Nähkästchen
S isch ändlig Herbschtmäss! Und Mässglöckner Franz Baur plaudert aus dem Nähkästchen

Der Basler Mässglöggner Franz Baur plaudert aus dem Nähkästchen. Über wilde Bahnen, Handarbeit und alte Bräuche.

Rahel Koerfgen
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Mässglöggner Franz Baur: «Ich drücke nicht einfach einen Knopf.»

Mässglöggner Franz Baur: «Ich drücke nicht einfach einen Knopf.»

Kenneth Nars

Herr Baur, worüber reden wir?

Franz Baur: Über Traditionen.

Sie haben mal gesagt: «Je moderner die Zeit wird, desto willkommener sind die alten Traditionen». Warum ist das so?

In der digitalisierten Welt sehnen sich die Menschen nach Einfachheit, nach weniger Flüchtigem. Alte Bräuche faszinieren sie. Viele zeigen sich heute erstaunt, wenn ich Ihnen sage, dass ich die Messe mit den beiden «Mässglöggli» von Hand einläute und nicht etwa einfach einen Knopf drücke.

Sie sind seit 30 Jahren Mässglöggner, heute um 12 Uhr finden sich wieder viele Menschen auf dem Martinskirchplatz ein, um dem Mässglöggli zu lauschen. Was gefällt Ihnen besonders an diesem jahrhundertealten Brauch?

Dass ich Jung und Alt mit einer Tradition vertraut machen und ihnen eine Freude bereiten kann. Und dass der Brauch nie «verkauft» wurde. Ich mache das nach wie vor gratis. Als «Lohn» erhalte ich traditionellerweise je einen Handschuh beim Einläuten und Ausläuten.

Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie da oben stehen, kurz vor dem Einläuten?

Da liegt eine unglaubliche Spannung in der Luft, es erinnert mich stets an die Minuten vor dem Morgestraich. Das geht unter die Haut!

Warum sind Sie Mässglöggner geworden?

Ich bin ein grosser Freund von Traditionen – was nicht heisst, dass ich gegenüber Neuem nicht aufgeschlossen bin. Die überlieferten Bräuche müssen gepflegt werden...

...warum?

Sie sind einerseits identitätsstiftend, andererseits schadet es nie, zu wissen, wie die Welt früher war. Das Einläuten hatte für mich schon als Kind etwas ungeheuer Faszinierendes, es gehört einfach zur Messe dazu. Als mich mein Vorgänger Alfred Röschard gefragt hatte, ob ich in Zukunft das Mässglöggli läuten mag, musste ich also nicht lange überlegen.

Abgesehen vom Einläuten: Welche Tradition an der Herbstmesse liegt Ihnen auch noch am Herzen?

Der Häfelimärt ist sicher etwas Besonderes. Ich finde es auch gut, dass es nebst all den modernen Fahrgeschäften die alte «Resslirytti» gibt, dass Kinder noch wissen, was das ist. Das gehört zur Herbstmesse dazu. Genauso wie der «Soggeball», der seit bald 100 Jahren organisiert wird, für alle, die an der Herbstmesse arbeiten.

Wie sieht für Sie privat ein Tag an der Herbstmesse aus? Gibt es Stationen, die für Sie Pflicht oder gar Tradition sind? Oder lassen Sie sich einfach treiben?

Mehr oder weniger. Ich gehe am liebsten auf den Münster- und Petersplatz, da ist es sehr idyllisch. Nicht zu vergessen die Rosentalanlage. Am besten, man besucht die Messe anfangs Nachmittag, dann hat es die wenigsten Leute.

Trauen Sie sich auf wilde Bahnen?

Nein, das ist nicht so mein Ding, ich will keinen Herzanfall kriegen (lacht). Eine Runde mit dem Botschauteli liegt aber schon drin. Für die Jungen sind die verrückten Bahnen natürlich lässig. Das ist es, was mir an der Herbstmesse so gefällt, der Mix. Es hat für jede und jeden etwas.

Zugunsten der spektakulären Bahnen verschwinden die traditionellen Geschäfte zusehends. Teilen Sie diesen Eindruck?

Das mag stimmen, aber ich spüre bei den Leuten heraus, dass sie solche alten Geschäfte wie die Geisterbahn oder das Kettenkarussell nicht missen möchten. Nichtsdestotrotz muss man darauf achten, dass das Gleichgewicht bestehen bleibt. Ich bin in der Konsultativkommission der Fachstelle Messen und Märkte von Basel-Stadt dabei, und da geben wir zugunsten der alten Geschäfte Inputs. Ich möchte aber betonen, dass die Fachstelle einen guten Job macht.

Sie läuten die Messe von Hand ein. Wie funktioniert das? Ist es schwierig?

Das nicht, es braucht auch nicht viel Kraft, aber zünftig Ausdauer, weil es immerhin eine Viertelstunde dauert. Zudem ist der Rhythmus wichtig. Man darf nicht zu schnell und auch nicht zu langsam ziehen.

Gab’s in den dreissig Jahren mal eine Panne?

Zum Glück nicht wirklich. Einmal, ich glaube anno 1998, ist das Seil beim Probeläuten Mitte September gerissen. Zum Glück bei der Probe! So blieb genug Zeit, das Seil zu ersetzen und die Glocken einzuläuten.

Ihr Vorgänger Alfred Röschard war 40 Jahre lang Mässglöggner. Schaffen Sie das auch?

Wir werden sehen. Solange ich noch gut in die Turmstube in der Martinskirche raufkomme – es sind doch immerhin 117 Stufen – mache ich bestimmt weiter.

Haben Sie bereits einen Nachfolger im Auge? Den dürfen Sie ja bestimmen. Könnte es auch eine Frau sein?

Dazu habe ich mir noch wenige Gedanken gemacht. Ich bin überzeugt davon, dass das auch eine Frau machen könnte, ich schliesse das überhaupt nicht aus.

Sie sind nicht nur Mässglöggner. Ihre Stimme ist über die regionalen Grenzen hinweg bekannt: Jahrzehntelang kommentierten Sie Fussballspiele fürs Radio DRS beziehungsweise SRF: Vor zwei Jahren mussten Sie wegen der Altersbeschränkung aufhören. Vermissen Sie den Job?

Ja, schon. Ich arbeite noch ein wenig fürs Regionaljournal Basel, und es prickelt immer noch. Ich machte den Job halt sehr gerne und hätte nichts einzuwenden gehabt, weiter zu machen. Gewisse Leute fragen heute noch nach, warum ich nicht mehr zu hören bin. Sie haben vor allem geschätzt, dass ich ausgewogen kommentiert habe, dass ich zwar «mitgegangen» bin, aber immer die Contenance bewahrt habe.

Contenance zeichnet den typischen Basler aus.

Kann sein (lacht). Der Basler übt sich eher in Zurückhaltung als der Berner oder Zürcher. Vielleicht, weil wir weltoffener sind?

Basel ist eine Stadt, die grossen Wert auf Traditionen legt. Welche liegt Ihnen besonders am Herzen?

Als gebürtiger Kleinbasler natürlich der Vogel Gryff. Aber auch die Fasnacht.

Wie können wir sicherstellen, dass solch traditionellen Anlässe noch in 100 Jahren bestehen?

Wichtig ist, die alten Bräuche zu bewahren und ihnen Sorge zu tragen, damit Herbstmesse, Fasnacht und Vogel Gryff ihre charakteristischen Seiten behalten und nicht zu 08/15-Anlässen verkommen. Aber es ist auch unerlässlich, für neue Strömungen offen zu sein, wenn sie die Traditionen in ihren Grundfesten nicht erschüttern.

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