Schiblis Kopfsalat
Ein bisschen Faschismus

Gerne wird zur Nazikeule gegriffen, der Vergleich mit dem Faschismus ist schnell zur Hand. Selbst unser Kolumnist ist nicht immer gefeit davor – wie gut, dass dann die Selbstzensur greift.

Sigfried Schibli
Sigfried Schibli
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Neulich sah ich mich plötzlich zu der Frage veranlasst, ob ich ein Faschist sei. Dieses Wort wird ja heute fast inflationär verwendet, vor allem von sehr kritischen Geistern, die überall ausser bei sich selbst Tendenzen zur Ausgrenzung, zur Denunziation Anders­den­kender und zum Faschismus wittern. Diese Totschläger-­Vokabel ist immer schnell zur Hand bei Themen wie soziale Gerechtigkeit, Trump und Impfskepsis. Der Faschismus hat zwar einen klaren historischen Kern, bewährt sich aber als Allzweckwaffe im politischen Tageskampf.

Mein Verdacht, der sich gegen mich selbst richtete, entzündete sich beim Warten vor der Boosterimpfung im Basler Impfzentrum. Schob sich da doch eine ganze Kolonne von Rollstuhlfahrerinnen und Rollatorenpiloten an unserer geduldig wartenden Reihe vorbei. Nicht, dass die Behinderten sich vorgedrängt hätten, nein, sie wurden vom Personal bevorzugt behandelt und an uns vorbeigeschoben, was bei manchen Nichtbehinderten eine spürbare Missstimmung hervorrief. Eine etwas genervte Dame beschwerte sich sogar über die Bevorzugung der Gehbehinderten durch das Personal und wurde aufgrund ihres Protests tatsächlich vorge­lassen.

Neid auf motorisch Eingeschränkte

Vorübergehend stieg der Satz in mir hoch, um sogleich von der inneren Zensur gelöscht zu werden: Das nächste Mal nehme ich auch einen Rollator mit! Erstens gibt es ja nach der dritten Coronaimpfung hoffentlich kein nächstes Mal, und zweitens sollte man froh sein, nicht gehbehindert zu sein. Überdies ist es nicht ok, Neid zu entwickeln auf motorisch Eingeschränkte, die ja im Allgemeinen alles andere als privilegiert sind.

Von Faschismus ist dies alles weit entfernt. Als ich aber die Securitas-Männer sah, die das Geschehen vor den Impf­kabinen fest im Griff hatten, beschlich mich doch eine leicht faschistoide Anwandlung. Denn so, dachte ich spontan, genau so müssten richtige Ordnungskräfte immer aus­sehen: grossgewachsen, mus­kulös und mit natürlicher Autorität ausgestattet!

Auseinandersetzung von Krawallbrüdern

Ich erinnerte mich an eine Dis­kussion in meiner früheren Redaktion, die sich daran entzündete, dass mehrere Basler Polizistinnen und Polizisten bei einer nächtlichen Auseinandersetzung von Krawallbrüdern nicht nur verbal beleidigt, sondern regelrecht in die Flucht geschlagen wurden. Man solle sich doch, meinte jemand in der Runde, nur einmal diese schmächtigen Bürschchen in ihren Polizeiuniformen an­sehen, dann würde einem alles klar. Früher seien Polizisten noch richtige «Kleiderschränke» gewesen, die einem schon aufgrund ihrer Statur Respekt einflössten.

Dieses Argument ist Faschismus in Reinkultur: der Glaube an Autorität, gekoppelt mit körperlicher Überlegenheit, alles auf der Grundlage des Gewaltmonopols des Staates. Aber ganz von der Hand zu weisen ist der Gedanke nicht.

Und als ich im Herbst den deutschen Kanzlerkandidaten Armin Laschet herumhampeln, grinsen und sich nebulös ausdrücken sah, konnte ich schwerlich den Verdacht unterdrücken, dieser Clown im Business-Anzug sei der Auf­gabe der Staatslenkung schon physiologisch nicht gewachsen. So viel Faschismus muss schon erlaubt sein.

Sigfried Schibli ist Musikkritiker und Publizist, Hobbymusiker, Grossvater und
Querbeet-Leser. Er nutzt seine Zeit für die Erholung vom Nachdenken.

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