Münchenstein

Aus einem knuddeligen Welpen wird plötzlich ein ungeliebter Köter

Ein Verein mit Sitz in Münchenstein vermittelt Berner Sennenhunde. Als knuddeliger Teddybär den Haltern schmackhaft gemacht, werden sie ihnen bald einmal zu viel. So heisst es dann oft: «Holt diesen Köter; oder ich schlag ihn tot!»

Lucas Huber
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Berner Sennenhunde wie dieser sind in ihrer Haltung anspruchsvoller als viele denken. Lucas Huber

Berner Sennenhunde wie dieser sind in ihrer Haltung anspruchsvoller als viele denken. Lucas Huber

Er sei der Familienhund schlechthin, friedlich im Umgang, leicht zu erziehen – und der Inbegriff des Schweizerischen: der Berner Sennenhund. «Und das erwarten die Leute dann auch. Sie erwarten ‹Bäri›, einen Teddybär, der erzogen auf die Welt kommt. Doch das tut er nicht – und der Teddybär wird gross», sagt Christa Kropik, Präsidentin des Vereins Berner Sennenhunde in Not Schweiz mit Sitz in Münchenstein.

Der Verein, erst seit 2008 in der Schweiz aktiv, holt Hunde aus teilweise prekären Situationen und vermittelt sie. Der Mutterverein, der zwei Jahre älter ist, sitzt in Deutschland und arbeitet eng mit der Schweizer Sektion zusammen. Darum hat man auch gemeinsame Zahlen. 400 ist so eine. So viele Berner Sennenhunde wurden 2012 neuen Haltern übergeben.

Wie zu Gotthelfs Zeiten

Kropik erklärt: Im besten Fall sei eine laufende Scheidung des Besitzer-Ehepaars der Grund, weshalb ein Hund abgegeben werde. Im schlimmsten sage der Anrufer: «Holt diesen Köter; oder ich schlag ihn tot!» Anderen würden die Arztkosten zu hoch, oder «Bäri» entspreche mit zwei Jahren und mitten in der Pubertät schlicht nicht mehr dem knuddeligen Welpen, das man sich einst angeschafft habe. «Das gibt es leider viel zu oft. Den Leuten wird ein Hund wie zu Gotthelfs Zeiten angepriesen, der kaum Erziehung braucht; aber das sind Berner Sennenhunde einfach nicht.»

Zuchthündinnen sind misshandelte Gebärmaschinen

Alles hat seinen Preis, auch Hunde. «Sind sie zu günstig, ist Vorsicht geboten», sagt Vereinspräsidentin Christa Kropik. Zahllose Rassenhunde stammen nämlich von sogenannten Vermehrerhöfen. Die Hunde leben in engen Zwingern, sind krank, werden geschlagen und haben nur einen Zweck: im Akkord zu gebären. Der Verein Berner Sennenhunde in Not hat eine Art Leitfaden herausgegeben, mit dessen Hilfe Vermehrer leicht enttarnt werden können. Interessiere sich ein Züchter nicht für den Halter und seine Erfahrung mit Hunden, sollten die Alarmglocken schrillen. Und koste der Hund unter 1000 Euro, seien die Finger davon zu lassen. Doch letztlich müsse man ans Gewissen appellieren, sagt Kropik: «Man muss sich fragen, ob man einen Hund will, der in einem solchen sozialen Umfeld geboren wird, nur um etwas Geld zu sparen.» (LHU)

Zahlreiche Hunde kommen auch von sogenannten Vermehrerhöfen, Kropik nennt sie unbeschönigend «Fabrikhunde» (siehe Box). Es sind Tiere, die in Zwingern auf Beton gehalten werden und im Akkord gebären. Kropik spricht von «organisierter Vergewaltigung an Hündinnen». Es gibt sie in Frankreich und Belgien, vor allem aber in Osteuropa. Darum appelliert die Präsidentin an jeden, der sich einen Berner Sennenhund anzuschaffen gedenkt: «Wenn also ein Hund günstig angeboten wird, muss man unbedingt fragen, woher er kommt.»

Viel Aufklärung nötig

Vor zwei Jahren hat der Verein knapp 20 Hunde aus einer geschlossenen Fabrik gerettet. Sie wurden erst in Auffangstationen in der ganzen Schweiz verteilt – die nächstgelegene befindet sich in Riehen –; später wurden sie an Halter vermittelt. Die meisten zumindest, denn manch ein Hund ist derart geschädigt, dass er keiner Familie mehr zugemutet werden kann. Sie werden eingeschläfert.

Kropik appelliert auch an jene Bauern, die Berner Sennenhunde im Nebenerwerb züchten. Oft würden die Hunde nicht richtig gehalten, beklagt die Präsidentin, vor allem sei aber auch hier das Problem, dass Bäris und flauschige Familienhunde versprochen werden. «Das ist ein heikles Thema; und es benötigt viel Aufklärung. Wir arbeiten daran.»