Ausstellung

In der Basler Villa Renata wird das Gewöhnliche zur Sensation

Der Zürcher Konzeptkünstlers Christoph Hänsli inszeniert Alltagsobjekte und lässt sie uns so neu entdecken.

Christoph Dieffenbacher
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«Kongress» der Staubsauger von Christoph Hänsli.

«Kongress» der Staubsauger von Christoph Hänsli.

zvg

«Schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch»: Die Surrealisten mochten diesen Satz des französischen Autors Lautréamont so sehr, dass sie ihn als ­Definition ihrer Kunst verwendeten. Alltägliche Gegenstände können eine magische, gar künstlerische Wirkung entfalten, wenn sie einzeln in andere Zusammenhänge versetzt werden – so liesse sich diese ­Botschaft der Surrealisten umschreiben.

Beim Zürcher Konzeptkünstler und Maler Christoph Hänsli, geboren 1963, ist das ähnlich. Er zeigt derzeit in den Räumen der Villa Renata in ­Basel Werke aus den letzten 25 Jahren: Motive aus dem Alltagsleben, die er hyperrealistisch und in geduldiger Feinarbeit in Acryl und Öl auf Leinwand gemalt hat.

Die an Gewöhnlichkeit kaum zu unterbietenden Objekte stehen teils vereinzelt da, teils reihen sie sich in Serien aneinander: Küchentücher nach Farben geordnet, verlorene Schrauben oder unterschiedlich gefüllte Biergläser mit variierten Schaumstadien («Weekend Project I»).

Unterschiede auf den ­zweiten Blick

Selten kommen sich die Dinge in die Quere, auch dann nicht, wenn fünf Staubsauger älterer Bauart bei einem «Kongress» zusammenstehen. Es handelt sich um unterschiedliche Modelle desselben Herstellers, und nur wer sich die Mühe dafür nimmt, stellt die feinen Abweichungen zwischen den Haushaltsgeräten fest. Bei Hänsli ­sehen die Gegenstände nur scheinbar gleich aus – die minimen Unterschiede lassen sich erst auf den zweiten Blick erkennen.

Bekannt geworden war der Künstler vor einigen Jahren, als er eine Mortadella in 166 Scheiben zerlegte und jede davon akribisch abmalte, und zwar beidseitig. So gleicht keine der insgesamt 332 Wurstscheiben der andern. Um seine persönlichen Ausschnitte von Wirklichkeit wiederzugeben, setzt Hänsli auch Video und digitale Fotografie ein. So zeigen gerahmte Fotos zwei mit Notizen gefüllte Seiten, die vermutlich aus dem Rapportheft eines schweizerischen Alters- und Pflegeheims stammen («Fr. Baumann keine gedämpfte Tomaten»).

Eine Notstromanlage im Gotthardbunker

Menschen treten in dieser Welt der Dinge nicht direkt auf, nur als Abwesende – vor lauter Gegenständen sind Lebewesen fehl am Platz. So auch im eigentlichen Kraftzentrum der Ausstellung, dem über sieben Meter breiten und zwei Meter hohen Grossgemälde «Der ­Generator», das die Schalttafel einer Notstromanlage in einem unterirdischen Gotthardbunker darstellt – in Originalgrösse und in verstaubt-grauem Ton gemalt.

Akribisch hat der Künstler mit Farbe und Pinsel jedes ­Detail dieser Kommandozentrale mit ihren Schaltern, Hebeln und Anzeigen festgehalten – samt dazugehörigen Beschriftungen wie «Spannungsregulierung», «Hand» oder «Kraft & Wärme».

«Ich erfinde in meinen Arbeiten nichts dazu», sagt Hänsli im Gespräch. Zuweilen spielt er auch mit dem Effekt des Trompe-l`oeuil, etwa wenn die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung einem ­gemalten Küchenschrank, einer Reihe falscher Briefkästen oder einer täuschend echten Kleidersammlungsbox begegnen. Aus vielen Arbeiten spricht ein feiner Humor. Die Werke Hänslis tragen jedenfalls dazu bei, das Gewöhnliche um uns herum ab und zu neu zu entdecken.

Ausstellung: Christoph Hänsli, «Die Konferenz der Dinge». Villa Renata, bis 13. Dezember 2020. Buchpublikation im Verlag Scheidegger & Spiess.