Katzenjammer und Krokodilsträne

Tobit Schäfer
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«Helvetia auf Reisen», 1980 von der Bildhauerin Bettina Eichin in Bronze gegossen.

«Helvetia auf Reisen», 1980 von der Bildhauerin Bettina Eichin in Bronze gegossen.

Roland Schmid

Seit genau vierzig Jahren sitzt sie auf der Brüstung beim Kleinbasler Brückenkopf der Mittleren Brücke. Sie ruht sich aus und blickt nachdenklich rheinabwärts: «Helvetia auf Reisen», 1980 von der Bildhauerin Bettina Eichin in Bronze gegossen. Mantel, Schild und Speer hat sie abgelegt, sich befreit von ihren Pflichten als Symbolfigur. Helvetia, die nationale Allegorie. Die personifizierte Schweiz, die seit dem 17. Jahrhundert die Nation und den Staat repräsentiert, die mit ihren Insignien Tugenden wie Eintracht, Freiheitsliebe oder Wachsamkeit in Erinnerung rufen soll.

Weil sie semantisch beinahe leer sei, lasse Helvetia sich polyvalent vereinnahmen, schreibt der Historiker Georg Kreis. Es gebe keine Biografie der Gestalt, sondern einzig eine Geschichte ihrer vielfältigen Verwendung. «Oft wurde sie – und wird noch immer – von dissidenten Kräften für die Kritik am Status quo umgedeutet.» Kritik am Status quo übt auch die Kampagne «Helvetia ruft», die vor zwei Jahren lanciert wurde, um «in den Schweizer Parlamenten und Regierungen eine ausgewogene Geschlechterverteilung zu erreichen». Ende 2019 besetzten Frauen lediglich 29,2 Prozent aller kantonalen Parlamentssitze.

In Basel-Stadt wurden bei den Wahlen vor vier Jahren 31 Prozent Frauen in den Grossen Rat gewählt. Der Stadtkanton liegt im gesamtschweizerischen Vergleich an zwölfter Stelle (und deutlich hinter dem benachbarten Landkanton, der mit 40 Prozent Frauen im Landrat an zweiter Stelle liegt). Damit sich das bei den kantonalen Wahlen im Herbst ändert, war «Helvetia ruft» in der vergangenen Woche in Basel zu Gast: Über 150 Frauen und vereinzelte Männer nahmen an ihrem Online-Event teil, darunter viele SP-Politikerinnen und -Politiker.

Ihrem Engagement ist Anerkennung zu zollen. Denn wo stünden wir heute ohne die Frauenbewegung? Sie hat einen emanzipatorischen Fortschritt nicht nur für die Frauen, sondern für die ganze Gesellschaft erstritten. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch einige Heuchler beim Online-Event dabei waren. Schliesslich haben die Delegierten der SP Basel-Stadt gerade einmal 14 Tage zuvor zwei unbestritten qualifizierten Frauen die kalte Schulter gezeigt und entgegen der Forderung von «Helvetia ruft» zwei Männer für den Regierungsrat nominiert, obwohl dort der Frauenanteil mit 28,5 Prozent noch geringer ist als im Grossen Rat.

Während nach diesen Nominierungen bei einigen SP-Mitgliedern Katzenjammer herrschte, vergossen andere höchstens ein paar Krokodilstränen und versuchten sich unter anderem damit herauszureden, dass die SP dafür die Kandidatin der Grünen als Regierungspräsidentin nominiert habe. Neu muss diese der SP also nicht mehr nur als Mehrheitsbeschafferin im Regierungsrat dienen, sondern auch dazu, das widersprüchliche Handeln in der Frauenfrage zu rechtfertigen. Was tut man oder frau nicht alles für ein wenig Macht?

Tobit Schäfer arbeitet als Politikberater. Während 13 Jahren politisierte er für die SP im Grossen Rat.