Interview

Adrian Stocker: «Den Verwaltungen fehlt es an Fachpersonal»

Gemeindeberater Adrian Stocker plädiert für eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Dörfern.

Dimitri Hofer
Drucken
Teilen
Adrian Stocker berät mit seinem Unternehmen Gemeinden.

Adrian Stocker berät mit seinem Unternehmen Gemeinden.

zvg

Es gibt kaum jemanden, der sich im Raum Basel besser mit den Problemen von Gemeinden auskennt. Adrian Stocker ist in der Region als selbstständiger Gemeindeberater tätig. Zuvor arbeitete er während mehr als zwei Jahrzehnten in unterschiedlicher Funktion im öffentlichen Dienst.

Sie kommen in Kontakt mit den verschiedensten Gemeinden. Mit welchen Schwierigkeiten haben alle Verwaltungen zu kämpfen?

Adrian Stocker: Allgemein habe ich festgestellt, dass der Druck überall steigt. Die Komplexität der Aufgabengebiete hat zugenommen. Die Qualitätsansprüche des Kantons und der Einwohner sind grösser geworden. Hinzu kommt, dass es den Verwaltungen, egal ob gross oder klein, oftmals an Fachpersonal fehlt.

Wieso gestaltet sich die Rekrutierung von Kaderleuten schwierig für viele Gemeinden?

Viele Babyboomer, die lange auf einer Gemeinde tätig waren, erreichen das Pensionsalter und hinterlassen Lücken. Der Pool an Personen, die auf einer Verwaltung arbeiten möchten, ist klein. Vielfach spannen sich die Gemeinden untereinander die Mitarbeiter aus. Verlierer sind dabei häufig kleine Gemeinden, die ihre Angestellten an grössere Gemeinden verlieren.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Arbeit auf einer Gemeindeverwaltung attraktiver zu gestalten?

Wichtig ist es, die Vielseitigkeit der Tätigkeit auf einer Gemeindeverwaltung noch stärker hervorzuheben. Man arbeitet in einem einzigartigen Umfeld. Es kann aber auch helfen, den Lohn der Verwaltungsangestellten der Privatwirtschaft anzupassen.

Immer häufiger kommt es auf Verwaltungsebene zur Zusammenarbeit zwischen Gemeinden. Aktuell zwischen Metzerlen-Mariastein und Rodersdorf, wo Sie beratend tätig sind. Welches sind die Vorteile solcher Kooperationen?

Oftmals arbeiten kleinere Gemeinden bereits in vielen Bereichen zusammen. Ich denke etwa an Feuerwehrverbünde, Sozialhilfeorganisationen und Schulen. Die Zusammenarbeit auf Verwaltungsebene ermöglicht eine stärkere Professionalisierung und eine Verlagerung von Aufgaben, die bisher von Milizen übernommen wurden, auf die Verwaltung. So können Kommissionen und Gemeinderäte entlastet werden.

Sehen Sie in einer solchen Verschiebung der Aufgaben ein Zukunftsmodell?

Ja, auf jeden Fall. Gerade in Gemeinden, in denen Parteipolitik eine grosse Rolle spielt, kann man durch dieses Modell versuchen, Sachpolitik zu betreiben. Das Amt des Gemeinderats gewinnt auf diese Weise wieder an Attraktivität, da die Aufgaben abnehmen. Man muss, um es überspitzt zu sagen, nach einem langen Tag im Geschäft als Gemeinderat nicht mehr selber einen Brief für die Gemeinde aufsetzen.

Sie deuten es an: Vielerorts fällt es Gemeinden schwer, Personen zu finden, die sich in einem Gemeinderat engagieren möchten. Wie könnte man diesem Mangel sonst noch entgegenwirken?

Die Gründe für das Desinteresse an der Gemeindepolitik sind vielfältig: Die Menschen sind immer stärker im Beruf gefordert, es gibt unzählige Freizeitangebote, und die Wertschätzung für Gemeindepolitiker ist gesunken. Vom Lohn reden wir gar nicht erst. Einige Gemeinden versuchen, Anreize zu schaffen, indem sie das Gehalt der Gemeinderäte erhöhen. Ich denke aber vor allem, dass es viel interessanter wird, ein Gemeinderatsamt zu bekleiden, wenn die Miliz weitgehend strategisch, und nicht mehr operativ, tätig ist. Wenn einem eine starke Verwaltung zur Seite steht, steigt die Attraktivität, sich als Gemeinderat zu engagieren, da man sich nicht mit unwesentlichen Alltagsproblemen beschäftigen muss.