Schauspielhaus
Ein harter Brocken: Der Basler «Ulysses» überfordert

Eintausend Seiten in zwei Stunden: Das Theater Basel übernimmt sich mit «Ulysses» von James Joyce.

Mélanie Honegger
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Bleibt ein Aussenseiter: Leopold Bloom (Andrea Bettini), hier bei der Untersuchung nach seiner Selbstbefleckung.

Bleibt ein Aussenseiter: Leopold Bloom (Andrea Bettini), hier bei der Untersuchung nach seiner Selbstbefleckung.

Zvg/Maurice Korbel

Er gilt als Jahrhundertroman: James Joyces «Ulysses» aus dem Jahr 1922 ist ein Monumentalwerk. In diesem Fall heisst das: eines, das schon viele begonnen haben, aber kaum jemand zu Ende gelesen hat.

Nun wagt sich das Theater Basel an den grossen Stoff. Wie ambitioniert dieses Vorhaben ist, zeigte die Premiere am Donnerstagabend im Schauspielhaus. Vier Personen sitzen auf der Bühne in kleinen Kabäuschen und beugen sich angestrengt über die Romanvorlage. Neongelbe und -pinke Zettelchen ragen aus den dicken Wälzern hervor, eine Szenerie wie aus dem Literaturstudium.

Dass Joyces Werk schwere Kost ist, das möchte hier von Beginn weg niemand in Abrede stellen. Offenbar hat aber auch gar niemand den Anspruch, das Stück verständlich zu inszenieren. Regisseur Collins gibt das im Programmheft offen zu. Der New Yorker will den Roman nicht in einer «leicht konsumierbaren Art» erzählen. Ob das überhaupt gehen würde?

Ein loses Gebilde ohne Rahmen

Das Ensemble stürzt sich jedenfalls gleich von Beginn weg genüsslich in die Wirren der Worte und verschachtelten Sätze, die das Publikum ratlos zurücklassen. Denn wer das Buch nicht kennt, hat leider auch keine Chance, mitzukommen. So kommt es, dass während der Premiere einzelne Gäste im Programmheft blättern, um nachzulesen, was denn hier genau gezeigt wird. Manche schauen auch schon bald auf die Uhr.

Doch zurück zur Handlung, wenn es denn eine gibt: James Joyce erzählt in seinem Roman 24 Stunden aus dem Leben von Leopold Bloom. Er tut dies in 18 Kapiteln, entlang der «Odyssee» von Homer. Auch Regisseur Collins gliedert den Abend in 18 Episoden. Es ist eine Art Schnelldurchlauf: Immer wieder spulen die einzelnen Schauspielerinnen und Schauspieler die Handlung nach vorn. Dann rasen Sätze über die Bühne, bis jemand stoppt und weitererzählt.

Collins’ Ansatz fasziniert, funktioniert aber leider nicht wirklich. Die vielen kleinen Fragmente müssen jeweils ohne Rahmen auskommen. Das lose Gebilde an Textpassagen kann so nie wirklich zusammenwachsen. Beziehungen zwischen den Figuren bleiben blosse Skizzen, flüchtig hingeworfene Momentaufnahmen.

Die schauspielerische Leistung, in diesem Chaos mit Präzision und Tempo aufzutreten, ist derweil unbestritten. Die Darstellenden springen von einer Rolle in die nächste, flink und wendig. Hin und wieder glänzt eine Episode, bevor sie wie Blooms Feuerwerk am Strand wieder verpufft.

Der Schlussmonolog als Höhepunkt

Wirklich in Erinnerung bleibt der Schluss, der den mit Abstand stärksten Moment des Abends bildet. Carina Braunschmidt schaut als Ehefrau ­Molly Bloom mit einer Mischung aus trockener Bitterkeit und Nostalgie auf die Anfangszeit ihre Liebe zurück.

Mit lässiger Überheblichkeit: Carina Braunschmidt als Molly Bloom.

Mit lässiger Überheblichkeit: Carina Braunschmidt als Molly Bloom.

Zvg/Maurice Korbel

Sie offenbart ihre Affären, nimmt das Publikum ohne Scham mit in ihre Zweifel und verliert dennoch nie die lässige Überheblichkeit, mit der sie von ihren sexuellen Abenteuern erzählt. Es sind acht lange Sätze, die in das Innerste einer abgeklärten Frau blicken lassen. Braunschmidt verkörpert sie bis in die Finessen, dass man hofft, sie möge nicht mehr aufhören.

So einnehmend die letzten fünfzehn Minuten auch sind: Es ist die grenzenlose Überforderung, die der Abend mit sich bringt, die bleibt. Vielleicht ist sie auch einfach ein akkurates Abbild der Ratlosigkeit bei der Romanlektüre. Zu diskutieren gibt es im Anschluss an die Vorstellung jedenfalls viel. Schliesslich kann auch diese Inszenierung die Wirren des Romans nicht lösen.

James Joyce sagte einst in weiser Voraussicht: «Der Roman enthält so viele Rätsel, dass sich Professoren für Jahrhunderte darüber streiten werden, was ich damit gemeint habe.» Er sollte recht behalten.

«Ulysses»
Theater Basel, Schauspielhaus. Bis 4. 3. 2022.
www.theater-basel.ch