Sebastian Brant
Lektüre für die fasnächtliche Fastenzeit

Der in Basel wirkende Jurist Sebastian Brant war ein produktiver Publizist. Sein «Narrenschiff» wurde im 15. Jahrhundert ein Bestseller. Ein neuer Band nimmt sich nun dem Werk über Völlerei, Ehebruch, Astrologie, Geiz und andere Narrheiten an.

Martin Stohler
Drucken
Ein undatiertes Porträt von Sebastian Brant.

Ein undatiertes Porträt von Sebastian Brant.

WikiCommons

Sebastian Brant war, etwas salopp gesagt, ein Multitalent. In seinem Wirken verband er mehrere Sphären. Brant wurde 1457 in Strassburg als erstes Kind des Ratsherrn und Gastwirts Diebolt Brant und seiner Ehefrau Barbara geboren. In jugendlichem Alter zog er nach Basel, um an der Universität die Rechtswissenschaften zu studieren. Nach Abschluss seines Studiums blieb er zunächst in Basel, war hier an Gerichten und an der Universität tätig sowie an verschiedenen Buchprojekten beteiligt. Später kehrte in seine Geburtsstadt zurück und wirkte dort ab 1502 bis zu seinem Tod im Jahr 1521 als hoher Magistrat und Rechtsberater der freien Reichsstadt Strassburg.

In Brants Basler Zeit fällt der Druck seines bekanntesten Werks, des «Narrenschiffs». Brant nahm darin die unterschiedlichsten Narrheiten aufs Korn. Das Spektrum umfasst Renommiersucht, Völlerei, Ehebruch, Astrologie, Geiz, Bettelei, das Alles-auf-morgen-Verschieben und manches andere mehr.

Brant publizierte die erste Auflage des «Narrenschiffs» im Jahr 1494 «vff die Vasenaht». Der Zeitpunkt war mit Bedacht gewählt. Die Fasnacht bezeichnet bekanntlich den Tag beziehungsweise den Abend vor Beginn der 40-tägigen Fasten- und Busszeit vor dem Osterfest. Mit seiner satirischen Kritik diverser Narrheiten und seiner christlichen Moral bot sich das Buch als passende Lektüre für diese Zeit der inneren Einkehr an.

Unterschiedliche Kulturen

Brant publizierte sein «Narrenschiff» zunächst in der Umgangssprache des Oberrhein-Alemannischen. Zugleich sorgte er dafür, dass es bald auch in einer lateinischen Fassung als «Stultifera Navis» in die weite Welt hinausfuhr. Auf diese Weise sprach er, wie Nikolaus Henkel anlässlich der Vernissage seines grossen Sebastian-Brant-Buches (siehe Fussnote) in der Universitätsbibliothek Basel ausführt, zwei unterschiedliche Kreise von Lesern an. Mit der lateinischen Fassung erreichte Brant die Gebildeten weit über die regionalen Sprachgrenzen hinaus, während die volkssprachliche Ausgabe auf das regionale Publikum ausgerichtet war, das kein Latein verstand.

Auch die Pro-cras-tinatoren bekommen im «Narrenschiff» ihr Fett ab. Wer wie ein Rabe immer nur cras, cras (morgen, morgen) kräht, bleibt ein Narr bis zum Grabe. Holzschnitt aus der Ausgabe von 1494.

Auch die Pro-cras-tinatoren bekommen im «Narrenschiff» ihr Fett ab. Wer wie ein Rabe immer nur cras, cras (morgen, morgen) kräht, bleibt ein Narr bis zum Grabe. Holzschnitt aus der Ausgabe von 1494.

Zvg

Zur grossen Beliebtheit des «Narrenschiffs» trugen auch die zahlreichen Holzschnitte bei, mit denen es illustriert ist. Die Konzepte zu diesen Illustrationen lieferte Brant, umgesetzt wurden sie von verschiedenen Künstlern, unter anderem vom jungen Albrecht Dürer, der sich damals vorübergehend in Basel aufhielt.

Neben den Arbeiten am «Narrenschiff» und seinen juristischen Tätigkeiten war Brant auch als Herausgeber weiterer eigener und fremder Werke stark gefordert. Zu nennen sind etwa die sechs Teile des «Corpus iuris canonici», eine Geschichte der Stadt Jerusalem, Gedichtbände und Beilagen zu Texten von Kirchenvätern. Hinzu kommt – allerdings erst nacht Brants Wegzug nach Strassburg – die im Jahr 1502 erschienene Ausgabe von Vergils römischem Nationalepos «Aeneis».

Neben dem Medium Buch nutzte Brant auch Einzelblattdrucke, um sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Zur Sprache kamen in solchen Blättern Ereignisse wie der Meteorit, der am 7. November 1492 als «Donnerstein bei Ensisheim» im Elsass niederging.

Wort und Bild

Nicht nur in seinem «Narrenschiff», sondern auch in anderen von ihm herausgegebenen Büchern legte Sebastian Brant grossen Wert auf Holzschnitte als Buchillustrationen. Zu diesen hat er den ausführenden Künstlern jeweils detaillierte Konzepte geliefert. Seine Angaben basierten auf einer grossen Vertrautheit mit den edierten Texten, wie Nikolaus Henkel anlässlich der Buchpräsentation in der Universitätsbibliothek am Beispiel einer Illustration aus Brants «Aeneis» zeigte. Mit seinen Illustrationen verdeutlichte Brant die durch die Sprache vermittelte Botschaft und bot den Lesern gleichzeitig eine Gedächtnisstütze.

Nikolaus Henkels kürzlich erschienenes Buch zu Sebastian Brant ist die Frucht jahrzehntelanger Forschungen. Es bietet zahlreiche detaillierte Studien zu verschiedenen Aspekten von Brants Wirken als Publizist und Herausgeber. Wer sich vertieft mit Sebastian Brant befassen will, erhält hier ein Hilfsmittel, dessen Wert man nicht hoch genug anschlagen kann. Daneben vermittelt es auch einen Eindruck davon, wie das Wissen beschaffen war, das wir bei den Mitgliedern der lateinisch gebildeten intellektuellen Elite um 1500 erwarten dürfen.

Nikolaus Henkel: «Sebastian Brant. Studien und Materialien zu einer Archäologie des Wissens um 1500». Schwabe Verlag, Basel 2021, 796 Seiten.