Gare du Nord

Simon Steen-Andersen: Der Mann mit dem Outsider-Blick

Für ihn ist die Lego-Burg wie eine Komposition für Klavier: Der dänische Komponist und Installationskünstler Simon Steen-Andersen eröffnet die Saison im Basler Gare du Nord.

Mathias Balzer
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Steen-Andersen_02

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bz Basel

Gehen ist eine inspirierende Tätigkeit. Die Gedanken schweifen frei, Füsse und Beine geben den Rhythmus vor, die Welt zieht im Schritttempo vorbei. Auf dem Laufband im Fitnessstudio fällt zwar Letzteres weg. Trotzdem kann sich auch in ­diesen verschwitzten Hallen ­Inspiration einstellen. Simon Steen-Andersen kam auf einem Laufband die Idee zu seiner neusten Produktion «Walk the Walk».

Klänge und Geräusche, Bilder und performative Aktionen

«Ich mag das Meditative an dieser Maschine, und sie macht ja auch Geräusche», erklärt der 44-Jährige am Vortag der Schweizer Erstaufführung seines Werks. «Je nachdem, wie man sich bewegt, verändert sich der Klang, es entstehen Rhythmen und unterschiedliche Arten von Quietschen.» Das Musikalische des Laufbands sei das Eine. Das Andere die visuelle Qualität. «Wir sehen Gehende oder Rennende, die trotzdem an Ort bleiben.» Das sei wie bei einem Follow shot im Film. Dort bleibt eine rennende Figur in der Mitte der Leinwand, während die Szenerie vorbeirauscht.

Klänge und Geräusche, Bilder und performative Aktionen sind das Material, aus welchen der Künstler seine Musiktheaterinstallationen entwickelt. Für seine vertrackten Wunderwelten wurde er mit Preisen wie demjenigen des SWR Symphonieorchesters bei den Donaueschinger Musiktagen oder dem Mauricio Kagel Musikpreis der Kunststiftung NRW geehrt. «Walk the Walk» wurde anfangs September an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin uraufgeführt.

Lego und Klavier sind austauschbare Elemente

Steen-Andersen ist kein Komponist und auch kein Regisseur im klassischen Sinne. «Ich komme eher aus dem Rock, oder vielleicht sogar aus dem Nichts.» Solche Sätze sagt er mit einem träumerischen Blick, um dann gleich wieder ganz präsent zu sein. Er habe nicht damit angefangen, Musik zu machen, weil er etwas gehört habe, das er nachmachen wollte. «Ich hab einfach mit Instrumenten rumgespielt wie ein Kind, das bastelt. Für mich gab es schon früh keinen grossen Unterschied, ob ich mit Lego oder auf dem Klavier gespielt habe.» Beide Mittel bestehen laut ihm aus aufgeteilten Einheiten, die man unterschiedlich kombinieren könne: Burg oder Klavierstück, das ist letztendlich austauschbar.

Diesem Prinzip ist der Künstler bis heute treu geblieben. Mozart und Bach habe er in der Plattensammlung seiner Mutter entdeckt. Aber da standen eben auch Jimi Hendrix oder The Cream. Bis 18 hat er Gitarre ­gespielt, später etwas Klavier. Heute tüftelt er vor allem auf Selbstgebasteltem oder mit Computer und Joysticks. Komposition und Musikgeschichte hat er zwar eingehend studiert, sie interessieren ihn aber eher als Ausgangsmaterial. «Das sind für mich eine Art Objets trouvés», sagt er. «Diese Distanz gibt mir Freiheit. Ich fühle mich durch keine Tradition wirklich gebunden. Ich steh da immer nur mit einem Bein drin. Deshalb habe ich einen Outsider-Blick.»

«Walk the Walk» In «Walk the Walk» wird die Bühne zum Instrument. Bild: Gianmarco Bresadola

«Walk the Walk» In «Walk the Walk» wird die Bühne zum Instrument. Bild: Gianmarco Bresadola

bz

Laufbänder kommen in «Walk the Walk» viele vor – dazu Instrumente und die vier Musiker des Percussion-Quartetts Ensemble This/Ensemble That. Sie sind Teil einer Maschinerie, in der alle Elemente gleichberechtigt ineinandergreifen. Das Bühnenbild ist auch das Instrument.

«Ich muss zuerst mein Instrument bauen, und während ich baue, muss ich komponieren, damit ich weiss, was ich damit machen kann», erklärt der Künstler. «Währendessen müssen wir Choreografien ausprobieren.» Eine Art Feedbackprozess, in dem sich alles gegenseitig bedingt und gleichzeitig entsteht.

Die Sinnfrage sei ein Feedback-Prozess

Für «Walk the Walk» standen die ersten cinematografischen Bewegungsstudien des
19. Jahrhunderts ebenso Pate wie die Komiker der Stummfilmzeit. Man sehe alle möglichen Formen des Gehens, aber das sei nicht der Punkt, sagt Steen-Andersen. «Besonders interessant finde ich, dass Gehen alles Mögliche bedeuten kann und gleichzeitig nichts.»

Natürlich sei der Weg das Ziel. Auch wenn der Weg wiederum an ein konkretes Ziel führe. Für diesen Künstler ist auch die Sinnfrage ein Feedback-Prozess.

Walk the Walk
Schweizer Erstaufführung: Donnerstag, 22. Oktober. Bis Montag, 26. Oktober. Gare du Nord, Basel. www.garedunord.ch.

«Walk the Walk» "Walk the Walk»: Die Mitglieder des Ensemble This/Ensemble That sind hier Performer, Musiker und Teil einer Installation. Bild: Gianmarco Bresadola

«Walk the Walk» "Walk the Walk»: Die Mitglieder des Ensemble This/Ensemble That sind hier Performer, Musiker und Teil einer Installation. Bild: Gianmarco Bresadola

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