Persönlich
Nächster Halt: «Ojemine»

Silvana Schreier
Silvana Schreier
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Umsteigen in Sagliains: Meine Stadtschuhe versinken im Schnee.
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Eingeschneit im Val Müstair
Drei Tage eingeschneit: Die einzige Verbindung ins Val Müstair – der Ofenpass – blieb von Freitagnacht bis Montagnachmittag geschlossen.

Umsteigen in Sagliains: Meine Stadtschuhe versinken im Schnee.

Silvana Schreier

Es war eine spontane Idee: Am Freitagnachmittag stieg ich in den Zug. Viereinhalb Stunden dauerte die Reise ins Val Müstair im Graubünden, wo mein Freund gerade im kleinsten Spital der Schweiz arbeitet. Umsteigen in Sagliains: Meine Stiefel – typische Winterschuhe einer Städterin – versinken im Schnee, die Socken sind nach fünf Minuten nass. Umsteigen in Zernez: Der Postautofahrer prüft, ob die Schneeketten richtig sitzen.

Eine Stunde dauert die Fahrt über den Ofenpass. Trotz Scheinwerfer und Schneckentempo gibt es weder für Busfahrer noch Passagiere etwas zu sehen. Ersterer unterhält sich über Funk mit seinen Postauto-Kollegen: «Uiuiui», meint er. Ein «Ojemine» rutscht ihm hin und wieder heraus. Fast auf der Passhöhe angekommen sagt er in sein Funkmikrofon: «Wenn ich hier bei so viel Schnee anhalten muss, schaffe ich es nie mehr, wieder anzufahren.» Beruhigend, finde ich.

Kaum steige ich vor dem kleinsten Spital der Schweiz aus, rutsche ich aus. Schneetaugliche Schuhe sehen halt anders aus. Ich klopfe mir den Schnee von den Hosen, ziehe mir die Kappe tiefer ins Gesicht. Ich war vermutlich eine der letzten, die es an diesem Wochenende ins Münstertal geschafft hat. Wenige Stunden danach ist der Ofenpass, die einzige Verbindung ins Tal, gesperrt. Erst drei Tage, eine unglaubliche Menge Neuschnee und Lawinensprengungen später kann ich wieder ein Postauto besteigen. Dieses Mal ohne Schneeketten, ohne Schneegestöber und ohne «Ojemine».