Trendwende

«Rot-Grün hat die Gefahr offensichtlich noch nicht erkannt»

Die Regierungsmehrheit in Basel-Stadt könnte tatsächlich kippen, erklärt Politgeograf Michael Hermann. Der Schulterschluss zwischen den bürgerlichen Parteien scheint auf Anhieb zu funktionieren.

Daniel Ballmer
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Michael Hermann: «Eine Auswertung des Abstimmungsverhaltens hat aufgezeigt, dass Basel unter den Schweizer Grossstädten die konservativste ist.»

Michael Hermann: «Eine Auswertung des Abstimmungsverhaltens hat aufgezeigt, dass Basel unter den Schweizer Grossstädten die konservativste ist.»

KEYSTONE

Herr Hermann, dürfen wir Baschi Dürr schon zur Wahl als neuer Basler Regierungspräsident gratulieren?

Michael Hermann: Ich würde nie im Voraus gratulieren, seine Chancen stehen aber sehr gut. Denn sein Vorsprung ist deutlich.

Doch, bevor Dürr die Champagnerflasche köpft: Wie repräsentativ ist Ihre Umfrage tatsächlich?

Es ist zwar eine offene Online-Umfrage, aber dank unserer Gewichtungsmethode ist sie repräsentativ. Bei den bisherigen Umfragen, die wir mit der gleichen Methode durchgeführt haben, lagen wir jedenfalls sehr nahe bei den Endresultaten.

Dann legen Sie dafür die Hand ins Feuer?

Wir sind noch relativ früh dran. Der Wahlkampf ist erst so richtig gestartet. Die Frage ist also: Wie aussagekräftig ist die Umfrage schon zu diesem Zeitpunkt und wie wird sich die Meinungsbildung noch entwickeln. Ich gehe jedoch davon aus, dass sich das Gesamtbild nicht mehr allzu stark ändern wird. Diesen Resultate liegen stabile Muster zugrunde.

Zum Inhalt: Bei den Regierungswahlen fällt auf, dass der bürgerliche Schulterschluss auf Anhieb zu funktionieren scheint, nachdem er lange bereits im Ansatz gescheitert ist.

Das ist eine spannende Entwicklung, die man schweizweit beobachten kann. Lange machte Rot-Grün in vielen Kantonen Boden gut – auch, weil die SVP-Kandidaten die Stimmen der anderen Bürgerlichen nicht erhalten haben. Die Trendwende hat bereits Auswirkungen gezeigt, etwa in Luzern, Baselland oder Zürich, wo Rot-Grün wieder zurückgedrängt wurde. Plötzlich machen die SVP-Kandidaten viel mehr Stimmen. Die Bürgerlichen geben sich gegenseitig wieder die Stimme. Weil Rot-Grün gleichzeitig stagniert oder sogar leicht verliert, wendet sich das Blatt, und es sind Sitze umkämpft, die zuvor relativ klar Rot-Grün zugeordnet waren.

Davon scheint auch SVP-Kandidat Lorenz Nägelin zu profitieren, obwohl die Vorbehalte bei den anderen bürgerlichen Parteien lange gross waren.

Genau. Er wird von FDP und LDP sehr gut unterstützt. Aber auch von der BDP, die sich ja einst im Streit von der SVP getrennt hat. Oder von CVP und EVP, die sich dezidiert als Mitte-Parteien geben. Das zeigt, dass sich etwas bewegt hat. Und so ist auch dieser Sprung gegenüber Nägelins Ergebnis vor vier Jahren erklärbar. Die Bürgerlichen sehen sich wieder vermehrt als Einheit; auch in der Wählerschaft hat hier ein Umdenken stattgefunden. Das negative Bild der SVP unter den Bürgerlichen scheint nicht mehr so ausgeprägt zu sein wie noch vor ein paar Jahren.

Letztlich führt das zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Nägelin und der Grünen Elisabeth Ackermann. Wagen Sie eine Prognose.

Das ist völlig offen. Auffällig ist, dass Ackermann selbst von der rot-grünen Basis nicht bedingungslos unterstützt wird. Offensichtlich hat das rot-grüne Lager noch nicht erkannt, dass die Regierungsmehrheit tatsächlich kippen könnte. Nicht nur in Basel zeigt sich, dass in rot-grün dominierten Städten eine gewisse Sättigung entstanden ist. Die linke Mehrheit in den grossen Städten ist nicht zementiert, auch wenn dieser Eindruck in den letzten Jahren stabiler Mehrheiten entstanden ist.

Dann wird diese Gefahr von vielen noch immer unterschätzt?

Offensichtlich. Aber spätestens wenn es zum zweiten Wahlgang kommt, wird das Bewusstsein steigen. Dann wird es auch von Links als ernsthafte Richtungswahl betrachtet. Vielleicht fühlt sich Rot-Grün im Moment noch etwas gar sicher, weil das Lager entgegen dem nationalen Trend selbst bei den nationalen Wahlen im letzten Herbst gewonnen hat.

Stichwort zweiter Wahlgang: Während die Bisherigen Eva Herzog und Christoph Brutschin sehr gute Umfrageresultate erreichen, schafft Hans-Peter Wessels nicht einmal das absolute Mehr. Was macht der SP-Baudirektor falsch?

Er ist sicher umstrittener als die beiden anderen, was für viele auch mit dem Departement zusammenhängt. Die Umfrage zeigt: Innerhalb der SP werden alle drei gut unterstützt. Wessels erhält aber aus der Mitte viel weniger Stimmen. Beim Bürgerblock ist der Unterschied noch deutlicher. Dort geniessen die beiden anderen zumindest gewisse Sympathien. Das schenkt unter dem Strich ein. Dennoch wird Wessels spätestens in einem zweiten Wahlgang gewählt werden. Er müsste ja sowohl von Elisabeth Ackermann als auch von Lorenz Nägelin überholt werden, was schwer vorstellbar ist.

Ins Auge sticht auch das gute Ergebnis des neu kandidierenden Conradin Cramer von der LDP. Das erscheint eher ungewöhnlich.

Das ist wirklich ungewöhnlich, aber nicht einzigartig. Ein anderes Beispiel war etwa die Wahl des Zürcher SP-Regierungsrats Mario Fehr, der aus dem Stand ein Spitzenresultat erzielte. Cramer wird offensichtlich bis weit in die Mitte hinein respektiert, was ein solches Resultat möglich macht.

Heidi Mück von der Basta und die Grünliberale Martina Bernasconi dagegen scheinen sich das Geld für den restlichen Wahlkampf gleich sparen zu können. Sie sind in der Umfrage weit abgeschlagen.

Das ist tatsächlich so. Ackermann liegt deutlich vor Mück. Und das wird sich auch nicht ändern, sollten sich im rot-grünen Lager die Reihen noch stärker schliessen, denn das hilft auch Ackermann. Die Kandidatur von Bernasconi ist ohnehin nur für die Galerie. Sie soll einfach ihre Bekanntheit steigern und als Unterstützung für die Grossratswahlen dienen. Das ist keine realistische Kandidatur.

Zu den Grossratswahlen: Hier scheint sich der nationale Trend in Basel-Stadt fortzusetzen. Links-Grün bis zur GLP verlieren, während die Bürgerlichen eher zulegen.

Stimmt. Bei den nationalen Wahlen 2015 stellte sich Basel-Stadt noch gegen diesen nationalen Trend. Im Schweizer Kontext gibt Basel gerne Gegensteuer gegen den rechten Mainstream. Zugleich scheint sich jedoch auf lokaler Ebene die Begeisterung für die rot-grüne Mehrheit etwas abgekühlt zu haben.

Dabei kokettiert Basel gerne damit, anders zu ticken als der Rest der Schweiz. Sie scheinen zu einem anderen Ergebnis zu kommen.

Eine Auswertung des Abstimmungsverhaltens hat aufgezeigt, dass Basel unter den Schweizer Grossstädten die konservativste ist. Es wäre nicht völlig überraschend, wenn hier die rot-grüne Mehrheit als erstes ins Wanken kommt.