Ortsunkunde
Wibertröster, gewitterhaft

Simon Morgenthaler ist für die «Schweiz am Wochenende» unterwegs an Orten mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege.

Simon Morgenthaler
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Wibertröster in Wittinsburg.

Wibertröster in Wittinsburg.

Simon Morgenthaler

Ein Kirschbaum, darunter ein Bänkchen, gesponsert von einem Kabelfernsehen-Anbieter, das tatsächlich so aussieht, als hätte es sich aus seichtem Nachmittags-TV in die Realität verloren. Auch die Stimmung war entsprechend melodramatisch. Er wolle ihr seinen Lieblingsort zeigen, hatte er ihr gesagt, als sie sich das letzte Mal deutlich hörbar nicht verstehen konnten. Und da sitzen sie nun, befangen und unwohl im Gedanken, dass sie beide mit ihren Sehnsüchten nicht allein sind. Es sei wohl besser, in Känerkinden den Bus zu nehmen, sagt er, sonst kommen wir noch ins Gewitter. Wir müssen.

Er solle sich nicht immer Sorgen machen, das werde schon vorbeiziehen, sagt sie, er habe ihr seinen Ort gezeigt, jetzt wolle sie ihre Wanderung machen. Sie stehen auf, besorgt darum, dass sie sich nicht wieder nicht verstehen. Es ist feucht und heiss, die Wolken fast schwarz. Beide sehen das Schild – reduzierter Winterdienst auf der Gemeindestrasse –, aber keiner spricht an, wie verwirrend diese Situation ist. Durchs Dorf, an der Bushaltestelle vorbei. Während er denkt, sie denke jetzt sicher, dass er ihr Fahrlässigkeit vorwerfe, denkt sie, er denke, sie ärgere sich über seine Vorsicht. Mit Blick auf das doch immer dunkler werdende Szenario, jetzt schon den Hügel hinter dem Dorf hinaufsteigend, keimt in beiden aber gleichzeitig der vage Gedanke an ein Wagnis.

Im Ischlag liegt ein altersschwacher, umgestürzter Baum in unentschiedener Höhe quer über dem Weg. Er steigt links am Wegrand über den Stamm, sie zwängt sich rechts unten durch. Oben auf dem Grat am Wegrand winzige Stecklinge von Tannen oder anderem, eingegittert, geschützt vor Verbissschäden. Es wird immer dunkler, fern hört man die Autobahn. Beide beissen sich auf die Zunge, um nicht zugeben zu müssen, wie traurig sie sind.

Er folgt ihr weglos über die Sunneweid hinab, noch tropft es nicht, Wind, oben dräuende Düsternis. Einen alten, nicht ausgewiesenen Weg wolle sie suchen gehen, der in die Schlucht der Wasserfalle führt, ein kleines Abenteuer, hatte sie gesagt. Zuerst durch den Wald, dann einen steilen Pfad hinab, der immer steiler wird. Sie denkt, er müsse sie doch verstehen, dass sie ihn nicht immer verstehe, er denkt, er verstehe sie, dass sie ihn nicht verstehen könne. Ein Abgrund, sie haben sich verstiegen, unter ihnen ein Felsüberhang. Dann fallen sie sich weinend in die Arme. Und zum Trost beginnt es zu donnern.