Gesamtarbeitsvertrag
Immer mehr Druck für Plattenleger – gleichzeitig soll Lohn gekürzt werden

Der Branchenverband hat den Basler Plattenlegern den Gesamtarbeitsvertrag gekündigt. Dadurch entfällt die Garantie auf einen Mindestlohn sowie die Möglichkeit zur Frühpensionierung. Jetzt gehen die Arbeitnehmer auf die Strasse.

Leif Simonsen
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Plattenleger kämpfen für den Lohn – und die Frühpensionierung mit 62 Jahren.

Plattenleger kämpfen für den Lohn – und die Frühpensionierung mit 62 Jahren.

Manuela Jans/bz-Archiv

Der Job des Fliesen- oder Plattenlegers gehört zu den härtesten in der Baubranche. Das Rumrutschen auf den Böden führt zu körperlicher Abnutzung, Rücken- und Kniebeschwerden sind die Folge. Seit 2014 sind die Plattenleger beider Basel dem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für das Basler Ausbaugewerbe angehängt. Auf Ende März 2021 wollen die Arbeitgeber der Plattenleger gemäss Informationen der bz diesen Vertrag kündigen. Im Raum Basel sind rund 230 Arbeitnehmer betroffen.

Frühpensionierung muss durch GAV geschützt werden

Die Plattenleger-Firmen haben es auf die Mindestlöhne abgesehen. Derzeit reichen die Mindestlöhne der Plattenleger von rund 4'500 Franken monatlich (Hilfsarbeiter) bis 5'700 Franken im 4. Jahr nach der Lehre. Zudem sieht der jetzige GAV vor, dass sich die Plattenleger mit 62 Jahren frühpensionieren lassen können. Wenn die Plattenleger aus dem Gesamtarbeitsvertrag herausgelöst werden, haben sie keine garantierten Mindestlöhne mehr – und auch die Möglichkeit der Frühpensionierung könnte entfallen.

Die Gewerkschaft Unia wehrt sich gegen die drohende Vertragsauflösung. Für sie ist klar, dass die Belastungen in diesem Beruf einen vorzeitigen Ausstieg ermöglichen müssen. Unia-Sprecher Felix Ulrich sagt: «Die Belastungen nehmen zu, nicht zuletzt durch den Trend hin zu immer grösseren und damit schwereren Platten.» Allgemein nehme der Termindruck zu, die Arbeitssicherheit sinke. «Die Frühpensionierung mit 61 respektive 62 Jahren ist daher eine Errungenschaft, die es diskussionslos durch Gesamtarbeitsverträge zu schützen gilt.»

Konkurrenz aus anderen Kantonen macht Sorge

Die Arbeitgeber rechtfertigen die Vertragsauflösung mit der Wirtschaftslage in Zeiten von Corona. Tatsächlich sind die Mindestlöhne der Plattenleger der beiden Basel höher als in der Restschweiz, wo sie dem Landes-GAV angehören. Die Lohn-Differenz beträgt derzeit rund zehn Prozent.

René Saner vom regionalen Plattenleger-Verband sagt: «Die Konkurrenz aus Solothurn und Aargau – und sogar aus dem Kanton Bern – drängt schon lange in unsere Halbkantone.» Dies habe mit den tieferen Löhnen zu tun. Sein Verband habe eine Anpassung des Lohnniveaus auf dasjenige der übrigen Schweiz gefordert, um die Wettbewerbsnachteile zu eliminieren. «Die Gespräche führten leider zu keiner Einigung», so Saner.

Die Möglichkeit der Frühpensionierung soll allerdings über den Frühling hinaus bestehen bleiben. «Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht», betont er. Ulrich beruhigt dies indes nicht. Wenn der GAV gekündigt würde, könne auch der Kollektivvertrag für die vorzeitige Pensionierung einseitig aufgelöst werden. «Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch die Frühpensionierung im Plattenverband unter Druck gerät», sagt er.

Demonstration gegen Auflösung des Vertrags

Am vergangenen Donnerstag trafen sich die Arbeitnehmer zur Besprechung der Lage. Die Gewerkschaft Unia liess der bz ein Video-Interview mit einem Plattenleger zukommen, der die fast unmenschlichen Anforderungen an ihn beschrieb. «Wir müssen immer mehr Leistung in kürzerer Zeit vollbringen – und das zu immer höheren Qualitätsanforderungen.» Dass in diesen Zeiten eine Lohnkürzung erfolge, könne er nicht nachvollziehen. Seinem Unmut wird er am kommenden Donnerstag Luft verschaffen. Die Plattenleger werden bei der Elisabethenkirche gegen die Kündigung des GAV demonstrieren.