie, die durch gewaltige Klanggewitter aufgerissen wird ...

Der Anfang ist eine wiederkehrende Fuge, die auf Bachs Technik baut und an die europäische Klassik anschliesst. Die Sinfonie baut ebenso auf Einflüsse der chinesischen Oper aus der Region des Gelben Flusses. Europäische und chinesische Kultur kommen in meiner Musik in ihrer Unterschiedlichkeit zur Sprache. Zentral aber ist die Seele meiner Musik, sie ist Ausdruck meines Innersten. Meine Musik erzählt vom grossen Leiden der Menschen in China, das sie in den vergangenen 100 Jahren erfahren mussten, somit auch von meinem Schicksal. Klang erhalten in meiner Musik die beiden Seiten, die es in der Welt gibt: Die eine ist die Wahrheit, Schönheit, Menschlichkeit und Güte, die andere das Böse, die Gewalt, die Lüge.

In den Zeiten der Kulturrevolution im maoistischen China wurden Sie ins Gefängnis gesperrt und gefoltert. Das schreibt sich tief in Körper und Psyche ein. Diese Leiden höre ich auch in Ihrer Sinfonie.

Der Komponist: Wichtige Stimme Chinas

Wang Xilin entwickelte, basierend auf der europäischen Klassik und Moderne sowie auf traditioneller chinesischer Musik, eine unverwechselbare heutige Sprache. Der 74-Jährige ist eine der wichtigen künstlerischen Stimmen Chinas.

Xilin wurde während der Kulturrevolution verfolgt, isoliert, gefangen genommen und gefoltert. Er blieb bewusst immer in China. Weil er sich in einer Rede gegen den Kommunismus wandte, wurde noch 2001 die Uraufführung seiner vierten Sinfonie verboten.
Er musste nach Taiwan ausweichen. Seit 2004 wird seine Sinfonie auch in China gespielt. Sein Œuvre umfasst etwa 50 Werke, darunter 7 Sinfonien. Im Auftrag des Festivals Culturescapes komponierte er ein Klavierkonzert, das morgen in Basel uraufgeführt wird. Die chinesische Pianistin Sa Chen spielt den Solopart. Die basel sinfonietta wird von Francesc Part dirigiert. Dazu gelangt die vierte Sinfonie zur Aufführung. (flu)

www.baselsinfonietta.ch

Die Sinfonie endet mit leisen chinesischen Klängen von bezaubernder Schönheit. Setzen Sie damit ein Zeichen der Hoffnung?

Grundsätzlich gibt es keine Hoffnung in dieser Sinfonie. Heute, nach zehn Jahren, sehe ich ein wenig Hoffnung, wenn ich zum Beispiel Kindern begegne. Aber wir dürfen dieses neue Leben nie losgelöst von der Reflexion über die Geschichte betrachten. Noch immer herrscht Dunkelheit vor. Aber von einem Schimmer Hoffnung kann man hier sprechen; davon, dass die Wahrheit sich wenigstens in kleinen Stücken durchsetzt.

Ihre vierte Sinfonie wurde 2001 in China verboten. Wird Ihre Musik dort inzwischen anerkannt?

Drei Jahre nach dem Verbot wurde sie in Schanghai erstmals in China gespielt, ein Jahr später in Peking. Das Verbot hatte politische Gründe, weil ich die Wahrheit über den Kommunismus sagte, dies leider etwas zu direkt. Fünf Jahre später wurde ich freigesprochen. Ich hoffe, dass meine Musik heute Anerkennung findet.

Was bedeutet Ihnen der Auftrag für ein Klavierkonzert von Culturescapes?

Das ist grossartig, ich freue mich, mein Klavierkonzert dem Basler Publikum vorzustellen. Seit zehn Jahren beschäftige ich mich mit der Komposition eines Klavierkonzerts. Heute ist als chinesisches Konzert nur das «Yellow River Concerto» von 1979, die Bearbeitung der «Yellow River Cantata», bekannt. Ein Stück, das im Auftrag von Maos Witwe geschrieben wurde und Mao beweihräuchert. Ich will anstelle dieses Stücks endlich ein neues setzen. Denn niemand wünscht sich die grauenvolle Zeit der Kulturrevolution zurück.

Was erzählen Sie uns mit Ihrem neuen Werk?

Ich widme es meinem Klavierlehrer Lu Hong En, der in der Kulturrevolution ins Gefängnis gesteckt wurde und 1978 umkam. Er kämpfte gegen die chinesischen Modellopern des «Arbeiter-Bauern-Soldaten-Staats» an und meinte, die Massen sollen von Beethoven lernen. Von solchen Wahrheiten, die von einer verlogenen Geschichtsbetrachtung überdeckt werden, erzählt mein Klavierkonzert. Der Lehrer symbolisiert den Fortschritt, das Gefängnis symbolisiert die Rückständigkeit. Die Musik vermittelt den Kampf zwischen den zwei Prinzipien. Im ersten Satz stelle ich grausame Gewalt dem Aufruf zur Gerechtigkeit gegenüber. Der zweite Satz ist ein innerer Monolog des Gequälten im Gefängnis. Der dritte Satz spricht vom Fluss des Lebens. Die Coda ist eine Reflexion über diese grauenvolle Vergangenheit. Die Wahrheit kommt ans Licht.