Strafgericht

Veruntreuung oder nur ein Chaos in der Buchhaltung?

Der ehemalige Kassier des Basler Expats-Vereins Centrepoint steht wegen Veruntreuung vor Gericht. Er bestreitet alle Vorwürfe. «Man hat es meinem Mandanten faktisch unmöglich gemacht, eine saubere Buchhaltung zu führen», sagt seine Verteidigerin.

Patrick Rudin
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Angeblich fehlen in der Vereinskasse rund 100'000 Franken.

Angeblich fehlen in der Vereinskasse rund 100'000 Franken.

AZ Archiv

Es war ein bisschen wie in der Fernsehserie «Desperate Housewives», bloss sassen die Hausfrauen auf den Zuschauerplätzen im Strafgericht, und alles drehte sich um den angeklagten Hausmann: Der 40-jährige Pakistani war ein Jahr lang Kassier für den Basler Expats-Verein Centrepoint, bis er im März 2012 verhaftet wurde und drei Wochen lang im Waaghof sass.

Angeblich fehlen in der Vereinskasse rund 100'000 Franken, wobei dieser Betrag völlig umstritten ist: Mitgliedsbeiträge wurden oft in bar und ohne Quittung einkassiert, Ausgaben des Vereins ebenso formlos bestritten. Die Ordner mit den Buchhaltungsunterlagen aus dem entsprechenden Zeitraum sind verschwunden. Die müssten beim Verein sein, meinte der Pakistani am Montag dazu. Die habe der ehemalige Kassier, meint hingegen der Verein.

Geld floss nach Pakistan

Doch nicht wegen schlampiger Buchführung sitzt der Pakistani vor dem Basler Strafgericht – angeklagt hat man ihn wegen Veruntreuung: Mit dem Geld soll er sich ein schönes Leben gegönnt und den Rest seinem Schwager und der Schwiegermutter in Pakistan geschickt haben. Der 40-Jährige wehrte sich resolut gegen diese Vorwürfe: Er habe lediglich eigenes Geld sowie Geld seiner Familie nach Pakistan geschickt. Tatsächlich ist seine Ehefrau mit einem Lohn von 9500 Franken Grossverdienerin, die Wohnung schlägt allerdings mit monatlich 2900 Franken zusammen mit inzwischen zwei Kindern ein gewisses Loch in das Budget. Klar ist, dass via Western Union innerhalb weniger Monate rund 50'000 Franken nach Pakistan flossen, jeweils einzelne Beträge zwischen 400 und 1000 Franken.

Absichtliches Chaos?

Klar ist auch, dass vom Vereinskonto insgesamt 114'000 Franken auf das Privatkonto des 40-Jährigen flossen. Er sagte dazu, dass er wegen Problemen mit dem E-Banking die Vereinsrechnungen jeweils ab seinem Privatkonto bezahlt habe. Offenbar gab es Verzögerungen bei der Vollmacht und bei den Passwörtern – doch worin genau der Vorteil dieses «Umweges» bestand, konnte der Mann trotz hartnäckiger Fragen der Richterin nicht beantworten. Für die Staatsanwaltschaft ist die Sache eindeutig: Zieht man tatsächliche Ausgaben des Vereins ab, die der Mann beglichen hat, bleibt eine Lücke von 67'000 Franken. Er habe bei der Buchhaltung wohl absichtlich ein Chaos hinterlassen, um seine Spuren zu verwischen, meinte Staatsanwältin Erbe. Sie forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von neun Monaten wegen Veruntreuung.

Die Verteidigerin hingegen betonte, er habe alle bezogenen Gelder für Rechnungen des Vereins verwendet. Er habe als Kassier möglicherweise «dilettantisch» gearbeitet, sich aber nicht strafbar gemacht. Sie wies auch darauf hin, dass Mitglieder immer wieder ohne Quittung Vereinsausgaben vorgeschossen und dann einfach mit ihrem Mitgliedsbeitrag verrechnet hätten. «So hat man es meinem Mandanten faktisch unmöglich gemacht, eine saubere Buchhaltung zu führen.» Der Verein sei schlecht organisiert gewesen, die Budgetierung für 2011 gar völlig falsch, daher gebe es auch keinen Fehlbetrag. «Man sucht einen Schuldigen für die Verluste», sagte sie und forderte einen Freispruch.

Der Verein hat eine Zivilforderung in der Höhe von 99'704 Franken gestellt, Einzelrichterin Liselotte Henz wird auch darüber zu befinden haben. Das Urteil fällt am Mittwoch.