Theaterfestival Basel

Theater-Parcours von der Pose zur Posse

Das Theaterfestivals Basel lud zu einem Outdoor-Parcours der vom verinnerlichten Posieren bis zur überdrehten Travestie führte.

Dominique Spirgi
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Eine Mischung aus Yoga, Tanz und Akrobatik zeigen diese Performerinnen und ein Performer auf der Kraftwerkinsel.

Eine Mischung aus Yoga, Tanz und Akrobatik zeigen diese Performerinnen und ein Performer auf der Kraftwerkinsel.

Katharina Seibt

Im Theater gehört das Wetter normalerweise nicht zu den virulentesten Themen – ausser natürlich, es findet unter freiem Himmel statt. Wie beim Outdoor-Parcours, zu dem das Theaterfestival Basel am Samstag geladen hatte (und am Sonntag reduzieren musste). Am Samstagnachmittag sprachen Festivalleiter Sandro Lunin und Pressechefin Dürscheid kurz vor Beginn des Outdoor-Parcours auf der Kraftwerkinsel ausgiebig über das Wetter. Sie habe die Äusserung, dass der Parcours «hoffentlich bei schönstem Sommerwetter» stattfinden werde, von der Website genommen, sagte Dürscheid. Und wies noch einmal darauf hin, dass die dritte Station kurzfristig vom Theaterplatz ins Junge Theater Basel verlegt worden sei.

Doch der Auftakt auf der Kraftwerkinsel war ganz und gar der Witterung ausgesetzt. Die elf Tänzerinnen und der eine Tänzer liessen sich bei den von der Schweizerin Yasmine Hugonnet choreografierten «Extensions» vom zum Glück nur leichten Regen nicht beirren. Das lag vielleicht daran, dass die Performance auch bei eitel Sonnenschein zu einem klatschnassen Schluss geführt hätte, konkret zu einer überraschenden Wasserballett-Formation im Rhein.

Finale im Rhein

Als «tänzerische Installation» war die Performance angekündigt, die in ihrer gestischen Zurückhaltung wie eine verinnerlichte Mischung aus Yoga, Tanz und Akrobatik daherkam. In kontemplativem Ernst und einer fast bis zur Schmerzgrenze reichenden Langsamkeit präsentierte die Truppe ein Panoptikum von Posen und Gesten. Zu Beginn ganz auf sich allein gestellt formierten sich die Tänzerinnen und der Tänzer mit wellenartigen Bewegungsmustern zu Paaren, die sich schüchtern in die Arme nehmen, und schliesslich zu Fünfergruppen, die Bilder wie menschliche Skulpturen schufen. Und schliesslich endete die Performance, die akustisch durch Rauschen und Donnerklängen untermalt wurde, nach einer Dreiviertelstunde zum Finale im Rhein.

Ein Miteinander von Rotz und Trotz.

Ein Miteinander von Rotz und Trotz.

Katharina Seibt

So sehr der konzentrierte Auftritt zuweilen durchaus seinen Reiz entfaltete, hinterliess der doch arg verinnerlichte Auftritt etwas Ratlosigkeit. Mag sein, dass das kühle Wetter den einen oder anderen auch ein bisschen ein vorgezogenes Ende der Performace herbeisehen liess.

Berauschendes Tanz-Feuerwerk

Diesen Problemen sah man sich bei der dritten Station des Parcours ganz und gar nicht ausgesetzt, zumal Künstler und Publikum hier ein Dach über dem Kopf hatten und nicht, wie der Titel besagte, auf der Rua (Strasse) stattfinden musste. Der in Paris lebende brasilianische Tänzer Volmir Cordeiro und der französische Perkussionist Washington Timbó begeisterten das Publikum mit einem berauschenden und zuweilen herrlich witzigen Tanz- und Soundfeuerwerk, das von berührenden Trauer- und Schmerzensgesten bis zur grotesken Posse reichte. Hier waren zwei Künstler zu erleben, die sich in keiner Weise schonten.

Cordeiro scheute auch nicht davor zurück, angetrieben vom Konga-Donner Washigtons die lächerlichen Seiten von überbordenden Emotionen mit verrenkenden Gesten und schliesslich auch mit einem absurden Sprechgesang schonungslos nach aussen zu kehren. Leise Töne und kontemplative Bewegungsabläufe sind nicht die Sache dieses Duos und kommen allenfalls ganz am Rand mal zum Ausdruck. Die Performance ist geprägt von einer Mischung aus Rotz und Trotz und durchsetzt von harten Brüchen. Die tänzerische Fulminanz und die charmante Ironie seines Auftritts vermochten aber durchwegs zu packen, man wäre dem Duo, das sich am Schluss beim «wunderbaren Publikum» herzlich bedankte, gerne noch längere Zeit gefolgt.

Performance der Posen: kämpferisch und kokett

Zwischen den beiden konträren Eckpunkten des Outdoor-Parcours stand einem inhaltlichen und ausdrucksmässigen Bogen folgend beim Tinguely-Museum der Auftritt der libanesischen Choreografin und Performerin Khouloud Yassine. Auf einem sockelartigen Podest im überdachten Aussenbereich des Museums stehend, wurde sie quasi zur menschlichen Skulptur.

Die libanesische Performerin Khouloud Yassine zeigt Kraft.

Die libanesische Performerin Khouloud Yassine zeigt Kraft.

Katharina Seibt

In ihrer Performance «Heroes – Surface of a Revolution» präsentierte Yassine ein Panoptikum der grossen Posen. Fliessend liess sie eine Pose in die andere hinübergleiten, jeweils mimisch untermalt vom jeweils zugehörigen Ausdruck: Der herrische Blick beim Römer- oder Hitlergruss, die kämpferische Mimik bei der erhobenen Faust, der hochkonzentrierte Ausdruck bei der Starterposition zum Sprintrennen, das kokette Augenzwinkern beim Flirt-Gestus. Über weite Strecken bereitete es Spass, dem Posen-Theater zu folgen, zumal Yassine auf charmante Art mit dem Publikum flirtete, mit ihren Augen und Gesten immer wieder in Kontakt zu den Zuschauerinnen und Zuschauern trat. Auf die Dauer aber zog sich das Ganze auch etwas in die Länge.

Der Performance mangelte es etwas an der choreografischen Entwicklung, zu sehr war es eine reine Aneinanderreihung von Posen. Das mag ein Grund dafür gewesen sein, kein Abschluss erkennbar war und das Publikum zweimal zu früh zum Schlussapplaus ansetzte.