Literatur

Lenos Verlag: Seit 50 Jahren Bücher von Weltformat aus Basler Hand

Der Lenos Verlag wird fünfzig. Ein Gang mit Mitinhaber und -begründer Tom Forrer durch die beeindruckende Verlagsgeschichte.

Anna Wegelin
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Tom Forrer 2 (1)

Tom Forrer 2 (1)

bz Basel

Es gibt in Basel einen aussergewöhnlichen, unabhängigen Verlag von Weltformat, und wer die Literatur in seinem Programm kennt, wähnt sich glücklich. Seit einem halben Jahrhundert sorgt der Lenos Verlag mit seinen Macherinnen und Machern unbeirrt und durch alle Höhen und Tiefen für eine freie Sicht auf die Welt von La Chaux-de-Fonds über Ägypten bis nach Ostkanada.

Wir besuchen den Lenos-Mitbegründer und -Mitinhaber Tom Forrer am Verlagssitz, ein Haus in einem schönen Hinterhof im Spalenquartier. «Als Verleger musst du das ‹scouting› beherrschen, die Nase im Wind haben», sagt er. «Es ist für uns eine grosse und spannende Herausforderung, mit möglichst wenig Geld eine grosse Wirkung zu erzielen.»

Tausend Bücher in 50 Jahren

Wir steigen die steile Treppe zum Sitzungszimmer hinauf, in dem das Lenos-Team das Verlagsprogramm gemeinsam beschliesst. Alle Fünf sind «bis in die Zehenspitzen Feuer und Flamme für das Verlagsgeschäft», so Forrer: «Wir besprechen das Programm im Kollektiv und entscheiden im Konsens. Ein Buch, das im Alleingang durchgezogen würde, wäre ein Flopp.»

Er zeigt auf eine Wand voller Bücher mit bunten Rücken – Sachbücher und Belletristik, die Lenos bis heute im Haus lektoriert, gestaltet und für den Druck vorbereitet. Rund 1000 sind es an der Zahl, ein kompakter Leistungsnachweis für 50 Jahre Verlagsgeschichte.

Sie beginnt 1970 mit vier Verlagsprofis, die alle ihr Metier bei Birkhäuser erlernt hatten und zusammen Bücher verlegen wollten, «aus politischem und literarischem Engagement», sagt Forrer. Da gab es nun also neben Diogenes und Benziger mit Lenos einen neuen unabhängigen Schweizer Verlag. Der Philosoph Hans Saner (1934–2017) war einer der allerersten Autoren bei Lenos und ist bis heute ein «Evergreen» im Programm, so Forrer.

Das Flaggschiff ist arabische Literatur

In den 1980er-Jahren startete die Lenos-Reihe zur arabischen Literatur, eine Pioniertat, die den internationalen Ruf des Verlags bis heute verdientermassen prägt. «Wir waren sehr engagiert für den Frieden im Nahen Osten», erzählt Forrer.

Die bekannte palästinensische Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser oder der ägyptische Bestsellerautor Alaa al-Aswani, der mittlerweile in New York lebt und auf Englisch schreibt, gehörten zu den Leuchtsternen in der von Hartmut Fähndrich herausgegebenen Reihe «Arabische Literatur» im Lenos Verlag. Heute erscheinen die Übersetzungen aus dem Arabischen in der neuen Reihe «Lenos Babel» mit zeitgenössischer Literatur aus anderen Ländern und Kulturen.

Immer wieder hat der Verlag, der auch einen Schwerpunkt mit Autorinnen und Autoren aus der französischsprachigen Schweiz im Programm führt, mit Veröffentlichungen im Sachbuchbereich gesellschaftspolitische Akzente gesetzt, wann immer ein Thema akut war oder in der Luft lag: Drogen, Flüchtlinge, Spielpädagogik, Schweizerhalle-Katastrophe, sexuelle Ausbeutung von Kindern in der Familie.

Mit dabei sind auch die Bücher der Biologin und Chemikerin Florianne Koechlin, von der im nächsten Frühjahr ein weiterer Band erscheinen wird mit dem poetischen Titel «Von Böden, die klingen, und Pflanzen, die tanzen».

Ebenfalls in den Achtzigern startete der Verlag mit Editionen zur Journalistin, Schriftstellerin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach (1908–1942). Ihre Bücher, die Lenos regelmässig neu auflegt, sind gemäss Tom Forrer ein «Dauerbrenner» und die Frucht einer nachhaltigen Verlagsstrategie. «Wir pflegen unsere Backlist intensiv», sagt er. «Sie ist unser Kapital.»

Lieblingsprojekte trotz Widerstand

Wir verlassen kurzerhand die chronologische Verlagsrückschau, um stattdessen in der verbleibenden Zeit über ein paar Glanzlichter im bisherigen Programm zu reden. Zum Beispiel die «Transsibirische Eisenbahn», ein Prosagedicht von Blaise Cendrars (1887–1961), das der Schweizer Schriftsteller vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Paris schrieb und das als zwei Meter langer Leporello mit Bildern von Sonia Delaunay im Literaturarchiv in Bern vor sich hin dämmerte.

«Wir mussten wahnsinnig für die Veröffentlichung kämpfen, und es kostete ein Vermögen», so der Verleger schmunzelnd. «Aber fürs Renommee des Verlags hat sich dieses Lieblingsprojekt gelohnt.» Lenos hat sämtliche Werke von Blaise Cendrars neu ediert.

Und natürlich kommen wir auch auf die Auswirkungen der digitalen Transformation und der Corona-Massnahmen auf die Buchbranche zu sprechen. Wegen Covid-19 muss der Verlag seinen längst geplanten Jubiläumsanlass auf später verschieben. «Keine Veranstaltungen ist ein Supergau und eine Katastrophe für alle Betroffenen, ohne Aussicht auf staatliche Hilfe», meint Forrer. Auch dürften Buchbesprechungen und Literatursendungen in den Medien keinesfalls gekürzt werden, denn sie seien nach wie vor wichtige Plattformen für die Buchverlage und die schreibende Zunft.

Eine Stiftung für den Verlag und sein Haus

Es reicht noch für einen kurzen Streifzug durch die Neuerscheinungen im Herbstprogramm – sechs Bücher, die ein gutes Gespür für das Verlagsprofil geben, darunter «Was möglich ist», der zweite Roman des Schweizer Autors Werner Rohner.

Es bleibt noch die zwingende Frage: Wie geht es mit Lenos weiter und auch mit Tom Forrer, der offiziell im Rentenalter ist? Es sieht gut aus. Der Verlag und seine Immobilie am Spalentorweg sind durch eine gemeinnützige Stiftung langfristig gesichert, die Jungen im Team allzeit bereit zur Übernahme und die Verlagsdevise für die nächsten 50 Jahre bleibt dieselbe. «Wir sind absolut unabhängig und können tun und lassen, was wir wollen», so Forrer. «Das ist das Wesentliche.»