Kunstmuseum Gegenwart

Kein Anfang und kein Ende – Zwischen verlorenen Seelen mit Sophie Jung

Im Raum von Sophie Jung muss man sich vom roten Faden verabschieden. Es gibt keinen Erzählstrang, keinen Anfang und kein Ende, keine Lösung und kein Ziel. Die Gegenwart verstört sogar den Museumswärter. Hervorragend!

Naomi Gregoris
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Was da alles rumsteht!: «The Bigger Sleep» der Basler Manor Kunstpreisträgerin Sophie Jung.

Was da alles rumsteht!: «The Bigger Sleep» der Basler Manor Kunstpreisträgerin Sophie Jung.

Julian Salinas

«Also wenn ich ehrlich bin ...» Der Museumswärter schaut auf das Arrangement vor ihm – skurrile Objekte aus ..., man sieht es ihm an, er möchte es so sagen, tut es aber nicht: Schrott. Eine hohe Stange, an der aufblasbare Kleiderbügel hängen, der Kopfteil einer Massage-Liege, auf der zwei Keramikkatzen sitzen, eine mit Malerband zusammengebundene alte Matratze, ein Mantel, aus dessen Kragen schwarze Plüschmonster quillen.

Und um die 20 Objekte mehr, alle systematisch auf dem spiegelnden Boden ausgelegt. Zumindest hofft man auf Systematik, schliesslich soll das hier ein Narrativ bilden. Oder? Der Wärter legt den Kopf schief. «Ich fühle mich etwas verloren.»

Keine einfache Spiegelung

Die Reaktion ist nachvollziehbar. In diesem Raum muss man sich vom roten Faden verabschieden. Es gibt keinen Erzählstrang, keinen Anfang und kein Ende, keine Lösung und kein Ziel.

Sophie Jungs «The Bigger Sleep» ist ein Rhizom, ein flirrendes Bedeutungsgeflecht, so zauberhaft gesetzlos, dass man sich seiner Ordnungszwänge entledigen muss, um nicht wahnsinnig zu werden – und das ist nicht ganz einfach: Was, verdammt, sollen diese unheimlichen Porzellan-Kinderschuhe? Die Werbeanzeigen für die immerselbe Luxusuhr auf der Rückseite einer aufgestellten Motorhaube? Das geflochtene, gelbe «Crime Scene»-Absperrband, das wie Rapunzels Zopf an der Wand runterhängt?

Resignieren ist die andere Variante. Wie der Museumswärter. Er hoffe auf die Performance, die zur Ausstellung gehört, sagt er, er wünsche sich jemanden, der das alles zusammenhält.

Da hat er die Rechnung ohne Sophie Jung gemacht: «Die Ausstellung wird durch die Performance nicht ergänzt oder gar komplettiert», sagt die Manor Kunstpreisträgerin. «Sondern einfach nur zeitweise umgeformt.»

In der Performance sieht man Jung mit ihrem Partner Peter Burleigh, der den Butler mimt und um die auf einer rosa Chaiselongue fläzende Madame Sophie wuselt. Jung trägt einen Nacktdress und redet zum Publikum, über männliche Strukturen, weibliche Ermächtigung, Perseus und Medusa.

Wer «The Big Sleep» von Raymond Chandler gelesen hat, versucht, hier anzusetzen: Sehen wir eine fleischgewordene Carmen Sternwood, die die Männerwelt um den Finger wickelt? Das Bildnis einer gefährlich verführerischen Frau, gezeichnet von einem Mann, angeeignet von einer Künstlerin? Ja, vielleicht. Auch. Aber das hier ist bigger, es geht nicht um Geschichte, auch nicht um einfache Spiegelung, wie es uns der Boden so unschuldig weismachen will, sondern um Stimmungen, Themen, Schichten.

Beziehung, nicht Erzählung

Im Hintergrund hört man ein Pfeifen, auch wenn keine Performance stattfindet: Die Melodie von «John Brown’s Body», ein US-amerikanisches Marschlied, das während des Bürgerkrieges in den Unionstruppen gesungen wurde. Später ging es als das von der Abolitionistin Julia Ward Howe mit neuem Text versehene «The Battle Hymn of the Republic» in die Geschichte ein. Hierzulande kennt man das «Glory, Glory, Hallelujah» in erster Linie als Kinderlied. Wie eine unheimliche Erinnerung geistert es durch den Raum, zwischen den Objekten herum, die Jung «lost souls» nennt.

So steht man also zwischen den verlorenen Seelen – und verliert sich darin, ein performativer Akt, der aus einem selbst kommt, aus der Kontaktaufnahme mit «Schrott». In diesem Moment liegt der wahre Zauber dieser eindrücklichen Arbeit: Sinn durch Beziehung, nicht Erzählung. Kein roter Faden, den die Künstlerin für uns spinnt, kein vorgefertigtes Narrativ. In diesem Geflecht wird einem nichts serviert, nein: Man befindet sich selbst auf dem Silbertablett. Es spiegelt grell. Go with it.

«A Bigger Sleep» – Manor Kunstpreis, Sophie Jung. Kunstmuseum Basel | Gegenwart, bis 3. Februar 2019. Performances: 26. Januar, 16.30–17.30 und 31. Januar, 18.30–19.30.