Alltag in der Pandemie

Teil 6: «Mit Stammtisch bleibe ich in Kontakt»

In der Kolumne «Alltag in der Pandemie» kommen Personen zu Wort, die entweder aus persönlichen oder beruflichen Gründen auf besondere Weise von der Coronakrise betroffen sind. Heute: Felix Bigliel, Wirt der Rio Bar am Barfüsserplatz. Bz-Redaktorin Samanta Siegfried hat seine Erfahrungen aufgezeichnet.

Samanta Siegfried
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Betriebsferien sind es in diesem Fall keine. Der Wirt der Rio Bar über seine Erfahrungen in der Coronakrise. (Archivbild)

Betriebsferien sind es in diesem Fall keine. Der Wirt der Rio Bar über seine Erfahrungen in der Coronakrise. (Archivbild)

Mélanie Honegger

Die erste schlechte Nachricht war die Absage der Fasnacht. Nicht nur finanziell: In diesen Tagen ist immer auch zusätzliches Personal in der Rio Bar angestellt. Ich habe also allen abgesagt, weil es hiess, der Betrieb laufe wie in normalen Zeiten. Aber dann war gar nichts normal! Die Bude war rammel-tätsche voll! Mein Mitarbeiter Gilles und ich haben das allein geschaukelt und kamen kaum hinterher mit Bierzapfen.

Als ich vom Lockdown erfuhr, galt meine grösste Sorge meinem Personal. Ich musste schon nach der Einführung des Nichtraucher-Gesetzes viele entlassen. Heute habe ich noch zwei feste Mitarbeiter, und die liegen mir sehr am Herzen. Ich war daher erleichtert, als ich von der Möglichkeit erfahren habe, Kurzarbeit zu beantragen. Um mich selber mache ich mir weniger Sorgen. Ich führe seit 42 Jahren die Rio Bar. Wenn ich es in dieser Zeit nicht geschafft hätte, etwas auf die Seite zu legen, hätte ich vermutlich etwas falsch gemacht.

Wenig Kontakte ausserhalb der Gastronomie

Wenn ich jetzt oben in meiner Wohnung an die Bar unten denke, dann vor allem an die vielen Stammgäste, die das Lokal beleben. An den Besucher, der jeden Tag kommt, ein Herrgöttli trinkt und den «Blick» liest. Oder an den Monsieur, der seinen Kir immer draussen geniesst, egal bei welchem Wetter. Oder die zwei reizenden Damen, die jeden Freitag mit Prosecco anstossen und ein Fest haben. Mit dem Stammtisch habe ich mich in den letzten Jahren angefreundet, als Wirt hat man nur wenige Kontakte ausserhalb der Gastronomie. Auch jetzt schreiben wir uns regelmässig SMS, Briefe oder telefonieren miteinander. Sie fehlen mir, und die Rio Bar fehlt ihnen. Es ist der Kontakt mit Menschen, den ich am meisten vermisse.

Alleine zu Hause ist es ein bisschen langweilig. Aber mit meinen 73 Jahren sollte ich ja nicht mehr raus. Ich koche in dieser Zeit öfters, bin aber nicht der Typ, der jetzt anfängt, alle Schränke rauszuputzen. Ein paarmal täglich gehe ich auf den Balkon und schaue auf den leeren Barfüsserplatz, oder ärgere mich über die Jugendlichen, die in Gruppen dort herumlungern. Froh bin ich über meine Katze, die leistet mir gute Gesellschaft.