Kunstmuseum Basel

Josef Helfenstein im Interview: «Der Neubau birgt Widerstände»

Josef Helfenstein, Direktor des Kunstmuseums Basel, will nicht auf die Besucherzahl reduziert werden. Eine Bilanz zum Neubau des Kunstmuseums.

David Sieber und Christian Mensch
Drucken
Teilen
«Die Annahme von 300000 jährlich zahlenden Zuschauern war optimistisch», sagt Josef Helfenstein.Kenneth Nars

«Die Annahme von 300000 jährlich zahlenden Zuschauern war optimistisch», sagt Josef Helfenstein.Kenneth Nars

Kenneth Nars

Herr Helfenstein, Sie sind seit knapp sieben Monaten im Amt, der Neubau des Kunstmuseums ist seit bald einem Jahr offen. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Josef Helfenstein: Es war für mich keine totale Überraschung, ich war ja seit Januar 2016 hier und habe den Bau vor meinem Amtsantritt gekannt. Um Ihre Frage zu beantworten, ist es dennoch zu früh. Wir brauchen etwas länger, um beurteilen zu können, welche Möglichkeiten das Haus bietet. Ein Neubau ist wie eine Person, die man erst kennenlernen muss. Beim Museum of Modern Art (Moma) in New York dauerte es mehrere Jahre, bis die Kuratoren den Neubau im Griff hatten.

Man muss die Sprache finden.

Der Bau hat Widerstände; es gibt sehr wenige flexible Elemente, die Materialien sind sehr präsent und zum Teil dominant. Damit die Kunst hier nicht ins Hintertreffen gerät, muss man kuratorisch arbeiten. Aber ich habe schöne Erfahrungen gemacht, wie man auch in eher schwierigen Räumen Kunst zur Geltung bringen kann. Ebenso wichtig ist für mich, wie das Publikum den Neubau aufnimmt. Am Familientag im November waren über 3000 Leute zu Besuch. Da hat das Haus wirklich gelebt. Ich will das Kunstmuseum unbedingt öffnen. In jeder Hinsicht.

Auch den Eingang?

Das meine ich symbolisch. Das Museum gehört der Öffentlichkeit, es ist im Zentrum der Stadt und Teil davon, und das soll stärker zum Ausdruck kommen. Bei der Konzeption stand aber nicht das Wohlbefinden der Besucher im Mittelpunkt. Es gibt keine Ruhezonen, wo man sich mal hinsetzen und die Kunst vergessen kann.

Neubau Kunstmuseum Basel
24 Bilder
Blinkt metallisch: Eingangsbereich im Erdgeschoss des Neubaus.
Das Treppenhaus wirkt wie ein kubistisches Bild.
Das Foyer unter der Dufourstrasse ist vielseitig nutzbar.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Rundgang durch den Neubau des Kunstmuseums Basel.
Das neue Gebäude von aussen.

Neubau Kunstmuseum Basel

bz Basel

Haben sich Ihre eigenen Erwartungen erfüllt?

Ja, und sogar übertroffen, was das Interesse der Basler Bevölkerung an «ihrem» Kunstmuseum betrifft. Das ist zwar nicht immer lustig, weil ich viele Briefe bekomme, in denen kritisiert wird, weshalb dieses und jenes Bild so und nicht anders hängt. Aber es ist auch grossartig, dieses «Ownership»-Gefühl in dieser Stadt.

Die Besucherzahlen blieben unter den Erwartungen. Statt 300 000 kamen 2016 nur 260 000 Menschen. Weshalb?

Das hängt sicher mit mehreren Faktoren zusammen. Ich finde die Fixierung auf Zahlen aber zu einseitig. Natürlich ist es schade, wenn wir weniger Eintritte verzeichnen als geplant. Schlimmer wäre es aber, wenn wir deswegen Defizite erwirtschaften würden. Das ist nicht der Fall. Denn wir konnten die Ausgaben kontrollieren, sodass die Rechnung aufgeht.

Wie konnten Sie die Ausgaben senken?

Mit verschiedenen Massnahmen. Ein Budget basiert ja nicht nur auf vermuteten Besucherzahlen, da muss immer eine Vorsichtsmarge eingebaut werden. Die Planung ist aber zum Teil schwierig, weil man zum Beispiel das Budget für die Prado-Ausstellung, die am 8. April startet, nicht plötzlich zurückfahren kann. Und bei der Budgetierung im vergangenen Jahr wussten wir gar nicht, ob diese Ausstellung überhaupt zustande kommen wird.

Sie werden aber an Zahlen gemessen.

Das ist so. Aber eigentlich ist es zu einseitig. Unser Leistungsauftrag besteht nicht darin, die höchsten Zuschauerzahlen zu generieren, sondern die 320 000 Werke umfassende, sehr komplexe Sammlung zu pflegen und in unterschiedlichen Kontexten zu zeigen. Wir können nicht einfach bloss auf Blockbuster setzen.

Geht die Rechnung auch mit weniger Zuschauern auf?

Sie muss, und es geht. Wir sind intensiv daran, herausfinden, mit welchen Ressourcen wir den Neubau unterhalten und bespielen können. Da gibt es noch immer viele Unbekannte. Wir wissen zum Beispiel nicht, was die Klimatisierung genau kostet. Unsere Vorgänger haben budgetiert und auch sie konnten die Zukunft nicht voraussagen. Was wir jetzt wissen: Die Annahme von 300 000 zahlenden Zuschauern war optimistisch.

So, wie die internationalen Medien den Neubau gepriesen haben, hätte man denken können, es sei möglich.

Es wird Jahre geben, in denen wir diese Zahl erreichen. Aber überlegen Sie: Basel hat 200 000 Einwohner und 260 000 Menschen besuchten das Kunstmuseum. In New York leben 8,4 Millionen Menschen und das Moma verzeichnet 4 Millionen Eintritte. Proportional zu Basel müssten es mehr als zehn Millionen Besucher sein. Tatsache ist auch, dass wir unterdotiert sind. Wir haben mehr als ein Drittel mehr Volumen, aber nicht entsprechend mehr Mittel. Ich will aber nicht klagen, denn in Basel ist die Politik doch sehr kulturaffin.

Man hat Sie auch nach Basel geholt, weil Sie als Sponsoring-Spezialist gelten. Wie hat sich das angelassen?

Ziemlich gut. Für dieses Jahr verfügen wir über sehr generöse Beiträge von Privaten und Sponsoren. Das ist umso bemerkenswerter, weil man solche Spenden anders als in den USA nicht von den Steuern abziehen kann.

Von welchen Summen reden wir?

Lassen Sie mich so sagen, wir benötigen einen siebenstelligen Betrag. Denn die öffentliche Hand finanziert nur den Betrieb, nicht die Ausstellungen und Veranstaltungen. Unsere Einnahmen setzen sich aus dem Ticketverkauf, privaten Spenden und Sponsoring zusammen. Wir haben generell eine sehr gute Situation, aber Basel ist nicht London oder Paris. Natürlich müssen wir noch zulegen, denn das Kunstmuseum wird aktiver werden.

Wie findet man die Balance zwischen dem Auftrag, die riesige Sammlung zu pflegen und zu zeigen, und dem kommerziellen Aspekt Ihrer Arbeit?

Das ist eine Hauptfrage, die meine Arbeit prägt. Die Sammlung ist unser Kapital, unser Existenzgrund, aber auch meine Inspiration. Mit einer einzigen Ausnahme 2018 ist jede der von mir bisher geplanten Ausstellungen sammlungsbezogen. Die Prado-Ausstellung ist eigentlich ein Dialog zwischen zwei Sammlungen.

In Basel gibt es die Kunstsammlungen Dreyfus und Grether, die bald eine neue Heimat brauchen. Was verfolgen Sie da für eine Philosophie?

Solche Sammlungen haben vor 350 Jahren zur Gründung des Museums geführt und bestimmen unseren Daseinszweck bis heute. Wir haben auch in den letzten Jahren wunderbare Geschenke erhalten, Werke von Boetti, Agnes Martin und Twombly. Die Mentalität von Sammlern hat sich geändert, die Kunst wird zunehmend zum materiellen Fetisch. Doch in Basel lebt die Philosophie mäzenatischer Grosszügigkeit noch. Das war mit ein Grund für mich, hierher zu kommen.