Erasmus von Rotterdam
Vor 480 Jahren starb der grosse Europäer in Basel

Vor 500 Jahren gibt Erasmus von Rotterdam mit dem «Novum Instrumentum» sein bedeutendstes Werk in Basel heraus. Die Stadt entwickelt sich zum geistigen Zentrum Europas. Nach seinem Tod am 12. Juli 1536 wird der Humanist im Münsterkreuzgang beigesetzt.

Andreas Fahrländer
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Erasmus im Porträt aus der Werkstatt Hans Holbeins des Jüngeren von 1530

Erasmus im Porträt aus der Werkstatt Hans Holbeins des Jüngeren von 1530

E. Arthur Ball Collection/ZVG

Europas wichtigster Humanist, Desiderius Erasmus von Rotterdam, ist am 12. Juli 1536 in Basel gestorben. Zwei Ausstellungen im Münster und im Pharmazie-Historischen Museum befassen sich jetzt im Rahmen des Jubiläumsjahres «Erasmus MMXVI» mit der Basler Editionsgeschichte seiner Werke. Das ganze Schaffen und Wirken des grossen Europäers zeigt zudem die Basler Erasmus-Expertin Christine Christ-von Wedel in leicht lesbarer und unterhaltsamer Form in einem neuen Büchlein.

Zur Welt gekommen ist Erasmus wahrscheinlich vor 550 Jahren in Rotterdam als unehelicher Sohn eines Priesters aus Gouda und einer verwitweten Arzttochter. Das Geburtsjahr 1466 ist nicht gesichert. Sicher ist dagegen, dass der junge Erasmus von 1487 bis zu seiner Priesterweihe 1492 im Kloster der Augustiner-Chorherren in Steyn bei Gouda lebte.

Im selben Jahr entdeckte Christoph Kolumbus Amerika, es gilt als endgültiger Anbruch der europäischen Neuzeit. Erasmus wuchs also mitten im Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit auf. Von 1495 bis 1499 studierte und unterrichtete er an der Sorbonne in Paris. Wohl fühlte er sich dort allerdings nicht. Zu sehr war ihm die Hochschule in der mittelalterlichen Scholastik steckengeblieben.

1499 reiste er deshalb nach England. Hier fand er endlich ein geistiges Klima, das ihn anregte. Hier konnte er seine liberalen Gedanken frei entwickeln und seine Ideen zu einer erneuerten Theologie reifen lassen.

Das Lob der Torheit

1506 bis 1509 unternahm Erasmus eine Italienreise. In Turin promovierte er in nur 14 Tagen zum Doktor der Theologie. 1509 fiel ihm auf dem Rückweg beim Ritt über den Septimerpass die Idee zu seinem bekanntesten Werk, dem «Lob der Torheit» ein. In England schrieb er als Gast von Thomas Morus das ironische Loblied auf Stultitia, die Göttin der Torheit. Ohne sie sei kein Leben möglich, ohne Übermut kein Glück. Das Buch wurde bis zu Erasmus’ Tod drei Dutzend Mal aufgelegt – ein Bestseller.

1514 kam Erasmus ein erstes Mal von England nach Basel. Beim Buchdrucker Johannes Froben gab er sich zum Spass zuerst als sein eigener Gehilfe aus. Froben war ihm auf Anhieb sympathisch. Erasmus deckte den Schwindel auf und Froben wurde von da an sein Drucker. Nach dessen Tod blieb er auch seinem Sohn Hieronymus treu.

Erasmus konnte seine Werke bei Froben leserfreundlich gestalten – mit Anmerkungen und Zusammenfassungen. 1516 verlegten die beiden in kurzer Zeit die erste zweisprachige Ausgabe des Neuen Testaments – das «Novum Instrumentum». In einer Spalte war der Text im griechischen Original abgedruckt, in der Spalte daneben eine lateinische Neuübersetzung.

Bis dahin war die lateinische «Vulgata» des Kirchenvaters Hieronymus aus dem 4. Jahrhundert die gültige Bibelübersetzung. Erst die Rückbesinnung auf die Antike im 15. Jahrhundert weckte das Interesse an den griechischen Originalen.

1521 liess sich Erasmus dauerhaft in Basel nieder – aus politischen und religiösen Gründen. Aber auch wegen der guten Zusammenarbeit mit Froben.

Erasmus zog weitere Humanisten an, Basel wurde zum geistigen und kulturellen Zentrum Europas, der Buchdruck in der Stadt blühte auf.

Mit dem Basler Reformator Johannes Oekolampad war er eng befreundet. Der Maler Hans Holbein der Jüngere porträtiert ihn mehrmals. Erasmus’ grosser Gegenspieler war Martin Luther – er war ihm allzu radikal. 1524 distanzierte er sich entschieden von ihm. Als Basel 1529 reformiert wurde, ging Erasmus ins nahe, katholische Freiburg, bevor er 1535 wieder nach Basel zurückkehrte.

Tod an der Bäumleingasse

Frömmigkeit ist nach Erasmus’ Verständnis nicht die Verehrung von Reliquien und Statuen, sondern die «Imitatio Christi», ein nach dem Vorbild Christi geführtes Leben. Als Erasmus im Februar 1536 zum dritten Mal in Basel war und schwer von der Gicht geplagt wurde, verfasste er sein Testament.

In der Nacht vom 11. auf den 12. Juli 1536 starb Erasmus in Hieronymus Frobens Haus «Zum Luft» an der Bäumleingasse, dem heutigen Erasmushaus. «Lieve God», lieber Gott auf Niederländisch, waren seine letzten Worte. Obwohl er stets katholisch geblieben war, wurde sein Leichnam feierlich im Münsterkreuzgang beigesetzt. Zwei Jahre später errichteten seine Schützlinge ein Epitaph, ein symbolisches Grabmal, das bis heute im nördlichen Seitenschiff des Münsters hängt.

Über der vergoldeten Inschrift ist in einem Medaillon Terminus, der römische Gott der Grenzsteine, zu sehen. Dessen Sinnspruch «concedo nulli» – «ich weiche keinem» war auch Erasmus’ Leitbild. Gemeint ist damit, dass Geist und Intellekt auch den Tod besiegen.

Als «festgelegter Ausdruck, Fachwort» ist das Wort Terminus im Deutschen seit dem 15. Jahrhundert gebräuchlich. Vermutlich haben die Stifter des Grabmales diese Doppeldeutigkeit bewusst gewählt. Das Setzen des richtigen Wortes war Erasmus’ grosse Lebensaufgabe – und so steht bei ihm das Wort über allem, bis in den Tod.

Christine Christ-von Wedel: Erasmus von Rotterdam – Ein Porträt. Mit Karikaturen von Albert de Pury. Schwabe 2016. 192 Seiten, 17.50 Franken.

Ueli Dill und Petra Schierl (Hrsg.): Das bessere Bild Christi – Das Neue Testament in der Ausgabe des Erasmus von Rotterdam. Schwabe 2016. 220 Seiten, 38 Franken.

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