Stadtoriginal

Seine Figuren zieren ganz Basel: Jetzt wird Zschokkes zauberhaftes Atelier geräumt

50 Jahre lang setzten die Skulpturen des Basler Bildhauers im Wettsteinhäuschen Staub an. Die neuen Nutzer von Zschokkes Atelier sagen ihnen jetzt Adieu. Denn das eigens für einen Brunnenbau eingerichtete Atelier soll Neuem zugeführt werden.

Hannes Nüsseler
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Neben dem Thomas-Platter-Schulhaus befindet sich das Atelier, dass eigens für Zschokkes Brunnenbau eingerichtet wurde.
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50 Jahren Depot sind genug: Monika Kästli will dem Wettsteinhäuschen neues Leben einhauchen.
Zschokke / Wettsteinhäuschen

Neben dem Thomas-Platter-Schulhaus befindet sich das Atelier, dass eigens für Zschokkes Brunnenbau eingerichtet wurde.

Kenneth Nars

Die Tänzerin macht noch einmal die Runde – keine Pirouette, sondern einen Ausflug in die Wettstein-Apotheke. Pausbackig und fröhlich steht sie mit angewinkeltem Bein im Schaufenster, ein Namensschild zu ihren Füssen: Alexander Zschokke. Die Bronzeskulptur des bekannten Bildhauers (1894 – 1981) ist nicht die einzige auf der Spritztour im Kleinbasler Wettsteinquartier. Ob Kult-Bäckerei, Buchhandlung Palermo oder Münster-Fähre: In zwölf Ladengeschäften tauchen die Zschokke-Figuren dieser Tage auf.

Der Grund ist rasch gefunden: Heute Montag jährt sich zum 125. Mal der Geburtstag des Basler Bildhauers, von dem unter anderem der Brunnen vor dem Kunstmuseum stammt. Woher aber kommen plötzlich all diese Skulpturen?

Keine Ausstellung im klassischen Sinn

Das verwunschene Wettstaihüüsli kennt im oberen Kleinbasel jedes Kind, nicht zuletzt, weil das ehemalige Rebhäuschen aus dem 16. Jahrhundert an eine Schule grenzt. Schüler werfen im Herbst oft Kastanien gegen die leeren Fenster, «einfach um eine Resonanz zu erzeugen», sagt Monika Kästli.

Die Kunstvermittlerin gehört dem Verein Wett an, der das Häuschen Anfang Jahr übernommen hat – samt anstossendem Atelier. Die unscheinbare Holzbaracke bietet einen grosszügigen, hellen Raum, ein Holzofen bullert gegen die Kälte an, die durch Ritzen und Fugen dringt. Hier also wirkte Alexander Zschokke, von hier stammen auch die Figuren, Gipsmodelle und Vorstudien zu seinen Werken, die den Schopf 50 Jahre lang nicht verlassen haben.

«Wir wollten sie sprichwörtlich wieder in Bewegung setzen und in die Gegenwart überführen», erzählt Kästli. Dafür wurden in Absprache mit den einzelnen Quartierläden Objekte entliehen. «Es geht nicht um ein Ausstellen im klassischen Sinn», erläutert Kästli, «sondern um eine Verschiebung des Kontextes und damit auch um die Möglichkeit einer neuen Begegnung mit den Werken.» So steht die «Dralle Tänzerin» nun 150 Meter entfernt in einer Apotheke für das Thema Wechseljahre. «Solche Anknüpfungspunkte sind erwünscht», sagt David De Caro. «Die Skulpturen sollen nicht abstrakt bleiben, sondern Teil des Ladens werden.»

Das Depot soll langsam verschwinden

Der Bildhauer gehört ebenfalls dem Verein an und wird gemeinsam mit zwölf Künstlerinnen und Künstlern eigene Werke in das Atelier «schmuggeln», um in eine Wechselwirkung mit den historischen Skulpturen zu treten, wie Kästli sagt. So hat De Caro abstrakte Zeichnungen in Metallskulpturen übersetzt, und Selma Weber besucht mit ihrer Videokamera Zschokkes Werke im öffentlichen Raum. Sie fängt dabei tierische Zaungäste mit beachtlichem Jö-Faktor ein.

Bis zum 15. Dezember sind Zschokkes Skulpturen noch im Ausgang, dann kehren sie in das Atelier zurück – vorübergehend. Das 1937 eigens für den Bau des Kunstmuseum-Brunnens errichtete Atelier befindet sich im Besitz der Familie Zschokke, Tochter und Erbin Petra Zschokke ist ebenfalls im Verein Wett. Und wie die übrigen Mitglieder möchte auch sie das Depot ihres Vaters mittelfristig räumen, um Platz für Neues zu schaffen. «Wir wollen hier aktiv werden und nicht nur konservieren», sagt De Caro. Der Verein sei mit verschiedenen Institutionen im Gespräch, um die Skulpturen anderweitig unterzubringen. «Das Atelier soll breiter genutzt werden. Und zwar so, dass bildhauerische Werke von hier aus wieder in die Umgebung ausstrahlen.»

«Es hat noch genug Staub hier»

Dafür ist das Wettsteinhäuschen wie gemacht. «Interessanterweise steht der Ort schon lange mit Kunst im Zusammenhang», sagt Kästli. Die Basler Künstlergesellschaft (BKG) und die Gesellschaft Schweizerischer Maler und Bildhauer veranstalteten zu Beginn des 20. Jahrhunderts feuchtfröhliche Treffen im Garten. «Das Wettsteinhäuschen war damals das Künstlerlokal der BKG» – eine Kunsthalle vor der Kunsthalle.

Doch von allzu viel Geschichtsträchtigkeit wollen sich die neuen Nutzerinnen und Nutzer nicht einzwängen lassen. «Wir wollen nicht zu einer weiteren Institution werden», sagt De Caro. «Es braucht für unser Projekt zwar einen geschützten Raum, gleichzeitig soll er sich öffnen.» Kästli stellt sich das Atelier als einen Freiraum vor, in dem Prozesse stattfinden können, «die nicht primär auf ein Produkt hin ausgerichtet sind». Dafür soll das unter Denkmalschutz stehende Atelier nun – dezent – angepasst werden. «Wir wollen diesen Ort, der aus der Zeit gefallen scheint, ein Stück weit ganz bewusst so belassen», sagt Kästli. «Es hat noch genug Staub hier», ergänzt De Caro. «Und das soll auch so bleiben.»