Sek-Klasse

Und plötzlich ist Schluss: Die Sekundarschulklasse 3d verabschiedet sich in die Zukunft

Die «Schweiz am Wochenende» begleitet eine Sek-Klasse durchs letzte Schuljahr. Heute geht die Serie zu Ende.

Benjamin Rosch
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Lehrer Samuel Stirnimann lässt das Schuljahr der Klasse 3d locker ausklingen.

Lehrer Samuel Stirnimann lässt das Schuljahr der Klasse 3d locker ausklingen.

Kenneth Nars

Im August war hier etwas los. 19 Schülerinnen und Schüler starteten in ein Schuljahr, von dem sie hofften, es werde ihr letztes bleiben. Obs daran lag, oder einfach die normale Nervosität nach den langen Sommerferien, doch im vergangenen August war die Aufregung der jungen Menschen fast greifbar. Vergangenen Dienstag, gleicher Raum, die gleichen Gesichter, doch die Anspannung ist weg. Die meisten Schicksale der Klasse 3d sind besiegelt, nur vereinzelte Schüler hoffen doch noch auf einen positiven Bescheid aus der letzten Schnupperwoche.

Ein Schuljahr lang hat die «Schweiz am Wochenende» die Abschlussklasse 3d aus der Sekundarschule begleitet. Ein Jahr lang ging es darum, die Spannung hochzuhalten, und dann endet es nicht etwa mit einem Knall, sondern mehr als leiser Fade-out. Corona trug einiges dazu bei, aber vielleicht wäre es auch sonst ganz ähnlich gekommen. Von Anfang an war ja klar, dass es nicht alle packen würden, sich eine Lehrstelle oder einen Platz an einer weiterführenden Schule zu ergattern. Für sie ändert sich nach den Sommerferien nicht so viel, sie gehen weiterhin zumindest teilweise zur Schule, sie werden in den Pausen rumblödeln und sich auf dem Fussballfeld messen. Und doch wirkt es insgesamt, als hätte hier etwas abrupt geendet, was eigentlich erst noch am Entstehen war.

Zwei Schüler und eine Schülerin haben es geschafft: Sie werden diesen Sommer ihre Lehre antreten. Eine von ihnen ist besonders froh: Akasya hatte bald selber nicht mehr daran geglaubt. Noch Ende März sah es nicht gut aus. Zwar durfte sie endlich als Pharmazieassistentin schnuppern, doch schon nach wenigen Tagen schickten die Apotheker die junge Frau nach Hause. Während Corona fehlte dem Personal die Zeit, um eine Praktikantin zu betreuen. «Das lief richtig schlecht», sagt sie. Akasya sattelte um und bewarb sich als Fachangestellte Gesundheit. Das klappte. Vor wenigen Tagen erhielt sie den Zuschlag am Felix-Platter-Spital. «Ich bin richtig glücklich. Ich dachte schon, ich werde hier bleiben.» Mit einer Handbewegung zeigt Akasya auf einige verwaiste Stühle im Klassenzimmer. Ihr Ehrgeiz ist geweckt. «Ich möchte mich gerne weiterbilden. Die Berufsmatur ist mein Ziel», sagt sie.

«Ich bin ja erst fünfzehn Jahre alt, verstehen Sie?»

Lehrer Samuel Stirnimann lässt die letzten Tage relativ locker verstreichen. Ein Ausflug nach Genf, ein Nachmittag in der Badi, einige Lektionen mit selbst gesuchten Diskussionsthemen. Rassismus zum Beispiel, oder Drogen. Zu den Unterrichtstagen tauchen nicht mehr alle Schülerinnen und Schüler auf, einige haben noch sogenannte Jokertage zu beziehen. Auch jetzt nicht, obwohl heute Diensttag noch Unterricht wäre. Und die, die da sind, sind auch mehr mit Aufräumen beschäftigt als Lernen. Die Mahnungen des Mathelehrers schlagen sie in den Wind, und er lässt sie gewähren. Warum auch nicht, in drei Tagen werden schliesslich die Zeugnisse verteilt. Prüfungen gab es schon seit Ausbruch der Pandemie nicht mehr. Es sei eigentlich erstaunlich, wie lange die Klasse durchgehalten und sich weiterhin am Unterricht beteiligt habe, findet Stirnimann. Obwohl schon seit längerem feststeht, dass sich die Noten nicht mehr ändern werden.

Die Klasse 3d – was bisher geschah

Das ist die Klasse 3d der Sekundarstufe St. Alban in Basel: Eine Integrationsklasse im mittleren Niveau, bestehen aus 11 Schülern und acht Schülerinnen, davon zwei mit einem IQ unter 70. Zudem sind vier Schüler Flüchtlinge. 19 Schülerinnen und Schüler stehen damit an der Schwelle zum Erwachsensein und vor der Frage, wie es mit ihnen weitergehen soll.
In insgesamt sechs Folgen hat die «Schweiz am Wochenende» die Ziele der jungen Menschen vorgestellt, war an Schülergesprächen, an der Lehrstellen-Börse und natürlich immer wieder im Klassenzimmer. Mit dieser Folge geht die Serie zu Ende. (bro)

Einigen Schülern wurde genau dies zum Verhängnis, zumindest in der Eigenwahrnehmung. Vielleicht machen sich es einige damit etwas einfach. Ruben aber, den alle nur noch bei seinem Spitznamen Pidonchi nennen, wollte eigentlich nach den Weihnachtsferien noch einmal alles in die Waagschale werfen, um den Sprung an eine weiterführende Schule zu schaffen. «Ich wollte richtig Gas geben», sagt er. Das funktionierte gar nicht schlecht. Nach den ersten Tests hatte er sein dafür ungenügendes Zeugnis zur Schuljahreshälfte wieder ausgebügelt. «Es ging nur noch darum, den Schnitt zu halten», sagt er.

Doch dann wurden alle Noten aus dem zweiten Halbjahr annulliert. Einen Ausweg hätte es noch gegeben, die Aufnahmeprüfung. «Aber die ist wirklich schwierig», sagt Ruben. Ein Klassenkamerade pflichtet ihm bei: «Wissen Sie, es ist weitaus schwieriger, die Aufnahmeprüfung zu bestehen, als den erforderten Notenschnitt zu erreichen. Sie können mir glauben, ich kenne fast niemanden, der es geschafft hat.» Er selber grämt sich nicht gross, dass er ein weiteres Jahr an dieser Schule bleiben wird. «Ich bin ja erst fünfzehn Jahre alt. Verstehen Sie, was ich meine: Wie soll ich mich da überhaupt schon für alles festlegen?»

Einige haben mit Corona den Anschluss verpasst

Während sich die Stunde ihrem Ende zuneigt, gibt es im Klassenraum nur noch ein Thema: der Abschlussball. Rojin weiss bald Bescheid über sämtliche Outfits.

«Ich trage sicher keinen Smoking!», sagt ein Schüler.
«Die lassen Dich aber nicht mit Trainerhosen rein.»
«Auch keine Trainerhosen. Vielleicht ein Gilet.»
«Und gehst Du noch zum Coiffeur?»
«Jo dänk!»

Ergibt sich in den letzten Tagen vor den Sommerferien eine Lehrstelle, wird Ruben das zehnte Schuljahr absolvieren. Wie etwas mehr als die Hälfte der Klasse. Unter ihnen befindet sich auch Safiulla, der Flüchtling aus Afghanistan, den wir in der zweiten Folge an ein Lehrergespräch begleitet haben. Als er vor etwa drei Jahren in der Schweiz ankam, sprach er nur Farsi. Heute spricht er leidlich Deutsch, Französisch bereitet ihm aber noch Mühe. Zwei haben ein Praktikum in Aussicht, Silas wechselt ans Gymnasium und zwei Schülerinnen an die Fachmaturitätsschule. Auch Ilia hätte an die FMS wechseln können. Er zog den Einstieg in die Berufswelt vor. Unter jenen mit dem Praktikum ist Lindi, den wir in der ersten Folge begleitet haben. Er arbeitet nächstes Jahr im Detailhandel. So, wie er es sich schon ganz zu Beginn vorgenommen hatte.

Lehrer Samuel Stirnimann zieht eine positive Bilanz. In anderen Klassen sei die Quote der Schüler, die ins zehnte Schuljahr gehen, etwas tiefer. Aber solche Unterschiede gibt es schnell einmal. An seiner Klasse lobt er vor allem den Durchhaltewillen. Manche hätten sich auch durch das Home Schooling nicht beirren lassen, immer pünktlich die Arbeiten eingereicht. «Andere hingegen haben schon stark abgehängt», sagt Stirnimann. Es waren in etwa die gleichen, die auch im Unterricht immer mal wieder die Konzentration verlieren.

Noch einmal bittet Stirnimann die Klasse um Ruhe. Er braucht Freiwillige die zukünftigen Erstklässlern den Schulbetrieb erklären. Sofort melden sich einige freiwillig. Drei Jahre bleiben den Neuen, um ihre Weichen für die Zukunft zu stellen. Eine kurze Zeit. Niemand weiss das besser als die Schüler und Schülerinnen der Klasse 3d.