Museen

Kulturpolitik-Experte Rolf Keller hält wenig von Baschi Dürrs Museums-Ideen

Baschi Dürr würde als Regierungspräsident die Privatisierung der Basler Museen prüfen. Kulturpolitik-Experte Rolf Keller beurteilt den Vorschlag kritisch.

Mark Walther
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Rolf Keller, Ex-Leiter des Studienzentrums Kulturmanagement der Uni Basel.

Rolf Keller, Ex-Leiter des Studienzentrums Kulturmanagement der Uni Basel.

EMANUEL PER FREUDIGER

Herr Keller, was heisst es für ein Museum, wenn es privatisiert wird?

Rolf Keller: Die Trägerschaft liegt nicht mehr beim Staat oder dem Kanton, sondern bei einem privaten Mäzen, einer Stiftung oder einem Verein. Dadurch kann das Museum selbstständiger werden.

Was hat der Kanton davon, wenn
seine Museen selbstständiger werden?

Das bringt wohl in erster Linie eine finanzielle Entlastung.

Laut Baschi Dürr geht es nicht darum, Geld zu sparen.

Dann weiss ich nicht, was der Vorteil seines Vorschlags sein soll. Wenn er die Museen selbstständiger machen will, impliziert er damit, dass sie es heute noch nicht sind. Fakt ist aber: Der Kanton macht in den Leistungsaufträgen meines Wissens keine Vorgaben dazu, wie die Museen ihre Programme zu gestalten haben.

Dürr fragt: «Soll der Staat grundsätzlich vor allem Institutionen oder vermehrt Programme unterstützen?»

Wenn Herr Dürr das vorschlägt, sehe ich den Vorteil der zweiten Option nicht. Heute finanziert der Kanton den Betrieb eines Museums, etwa die Löhne und die Liegenschaften. Das ist für private Geldgeber wie zum Beispiel Banken nicht attraktiv. Sie wollen einzelne Programme finanzieren, mit denen sie dann auch Eigenwerbung machen können. Wenn sie eine Tutanchamun-Ausstellung sponsern, können sie sich damit öffentlich viel besser profilieren, als wenn sie dem Museum etwas an die Miete zahlen.

Was geschieht, wenn der Staat den Betrieb nicht mehr bezahlt?

Dann müssten Private einspringen. Auf die einzelnen Programme kann man die Betriebskosten kaum abwälzen, dafür sind sie zu hoch. Ich sehe nicht, was damit gewonnen würde. Ohnehin muss man den grösseren Zusammenhang sehen.

Der wäre?

Das ganze Renommee von Basel basiert grösstenteils auf dem reichen Kulturleben der Stadt. Davon ist die Museumslandschaft ein wesentlicher Teil. Das Kunstmuseum ist sogar eines der weltweit wichtigsten Kunsthäuser. Was da verloren gehen könnte, muss man deshalb ebenfalls in Betracht ziehen. Auch volkswirtschaftlich. Die Leute der Life Sciences wählen Basel als Arbeitsstandort auch wegen des tollen Kulturangebots.

Welche Gefahr besteht konkret?

Dass das hohe Niveau der Basler Kultur sinkt, wenn man den Museen die Finanzierungssicherheit wegnimmt. Die Zusammenarbeit zwischen dem Kanton und privaten Geldgebern funktioniert heute sehr gut. Wenn der Staat sich zurückziehen würde, vergraulte er damit womöglich die Privaten. Diese könnten sagen: Dann ziehen wir uns halt auch zurück. So könnte vieles in sich zusammenfallen.

Wie lösen andere Kantone die Museumsfrage?

In der Schweiz sind die meisten Museen mischfinanziert. Auch die privat getragenen, wie etwa die Fondation Beyeler, erhalten vom Kanton finanzielle Unterstützung. Basel unterscheidet sich, soweit ich sehe, nicht von anderen Kantonen.

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

In Deutschland läuft es anders. Dort sind mehr Museen rein staatlich. Diese werden, plakativ gesagt, von Staatsbeamten geführt. Denen kann es auch eher egal sein, wenn niemand ins Museum kommt. Geschützte Beamte, die ihren Auftrag schlecht erfüllen, gibt es bei uns nicht.

Noch einmal ein anderes System existiert in den USA.

Genau, dort läuft es völlig anders. Traditionsgemäss betreiben reiche Mäzene Kulturförderung, das staatliche Engagement ist viel geringer. Ein solches System würde in der Schweiz nicht funktionieren.

Wieso?

In Europa herrscht ein anderes Verständnis des Verhältnisses von Staat und Kultur vor. Staaten fördern sie, weil sich in der Kultur die gemeinsamen Werte manifestieren, aber auch, weil die Kunst gesellschaftliche Zukunftsentwürfe produziert. Darum hat die Schweiz als Willensnation, die stark von ihrer Viersprachigkeit geprägt ist, ein natürliches Interesse daran, gemeinsame Werte zu pflegen und damit die Zusammengehörigkeit zu stärken.