Rutschmadame
Wahlentscheid auf Backblech

Martina Rutschmann
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Im Frühling war es Sauerteigbrot, nun ist das Weihnachtsgebäck an der Reihe - und es dient als Wahlhilfe.

Im Frühling war es Sauerteigbrot, nun ist das Weihnachtsgebäck an der Reihe - und es dient als Wahlhilfe.

Marina Bertoldi

Butter, Milch, Mehl. Ärmel nach hinten krempeln und Teig kneten für die ersten Corona­grättimänner. Im Frühling prahlten alle mit Sauerteig, es wird Zeit für Hefe. Aber warum eigentlich Grättimänner? Die Welt besteht nicht nur aus Männern: Am Sonntag zittern im zweiten Wahlgang drei Weiblein und zwei Männlein um den Einzug in die Regierung. Zwei werden verlieren. Was ist, wenn Grättimann 1 mit Grättifrau 2 und Grättifrau 3 gewählt wird, die schlagen sich doch die Köpfe ein! Schlimmer wären Grättifrau 3 mit Grättimann 2 und Grättimann 1. Nicht auszudenken! Noch liegen sie zu fünft auf meinem Backblech. Aber Achtung, Diskriminierungsfalle! Angefangen bei den Frisuren, da ist jeder Grätti ein Baschi Dürr. Heidi Mück kommt zu kurz – oder womit bitte bastle ich spontan eine Brille? Wie mache ich Frauen überhaupt erkennbar? Mit Brüsten, um dann als Sexistin dazustehen?

Ich hab mich selber übertroffen, die fünf sehen zuckersüss und dupfgenau gleich aus. Mein Mann schnappt sich einen und will ihm den Kopf abbeissen. Ich schreie: Halt! Du kannst doch nicht einfach Esther Keller essen, vielleicht braucht Basel sie noch. Welcher ist wohl Kaspar Sutter? Der mit dem ernsten Wybeeri-­Blick? Liebevoll lege ich die fünf in einen Korb und mache ein Foto. Sauerteig war gestern, wobei zwei der fünf Teiglinge bald ziemlich sauer sein werden. Noch lachen sie vom Blech. Ich schaffe es fast nicht, die Finger von ihnen zu lassen. Einer ist ein Mü grösser, das wird wohl Stephanie Eymann sein. Bald kommt meine Nichte, dann geht es den Grättis an den Teig. Wen gebe ich ihr? Wer scheidet zuerst aus?

Fast hätte ich es vergessen: Meine Nichte ist eine richtige kleine Rutschmadame mit Riesenhunger. Sie stürzt sich auf alle Teiglinge, ich kann es nicht verhindern. Keiner bleibt übrig, die Regierung muss künftig in reduzierter Formation auskommen. Das Mädchen hat es so gewollt. Es heisst ja immer, Kinder an die Macht, nun ist es passiert. Mich nimmt wunder, wer am besten geschmeckt hat. Alle gleich, sagt meine Nichte, dupfgenau gleich. Kein Unterschied? Keiner! Das beruhigt mich. Ich sehe der Wahl nun entspannt entgegen. Aus Teig sind schliesslich alle Kandidierenden. Die Frage ist nur, ob dieser sauer ist oder hefig.