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Neues Basler Medium: Journalist Christian Keller glaubt bei «PrimeNews» an den zahlenden Leser

Das Online-Portal «PrimeNews» des Basler Journalisten Christian Keller startete gestern sein publizistisches Abenteuer. Vollständig zu lesen sind die Berichte nur, wer entweder einen 15-Sekunden dauernden Werbespot vorbeiziehen lässt, oder bezahlt.

Christian Mensch
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Christian Keller, die Diplome an der Wand, den Stahlhelm auf der Bank.

Christian Keller, die Diplome an der Wand, den Stahlhelm auf der Bank.

Nicole Nars-Zimmer (niz)

Christian Keller (35) hat die Idee lange mit sich herumgetragen. Sein eigener Chef wollte er sein. Journalismus betreiben, so wie er ihn will. Fernab von den Strukturen der traditionellen Medienunternehmen, deren Redaktionen von Jahr zu Jahr mit schmäleren Budgets und weniger Personal zu kämpfen haben. Keller sagt: «Immer sparen macht den Journalismus kaputt.»

Seit gestern betreibt Keller sein eigenes Medium. «PrimeNews», der Name des Online-Portals, ist eingängig und leitet doch gleich dreifach in die Irre. Weder setzt sein publizistisches Programm speziell auf «Primeurs» noch auf «News», noch auf eine weitläufige Community. Versprochen sind vielmehr lokal-regionale Hintergrundgeschichten, ein Mix von härteren und weicheren Stoffen, wie sie auch in einer gutgemachten Regionalzeitung aufbereitet werden. Keller sagt: «Wir werden den Journalismus nicht neu erfinden.»

Für den Anfang sollen täglich zwei neue Geschichten den Leser erwarten, wenn er morgens die Website besucht. Diese sollen so attraktiv sein, dass der Nutzer bereit ist, dafür zu zahlen. Keller sagt: «Ich glaube an den Leser.» Es bestehe eine Bereitschaft, für Journalismus Geld auszugeben. Es ist dies der Umkehrschluss seiner Überzeugung, dass es keine Lösung sein könne, journalistische Inhalte zu verschenken. Drei Möglichkeiten bietet Keller, um seine Arbeit zu honorieren. Per Handy-Click lässt sich mit 1.50 Franken ein Beitrag freischalten. Ein Monatsabonnement kostet 7.50, ein Jahresabonnement 69 Franken.

Auf Werbung angewiesen

Selbst wenn 2000 Leser, eine zunächst wohl realistische Zielgrösse, den Dienst abonnieren, hat Keller damit erst 140'000 Franken Umsatz erzielt. So bleibt auch er auf Werbung angewiesen. Statt zu bezahlen, kann ein Nutzer auch einen 15-Sekunden-Werbespot anschauen, um dann den Beitrag in der ganzen Länge lesen zu können. Für 1000 solcher Werbekontakte zahlt der Auftraggeber 500 Franken. Für 2000 Franken wöchentlich kann ein Inserent einen PR-Beitrag platzieren.

Ob die Rechnung aufgehen wird, weiss Keller nicht. Marktstudien sind nicht sein Ding. Natürlich ist er optimistisch, er glaubt an das Konzept. Für die Akquisition ist der einzige Festangestellte zuständig, sein Bruder Stephan Keller. Die Journalisten, die neben Keller auf «PrimeNews» publizieren, sind freie Mitarbeiter. Im kommenden Jahr sollte die Firma einen Umsatz von mindestens 250'000 Franken erzielen.

Dass sich Keller ausgerechnet jetzt der Selbstständigkeit aussetzt, hat zwei Gründe. Zum einen sei die Zeit gereift für ein einfaches Zahlungssystem. Zum anderen hatte er sich beruflich ohnehin zu entscheiden; entweder besteigt er den Lift nach oben oder er nimmt den Seitenausgang. Sein letzter Arbeitgeber, die «Basler Zeitung», wurde im vergangenen Dezember dem Zürcher Medienkonzern Tamedia verkauft. Die Übernahme wird noch von der Wettbewerbskommission geprüft. Als bisheriger Leiter des Regionalressorts wäre Keller unter Umständen ein Aufstieg zum Chefredaktor offengestanden, den Support des bisherigen Chefs Markus Somm hätte er gehabt. Doch wer sich wie er eher als Unternehmer sieht, scheut sich, eine Nummer in der Informationsfabrik Tamedia zu werden. Keller reichte die Kündigung ein.

«PrimeNews» ist zwar ein Projekt ohne grosse Ambitionen, doch Keller ist ambitioniert. Schon als Schüler engagierte er sich journalistisch. Er schrieb als freier Mitarbeiter für die «Basellandschaftliche Zeitung», gründete das Jugendmagazin «Zündstoff», produzierte während zehn Jahren die Hintergrundsendung «Report» auf «Telebasel» bevor er zur «Basler Zeitung» stiess. Er will journalistisch glänzen und wurde mit einer Recherche zum «Schweizerhallen-Brand» mit dem Zürcher Journalistenpreis geehrt. National wurde er auffällig mit einer umstrittenen Recherche über die SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer die als Zweitwohnung-Eigentümerin gegen Zweitwohnung-Eigentümer politisierte.

Minimiertes Risiko

Die Aggressivität, mit der Keller zuweilen bei der «Basler Zeitung» auffiel, soll nicht das Markenzeichen von «PrimeNews» sein, auch wenn der Stahlhelm des Offiziers der Schweizer Armee weiterhin auf der Fensterbank steht. Der Neuunternehmer weiss, dass sich keine Kunden finden, die man vor den Kopf stösst. Er sagt: «Wir wollen sympathisch unbequem sein.» Was heisst: Der Staat hat sich weiter auf beissende Kritik einzustellen. Wie schon in seiner Dissertation über die Steuergeschichte beider Basel beschrieben, ist er für ihn zu gross, zu mächtig.

Keller lässt aber vieles offen, absichtlich. Schlank, flexibel und bescheiden soll «PrimeNews» sein. Geld wird gespart, wo es geht. Das Büro ist spartanisch, auf eine eigene App verzichtet er aus Kostengründen. Damit will der Familienvater die Risiken minimieren, die mit einem Medienprojekt verbunden sind. Denn wie das Scheitern funktioniert, lässt sich in nächster Nähe studieren. Die Geschichte der «Tageswoche» zeige, dass auch ein Zuviel an Geld für ein neues Medienprojekt zum Problem werden könne. «Barfi.ch» wiederum belege, dass es nicht genüge, einfach nur beliebt zu sein. «Sensationell» findet Keller hingegen, wie es in Zürich der «Republik» gelungen sei, 20'000 Bezahl-Leser zu gewinnen.

Das Vorbild findet Keller aber vielleicht doch wieder in Basel. Ziemlich genau vor zwanzig Jahren startete der Basler Korrespondent Peter Knechtli sein Webpublishing-Portal «Onlinereports» als One-Man-Betrieb, der er bis heute geblieben ist. Knechtli hatte damit eine finanzierbare Nische gefunden. Keller bietet mit frischem Elan die modernisierte Variante.