Asylwesen
Neues Konzept in Basel: Mit Flüchtlingen in einer WG wohnen

Das Projekt «wegeleben» bringt Flüchtlinge und Wohngemeinschaften zusammen. Diese Woche lädt der junge Basler Zweig von «wegeleben» zum ersten Mal an Infoabende ein, um WG-Bewohnern und Flüchtlingen das gemeinsame Wohnen näher zu bringen.

Noemi Lea Landolt
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Vermittlerinnen zwischen Flüchtlingen und Basler Wohngemeinschaften: Maria Vogelbacher (links) und Rebekka Bernasconi (rechts) von wegeleben.

Vermittlerinnen zwischen Flüchtlingen und Basler Wohngemeinschaften: Maria Vogelbacher (links) und Rebekka Bernasconi (rechts) von wegeleben.

Kenneth Nars

Das Leben in einer Wohngemeinschaft hat zahlreiche Vorteile: Man teilt sich die Kosten, kümmert sich gemeinsam um den Haushalt, lebt selbstbestimmt, ist nicht alleine und lernt neue Menschen kennen. Die WG, eine Art des Zusammenlebens, die auch für Flüchtlinge eine Chance sein kann. Ende April 2015 haben Gian Färber und Méline Ulrich in Bern das Projekt «wegeleben» gestartet. Das Ziel: Flüchtlingen die WG-Wohnkultur zugänglich machen und bei Interesse ein WG-Zimmer vermitteln.

Für die geflüchteten Menschen ist eine WG nicht nur finanziell attraktiv, sondern auch im Hinblick auf die Integration. In der WG kommen die Flüchtlinge mit der Schweizer Bevölkerung in Kontakt. So lernen sie Kultur, Lebensweise und Sprache kennen. «Es geht dabei nicht darum, dass die einheimischen Mitbewohner Betreuungsaufgaben übernehmen», sagt Gian Färber. «Sie sollten einfach Lust darauf haben, mit einem geflüchteten Menschen in einer WG zusammen zu wohnen.»

Seit dem Projektstart Ende April hat «wegeleben» in Bern 22 Flüchtlingen ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft vermitteln können. Die meisten sind bereits eingezogen, andere ziehen in den nächsten Wochen ein. Zu den Wohngemeinschaften hat «wegeleben» auch nach dem Einzug Kontakt. Bis jetzt habe es keine Schwierigkeiten gegeben. «Wenn wir Kontakt haben, dann oft deshalb, weil wir an ein WG-Essen eingeladen werden», sagt Gian Färber.

Basler Projekt in den Startlöchern

Im Gegensatz zu Bern steckt «wegeleben» in Basel noch in den Kinderschuhen. Fünf junge Menschen kümmern sich hier ehrenamtlich neben Arbeit oder Studium um die Vermittlung der WG-Zimmer. Zwei von ihnen sind die 25-jährige Studentin Maria Vogelbacher und die 24-jährige Kindergärtnerin Rebekka Bernasconi.

Am Dienstag und am Donnerstagabend finden zum ersten Mal Informationsveranstaltungen statt, wo das Projekt vorgestellt wird. Die Infoanlässe richten sich an Wohngemeinschaften, die sich überlegen, ein freies Zimmer an einen Flüchtling zu vermieten und an Flüchtlinge, die mehr über das Leben in einer WG und das Projekt erfahren möchten. Der Infoabend endet in einer WG. «So können sich die Flüchtlinge ein Bild davon machen, wie eine WG hier funktioniert», sagt Rebekka Bernasconi.

Das Projekt «wegeleben» ist mehr als eine Plattform, auf der Interessierte ein Inserat aufschalten und so gegenseitig in Kontakt kommen. Die Verantwortlichen von «wegeleben» treffen die bestehenden Wohngemeinschaften und die Flüchtlinge, die sich für das Projekt interessieren, persönlich. «Das ist uns sehr wichtig», sagt Rebekka Bernasconi. «Die Mitbewohner sollen zusammenpassen und sich verstehen.»

Wenn sie das Gefühl haben, dass ein Flüchtling in eine WG passt, arrangieren sie in einem nächsten Schritt ein gemeinsames Treffen beziehungsweise eine Wohnungsbesichtigung. Auch da ist jemand von «wegeleben» dabei. Finden sich alle sympathisch, wird ein Miet- oder Untermietvertrag aufgesetzt. «Wir prüfen den Vertrag, um sicherzugehen, dass alles rechtens ist», sagt Maria Vogelbacher. Nach dem Einzug bleibt der Kontakt zu den Wohngemeinschaften bestehen. «Wir sind weiterhin Ansprechpartner», sagt Rebekka Bernasconi. Läuft etwas nicht, wie es sollte, vermittelt «wegeleben» zwischen den Parteien.

Selbstständig statt abhängig

Die Miete bezahlen die Flüchtlinge selber. «Es ist uns wichtig, dass sie selbstständig sind und kein Abhängigkeitsverhältnis entsteht», sagt Maria Vogelbacher. Die Flüchtlinge sollen genauso Mitbewohner sein, wie die anderen WG-Bewohner. Bei Menschen mit einem positiven Asylentscheid ist die Finanzierung weniger ein Problem: Sie bekommen Sozialhilfe und seien in der Lage, ihr Zimmer zu bezahlen. Bei Flüchtlingen im Asylverfahren sei es schwieriger, weil sie viel weniger Geld zur Verfügung haben. Trotzdem ist ein positiver Asylentscheid keine Bedingung, um sich bei «wegeleben» zu melden. «Wir versuchen, auch Flüchtlingen im Asylverfahren ein Zimmer zu vermitteln», sagt Rebekka Bernasconi.

Für minderjährige Flüchtlinge ist «wegeleben» keine Option. Sie werden in den Wohnheimen des Kantons untergebracht. «Wir stehen aber in Kontakt», sagt Maria Vogelbacher. Denn wenn jemand 18 Jahre alt wird, muss er das Wohnheim verlassen und fällt aus den Strukturen. Ein WG-Zimmer sei für diese Menschen unter Umständen eine ideale Anschlusslösung: «Wir haben bereits eine Anfrage, ob wir für jemanden ein Zimmer suchen können, der im März volljährig wird.»

In Basel kümmern sich auch noch andere Stellen um die Unterbringung von Flüchtlingen bei Privatpersonen. «Wir haben uns zum Beispiel mit der GGG abgesprochen», sagt Rebekka Bernasconi. «Wir halten uns gegenseitig up to date.» Es könne sein, dass sich bei «wegeleben» jemand für ein WG-Zimmer meldet, den sie eher in einer Gastfamilie sehen und umgekehrt.

Infoveranstaltungen heute Dienstag, 12.1.2016 von 16 bis 18 Uhr und am Donnerstag, 14.1.2016 von 18-20 Uhr, Amerbachstrasse 109, Basel

www.wegeleben.ch